Girl Talk

»Ihre beste Stunde« (2016). © Concorde Filmverleih

»That's our picture!« frohlockt die Dame, die neben Catrin auf der Empore des Kinos sitzt, als das Licht im Saal angeht und die Schlussmusik verklingt. Stolz fügt sie hinzu: »I've seen it six times!«. Wer diesen Film für sich beanspruchen darf, steht für die Zuschauer von »Ihre beste Stunde« und erst recht für die Sitznachbarin der eifrigen Kinogängerin eindeutig fest: Er ist für die britischen Frauen an der Heimatfront gedacht.

Catrin (Gemma Arterton) hat ihn gerade zum ersten Mal gesehen, kannte ihn aber auch davor schon genau: Sie hat am Drehbuch des Propagandafilms mitgeschrieben, der von Zwillingsschwestern und ihrem trunksüchtigen Onkel handelt, die mit einem kleinen Fischerboot vor der Küste bei Dünkirchen versprengte Soldaten aus den Fluten aufsammeln. Catrin war verpflichtet worden, weil es der britischen Filmindustrie während des Weltkriegs an Autorinnen fehlte, die wussten, wie Frauen sprechen und empfinden. Der Film im Film ist also ausdrücklich für das weibliche Publikum gedacht. Er zeigt Figuren, die für die Frauen im Publikum sprechen und heroische Taten vollbringen, die ihnen im Alltag verwehrt bleiben. Aber auch der junge Mann, der in der gleichen Reihe sitzt, muss sich nicht ausgeschlossen fühlen von dem Gemeinschaftssinn, der für anderthalb Stunden von der Leinwand auf den Kinosaal übergeschwappte.

Das »Ministry of War Information« wusste offenbar wirklich schlecht, wie es das weibliche Publikum jenseits der stereotypen Rollen der treusorgenden Hausfrau etc. ansprechen sollte. »Ihre beste Stunde« spielt jedoch sehr vergnüglich auf eines der wenigen Gegenbeispiele an, »Millions like us«, in dem es um eine Reihe sehr unterschiedlicher Arbeiterinnen in der Rüstungsindustrie geht. Die von Arterton gespielte Autorin ist angelehnt an die Autorin Diana Morgan, die in den 40er Jahren an einigen der besten Filme mitwirkte, die das Studio Ealing herausbrachte. Im Gegensatz zu Catrin Cole in »Ihre beste Stunde« war sie keine zu Filmzwecken requirierte Sekretärin, sondern bereits eine gestandene Bühnenautorin. Ihre Revuen liefen erfolgreich im West End. Auch für sie wird die Filmarbeit kein Zuckerschlecken gewesen sein. Zeitzeugen schildern Ealing als exklusiven, durchaus misogynen Klub. Sie war die einzige Autorin; weibliches Personal gab es nur in der Verwaltung, dem Besetzungsbüro und den Schneideräumen. Wie in dem fiktiven Studio aus »Ihre beste Stunde« gab es jedoch auch bei Ealing eine Dramaturgin. Morgans Spitzname »the Welsh bitch« ist noch aus einem zweiten Grund aufschlussreich, denn ihre Herkunft aus Wales hat sich deutlich in ihre Drehbücher eingeschrieben.

Mithin fand ich es interessant, mich eingehender mit ihrer Arbeit zu beschäftigen. Es traf sich prächtig, dass ich in der letzten Woche britische Kriegsfilme für einen epd-Text (in der nächsten Ausgabe, zum Start von »Dunkirk«) sichten musste. An einigen war sie beteiligt; andere Morgan-Filme sah ich nach Feierabend. Das waren einerseits schöne Wiederbegegnungen – unerklärlicherweise hatte ich »Pink String and Sealing Wax« (Apotheker Sutton) als Farbfilm in Erinnerung – ; »The Half-way House« entpuppte sich als famose Entdeckung; »Ships with wings« habe ich in der Eile leider nicht auftreiben können.

Morgan war stets eine von mehreren Autoren (häufig teilt sie sich Credits mit Angus McPhail, dem Leiter der Drehbuchabteilung, dem ein enzyklopädisches Gedächtnis für Filmplots nachgesagt wurde), was es schwer macht, ihren Beitrag unzweifelhaft zu bestimmen. Wichtige Hinweise entnahm ich Penelope Houstons Büchlein über »Went the day well?«, das 1992 in der Reihe »BFI Film Classics« erschienen ist und teilweise auf Interviews beruht, welche die Filmkritikerin mit Morgan führte. Damals lebte sie in einem Altenheim für Filmkünstler in Sussex und einer ihrer Mitbewohner war der Schauspieler Mervyn Johns, für den sie bei Ealing eine ganze Reihe von Rollen schrieb.

Meist wurde Morgan spät zu den Projekten hinzugezogen. Das geschah häufig, wenn es den Charakteren in den ersten Fassungen an Konturen und einer eigenen Stimme fehlte. Bei »Went the day well?« und anderen Stoffen war sie also keineswegs nur für girl talk zuständig. Die typischen Ealing-Filme sind keine Star-Vehikel, sondern Ensemble-Stücke, in denen Milieu und Charaktere ausgiebig vorgestellt werden.

»The Foreman went to France« (Ein gefährliches Unternehmen) ist ein frühes, bereits typisches Beispiel. Die Propaganda-Komödie handelt von einem Waliser Vorarbeiter, der ins umkämpfte Frankreich reist, da er sich um den Verbleib von zwei Maschinen seiner Firma sorgt. Der Film feiert zeitgemäß die Tugenden der Wachsamkeit und der demokratischen Opferbereitschaft und Solidarität. Die Auseinandersetzung zwischen den Briten und Franzosen ist als flotter Kulturschock geschildert: Ealing-Filme sind, auf die eine oder andere Weise, stets Komödien der Stammeszugehörigkeit. In »The Half-way House« flackert die Fremdheit zwischen Walisern und Engländern, deren Sprachen sich javkomplett unterscheiden, pointiert auf. Dass ihre historische Feindschaft überwunden und kulturelle Identitäten bewahrt bleiben, ist eine zukunftsfrohe Botschaft in Kriegszeiten.

