Kritik zu Der Vollposten

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Können sich zehn Millionen Italiener irren? Der Komiker Checco Zalone bricht daheim regelmäßig Zuschauerrekorde. Nun kommt erstmals einer seiner Filme in unsere Kinos: die Tragikomödie um einen lethargischen Beamten, der um keinen Preis seine heilige Festanstellung aufgeben will

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Im Slapstick ist der Gag traditionell in drei Akte eingeteilt. In dieser Struktur lässt sich am besten mit Erwartung und Verblüffung spielen. Im Dreischritt vollzieht sich das Verhängnis mit unbarmherzigerer Logik. Der Gag kann dabei entweder raffiniert weiterentwickelt werden – oder der Film setzt auf die erste Pointe einfach noch zwei drauf. Auf diese Weise lernen wir Checco Zalone kennen. Eine rätselhafte Fügung hat den Durchschnittsitaliener ins tiefste Afrika verschlagen. Der Taxifahrer rühmt die Zuverlässigkeit seines Wagens, der nach einem brüsken Schnitt aber mit einem Motorschaden in der Wildnis stecken bleibt. Immerhin sei das Wetter wunderbar, beschwichtigt der Chauffeur seinen ungehaltenen Fahrgast, bis ihn ein tropischer Regenguss in der nächsten Einstellung Lügen straft. Und zu allem Überfluss entpuppen sich die freundlichen Eingeborenen als grimmige Kannibalen. Bevor der tragikomische Dreischritt Checco jedoch in ihren Kochtopf befördert, wollen sie Gericht halten über seinen Charakter.

Dieses Seelentribunal bringt den schwatzhaften Eindringling erst einmal in arge Verlegenheit. Viel Gutes hat er nicht zu berichten. Kurzerhand erzählt er ihnen seine Lebensgeschichte, die mit seinem Kindheitstraum, in den öffentlichen Dienst zu gehen, einen durchaus gewitzten Anfang nimmt. Sein Beamtendasein erfüllt sich im heiteren Einerlei von Müßiggang und Bestechlichkeit. Die Existenz des lethargischen Machos und verwöhnten Muttersöhnchens wird erst durch eine Verwaltungsreform aus den Angeln gehoben, die ihm die Wahl zwischen Versetzung oder Kündigung der heiß geliebten Festanstellung lässt. In der Verbannung am Polarkreis verliebt Checco sich in eine patente Wissenschaftlerin, die ihm Manieren und Verantwortungsgefühl beibringt. Aber dann packt ihn das Heimweh...

Checco Zalone ist eine Kunstfigur, die der Sänger und Komiker Luca Pasquale Medici erfunden hat und die seit ihrem zweiten Kinoauftritt regelmäßig heimische Zuschauerrekorde bricht. Sein vierter Film »Der Vollposten« zeigt, wie stark sich Zalones Humor an die zwei großen Tendenzen des italienischen Lustspiels anlehnt. Das ist zunächst die ruhmreiche Tradition der Commedia all' italiana, die sich zu einer sarkastischen Kulturgeschichte Nachkriegsitaliens summiert und sich mit Namen wie Mario Monicelli, Dino Risi, Vittorio Gassman und Alberto Sordi verbindet. Ab Mitte der 70er wurde sie durch die weniger ruhmreiche des Komikervehikels ersetzt, das seine komödiantischen Funken vor allem daraus schlägt, albernen Typen dabei zuzuschauen, wie sie alberne Dinge anstellen. Nach Ende der Glanzzeiten Adriano Celentanos hat sich diese Schule indes als schwer exportierbar erwiesen – was einer der Gründe dafür sein mag, weshalb der Name von Zalones Synchronsprecher Bastian Pastewka auf dem Filmplakat in ebenso großen Lettern prangt wie der des Stars.

»Der Vollposten« gibt sich einerseits als bissiger Kommentar auf die Torheiten seiner Landsleute zu erkennen, während der Hauptdarsteller andererseits dem Affen ungebremst Zucker geben darf. Es ist erstaunlich, wie wenig Anstalten Zalone zunächst macht, seiner Figur einen Hauch von Charme zu verleihen. Der Publikumsliebling muss nicht um Sympathie buhlen. An der lustvollen Inbrunst, mit der die Commedia einst ihre Landsleute von ihrer übelsten Seite präsentierte, fehlt es ihm entschieden. Er begnügt sich damit, ihnen einen vergnüglichen Zerrspiegel vorzuhalten. Dieser Checco ist von gleichsam außerordentlicher Gewöhnlichkeit. Dieses Flair von ulkig verdichteter Alltäglichkeit nimmt die Inszenierung von Zalones Stammregisseur Gennaro Nunziante behände auf. Es ist ja eh ein Kennzeichen der großen nationalen Filmerfolge in Europa, den Hollywoodblockbustern nicht etwa mit einem einfallsreichen Erzählgestus die Stirn zu bieten. Vielmehr pendeln sie sich in einer behaglichen ästhetischen Mittellage ein. Und da es auch dem »Vollposten« an Widerhaken fehlt, kann Zalones komödiantische Selbstbezichtigung das Versprechen der Versöhnlichkeit getrost halten, das sie insgeheim von Anfang an ausgab.

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