Kritik zu Cemetery of Splendour

© Rapid Eye Movies

Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul taucht in seinem neuen Film tief in die Geschichte seines Landes ein

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Seit dem Cannes-Debüt mit seinem zweiten Spielfilm »Blissfully Yours« 2002 ist der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul Stammgast an der Croisette und Liebling von Festivalkuratoren weltweit. Zu recht, denn seine Filme sind so einzigartig wie schön, so gegenwärtig wie transzendent. Und bei aller Unterschiedlichkeit der Einzelstücke strahlen sie als Ensemble die Kontinuität aus, die Zuschauer und Kritiker erwarten. So kommt auch nun wieder fünf Jahre nach der Goldenen Palme für »Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben« ein Stück zu uns, das sich auf die letzten Arbeiten bezieht und doch einen neuen, formal glatteren Ton anschlägt.

Wieder nimmt uns Weerasethakul mit in die üppige Natur und das flirrende Sonnenlicht seiner Heimat im ländlichen Thailand (»Rak ti Kohn Kaen«, »Liebe in Khon Kaen« heißt der Originaltitel). Vertraut auch das Setting mit Ärzten und Krankenbetten. Diesmal ist es ein in einer ehemaligen Schule eingerichtetes provisorisches Hospital voller junger Soldaten, die an einer mysteriösen Schlafkrankheit leiden: ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit Palmen hinter den vielen Fenstern und schwirrenden Ventilatoren an der Decke. Nachts wird er durch wechselbunte LED-Röhren erleuchtet, die gute Träume fördern sollen.

Draußen Vogelgezwitscher und ein Bagger, der geräuschvoll den Boden aufgräbt. Drinnen ist neben meist weiblichem medizinischen Personal auch eine junge Hellseherin an den Krankenbetten zugange. Und eine ältere, an Krücken gehende Frau, die sich anscheinend mit Pflegediensten an einem der Soldaten ein wenig Zuwendung und Seelenwärme verschaffen will. Ein traumwandlerisch schönes, fast statisches Setting, das durch den minimalistischen Plot in zarte Schwingungen versetzt wird. Da sitzen die zwei Götterstatuetten aus dem benachbarten Tempel plötzlich im Garten und erklären, dass unter dem Hospitalgebäude ein alter Königspalast samt Friedhof liege, dessen verstorbene Herrscher mit der Lebensenergie der schlafkranken Soldaten ihre Schlachten schlagen. Da wacht einer dieser Narkoleptiker doch auf und begleitet Jenjira (so heißt die beinkranke Volontärin) zu Ausflügen an einen nahe gelegenen See und ins Kino. Und die Hellseherin fantasiert den Palast nicht nur anschaulich aus dem umgebenden Park zusammen, sondern nimmt unversehens auch die Identität des Soldaten an.

Enträtselt wird davon nichts, auch die Baggerarbeiten fördern keine Entdeckungen zu Tage. Das ist so irritierend wie schön: Weerasethakuls von persönlichen Erinnerungen und lokalen Traditionen gespeiste Erfindungen brillieren in lichter und glasklarer Somnambulität und betören mit einer zart-pastelligen Palette und den vertrauten großzügigen und lang atmenden Totalen, in denen sich seine Figuren wie gerahmt bewegen. Detailliertere Kenntnisse der thailändischen Kultur, Politik und Geschichten würden das Verständnis einiger Motive sicherlich bereichern. Doch auch so bietet der Film Anknüpfungspunkte und Assoziationsmöglichkeiten genug, um für viel mehr als die zwei Filmstunden Geist und Fantasie reiche Nahrung zu geben.

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