Kritik zu Certain Women

Trailer englisch © IFC Films

2016
Original-Titel: 
Certain Women
Filmstart in Deutschland: 
02.03.2017
Musik: 
L: 
105 Min
FSK: 
keine Beschränkung

In ihrem neuen Film adaptiert Kelly Reichardt (»Meek's Cutoff«, »Night Moves«) vor dem Hintergrund des ­winterlichen Montana drei Kurzgeschichten von Maile Meloy, in denen es um die spezifisch weibliche ­Lebenserfahrung alltäglicher Frustration geht

Bewertung: 5
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In einer Shoppingmall führt eine Gruppe Indianer in Trachtenmontur einen traditionellen Tanz vor; vor dem Haus eines alten Mannes liegt ein Haufen historischer Sandsteine, die einmal zum Schulhaus gehörten; auf einer abgelegenen Farm kümmert sich eine junge Frau um die Pferde eines Ranchers. Die Geschichte der USA, genauer: die der Frontier, die sich durch den Westen voranschob, macht sich in Kelly Reichardts »Certain Women« bemerkbar in Form von aufblitzenden Reflexen. Leicht zu übersehen möglicherweise, jedenfalls alles andere als aufdringlich. Aber wie das eben so ist mit den historischen Verhältnissen, sie prägen die Gegenwart.

Die Indianer in der Mall werden von der Anwältin Laura (Laura Dern) beobachtet, die dort ein Sandwich isst, während der lästige Klient mit der aussichtslosen Arbeitsrechtsklage draußen in ihrem Auto auf ihre Rückkehr wartet. Den Haufen Steine will Geschäftsfrau Gina (Michelle Williams) für den Bau des Hauses verwenden, von dem sie träumt, wenn sie an der Biegung des Flusses steht und um sie herum nur Natur ist und die zänkische Tochter und der Mann, der sie betrügt, weit weg sind, wenigstens in Gedanken. Und Ranchhand Jamie (Lily Gladstone), die allein mit den Tieren in der winterlichen Landschaft ein Western-Klischee zu leben scheint, verliebt sich in die Abendschullehrerin Beth (Kristen Stewart) und wagt zögerliche erste Schritte der Annäherung.

Vier Frauen, drei Geschichten, nur sehr lose miteinander verbunden, durchdrungen aber von etwas mehr als nur ähnlichen Stimmungen: Einsamkeit und Sehnsucht; Erschöpfung durch fast schon routinemäßig hingenommene Enttäuschung; weitermachen, weiterleben, festhalten am privaten Traum, an der eigenen Identität; Hoffnung auf Anerkennung, die kaum einmal gewährt wird. Normale Frauen halt, die normale Leben führen und normale Probleme haben.

Im Kino sind sie eher selten zu sehen. Umso besser aufgehoben sind sie, sind ihre Geschichten in den Händen der unabhängig arbeitenden Filmemacherin Reichardt. Deren Arbeiten werden gern in eine Schublade mit der Aufschrift »Kino der leisen Töne« gesteckt, dabei ist Reichardts Kino eher ein Kino des aufmerksamen Blicks und der genauen Bilder. Ein Kino der flüchtigen Momente, der diffusen Gefühle, der nicht recht fassbaren Gemütszustände und der ungewissen Ereignisse. Es handelt von Übergangszuständen, in denen das eine noch nicht ganz verschwunden und das andere noch nicht ganz da ist, und oft ist auch gar nicht so genau zu benennen, was da jeweils verschwindet und was dann kommen mag. Es ist ein aufrichtiges Kino, das dem Respekt gegenüber den Figuren verpflichtet ist und an der authentischen Wiedergabe ihrer Daseinserfahrung interessiert.

Dabei kommt dem Raum Bedeutung nicht bloß als Hintergrund zu. Vielmehr fungiert er als Handlungsträger, als eine eigenständige Präsenz, deren Atmosphäre zur Wirkung der Erzählung beiträgt. Er ist ein Klangkörper, in dem das Innere der Figur widerhallt und verstärkt wird. In dem Blicke, Gesten, Bewegungen sich zu Beziehungen zusammensetzen wie zu einer Melodie. Und in dem schließlich diese Melodie in Relation gesetzt werden kann zu etwas Umfassenderem wie beispielsweise einer gesellschaftlichen Situation oder einer existenziellen Verfasstheit.

Reichardts Drehbuch zu »Certain Women« beruht auf Kurzgeschichten der 1972 in Montana geborenen Autorin Maile Meloy, und in Montana, genauer gesagt in Livingston sowie dessen Umgebung, ist der Film auch angesiedelt. Es ist Winter, das Land ist weit, das Licht klar, die Rocky Mountains thronen majestätisch in der Ferne, und es ist bitterkalt. Eine Kälte, die sich ebenso wie der unwirtliche Großraum übersetzt in jenen Mangel an Wärme und an Beachtung, den die Frauen in ihren Leben spüren. Sie könnten die Nachfahrinnen der Siedlerinnen aus Reichardts »Meek's Cutoff« sein. Weitgehend ausgeschlossen, immer noch, von der Macht, und dennoch weiter einen Schritt vor den anderen setzend, unnachgiebig und ausdauernd.

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