Insgeheim ist dies ein Geisterfilm, der Charaktere aus unterschiedlichen Gesellschafts- und Lebenssphären in einem Gasthaus in einer Waliser Tal zusammenführt, das allerdings auf den Tag genau ein Jahr zuvor bei einem deutschen Fliegerangriff zerstört wurde. Alle der hier versammelten Schicksale sind vom Krieg geprägt. Francoise Rosay sagt als französische Frau eines englischen Kapitäns zu einem Pensionsgast: »I lost my home in St. Malo, but you still have your country.«Ein ehemaliger Kriegsheld ist unter Schmarzmarkthändler gefallen; die Entfremdung zwischer einer Rotkreuzschwester und ihrem Ehemann kann dank der Verschlagenheit ihrer Tochter überwunden werden; ein Jungvermählter will sich als erster Ire zum Kriegsdienst melden (ich wusste bis dahin nicht, dass Irland neutral war). Die Dialoge sind gewitzt, charakternah, zuweilen von lässlichem Zynismus und oft, sehr oft lokalpatriotisch. Walisern wird gern eine lebhafte Phantasie nachgesagt, ein ausgeprägter Sinn für Poesie und Wurzeln. Die aberwitzige Konstruktion des Drehbuchs ließ mich, da knüpft dieser Eintrag dank eines klugen Zufalls an den vorangegangenen an, bisweilen an die Exzentrik der Szenarien von Emeric Pressburger denken. Es geht in »The Half-way House« um Verbindungen, die wieder hergestellt und insbesondere um Ehen, die gekittet werden sollen. Dabei tritt oft ein weibliches Prinzip gegen ein männliches an. Teils wundersame, teils ganz reale Fügungen arbeiten beharrlich an ihrer Versöhnung.

Diese muss ungleich härter erkämpft werden in dem viktorianischen Krimi-Melo »Pink String and Sealing Wax« (was es mit dem Siegelwachs auf sich hat, wird gleich zu Beginn erklärt, der Rest des Titels bleibt eine offenere Metapher). Beim Wiedersehen fiel mir auf, wie nachdrücklich der Film weibliche Gegenwelten und -positionen zur Tyrannei des puritanischen Apothekers (Mernyn Johns) entwickelt. Er ist auch Gutachter bei Mordprozessen, in denen die Weiblichkeit unter Verdacht steht und gebannt werden muss. Eine der Töchter versucht um jeden Preis, ihrem repressiven Elternhaus zu entkommen und Karriere als Sängerin zu machen. In dem liederlichen Pub, in den es den Sohn verschlägt, geben die Frauen den Ton an, allen voran die mordlustige Gattin (gespielt von der großartigen Googie Withers) des Wirts, die am Ende zugleich Täterin und Verratene sein wird.

»Went the Day well?« ist einer der bizarrsten Ealing-Filme überhaupt, eine Art glorreicher Betriebsunfall, den Bunuel angeblich sehr schätzte. Er handelt davon, wie sich unbescholtene Bürger im Verlauf eines Pfingstwochenendes in blutrünstige Partisanen verwandeln. Unter den Dorfbewohnern, die gegen eine (als Manöver britischer Truppen getarnte) deutsche Invasion Widerstand leisten, gibt es wiederum keine zentrale, keine Hauptfigur. Am Nächsten kommt diesem Status noch die Tochter des Vikars, die als Erste Verdacht schöpft, als ihr die kontinentale Orthografie der Soldaten auffällt. Ohnehin sind hier die Frauen immer einen Schritt weiter: Das erste Opfer in den Reihen der Invasoren geht auf Kosten der gastfreundlichen Postbeamtin, die einen Besucher mit der Axt niederstreckt; die einfallsreiche Gutsherrin versucht, eine Geheimnachricht hinauszuschmuggeln, die auf Eierschalen notiert ist; und selbst wenn die Töchter des Ortes keine erfahrenen Jägerinnen sein sollten, erweisen sie sich als höchst treffsicher. »I shot one!« ruft eine von ihnen verblüfft aus, »Good girl!« lobt sie ihre Freundin. Dieser Film erwartet von seinem weiblichen Personal eine andere, noch grimmigere Art von Robustheit. Die allgemeine Kaltblütigkeit ist bemerkenswert. Keinem der Sterbenden, gleichviel, ob Freund oder Feind, sind die üblichen letzten Worte vergönnt, der Film geht blitzschnell über Leichen. Das Ganze ist kurios als Rückblende erzählt: In der Rahmenhandlung berichtet Mervyn Johns von den unerhörten Ereignissen bereits aus der Perspektive eines siegreichen Englands. Dafür brauchte es 1942 wirklich eine lebhafte Phantasie.

Meinung zum Thema

Kommentare

Gerade wies mich eine Kollegin auf einen Artikel hin, den Stephen Woolley, der Co-Produzent von "Ihre beste Stunde" in der Zeitschrift "Sight and Sound" zum Englandstart veröffentlichte (http://www.watershed.co.uk/cinema-rediscovered/article/behind-the-lines-women-and-wwii-british-film). Er ist eine wunderbare Ergänzung, Vertiefung und ein kenntnisreicheres Korrektiv zu meinen Ausführungen.

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