Kritik zu Borgman

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Alex van Warmerdam mixt mutig Motive von Jean Renoir und Luis Buñuel zu einem satirischen Thriller über das Eindringen des Chaos ins aufgeräumte Mittelstandsleben

Bewertung: 4
Kritikerspiegel
4
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Auf den ersten Blick erscheinen einem die Figuren und die Orte vertraut. In unzähligen Filmen und Serien hat man Häuser wie die schicke, modernistische Villa im Bungalowstil, in der die Bilderbuchfamilie des Fernsehproduzenten Richard (Jeroen Perceval) residiert, gesehen. So leben in den Fiktionen des Westens die Vertreter der gehobenen Mittelschicht. Dazu passen dann auch das aus Skandinavien kommende Au-pair-Mädchen Stine (Sara Hjort Ditlevsen), das sich um die drei Vorbildkinder kümmert, und die künstlerische Ader von Mutter Marina (Hadewych Minis), die in ihrem Atelier wüst Farben auf Leinwände klatscht.

Aber es geht hier nicht um ein realistisches Bild der Welt, sondern um klassische mediale (Klischee-)Bilder vom Leben in den elitären Vorstädten. Selbst der verdreckte Camiel Borgman (Jan Bijvoet) stört kaum in diesem sterilen Idyll. Ganz im Gegenteil: Als pittoreskes Element komplettiert der Obdachlose sogar das Gesamtbild. Schließlich erinnert er mit zotteligem Bart und langen Haaren deutlich an Michel Simon in Jean Renoirs Boudu Aus den Wassern gerettet und an Nick Nolte in Paul Mazurskys amerikanischem Remake Zoff in Beverly Hills.

Aber in das Vertraute mischen sich von Anfang an irritierende Momente. Etwas ist anders in der Welt von Alex van Warmerdams Borgman. So ziehen zu Beginn drei schwer bewaffnete Männer, unter ihnen auch ein Pfarrer, in einen Wald. Sie suchen nach Borgman, der in einem unterirdischen Versteck lebt. Dem gelingt zusammen mit zwei anderen Männern, die er rechtzeitig warnt, die Flucht. So gelangt er schließlich zu Marina und Richard.

Das Unterirdische, das im Boden des Waldes Verharrende, wird ans Licht gezerrt und bricht ein in eine geordnete, alles Natürliche verdrängende Welt. Alex van Warmerdam bewegt sich also eher auf den Spuren von ­Luis Buñuel als auf denen Jean Renoirs. In die großbürgerliche Welt drängt sich mit Borgman, diesem eher dämonischen als magischen Außenseiter, etwas, das eigentlich immer schon da war. Nur waren die unbändigen, von echter Leidenschaft und tiefer Wut erfüllten Regungen der Familie bisher in Marinas Kunst verbannt. Und so ist es kein Zufall, dass sich der passive und doch zielstrebige Verführer Borgman, der sich in Jan Bijvoets Spiel als gänzlich unwiderstehliche Inkarnation eines sanften Bösen präsentiert, und Marina ausgerechnet in ihrem Atelier körperlich näherkommen.

Nicht nur die Natur, auch die Kunst ist ein Einfallstor für alles Verdrängte und Verleugnete. So wie Borgman und seine bizarren Helfer, die nicht nur ungerührt Leichen beseitigen, sondern dem Anschein nach auch unerklärliche Fähigkeiten besitzen, Richards Garten umgraben und dabei auch gleich sein Reich aushöhlen, so untergräbt van Warmerdam die Bilder und die Genres. Horror und Melodram, Home-Invasion-Thriller und Komödie, das eine lässt sich nicht mehr vom anderen scheiden, bis schließlich alles genau wie Richards Familie einfach in sich zusammenfällt. Damit ist der Boden bereitet. Alex van Warmerdams Saat der Subversion kann aufgehen.

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