Musik-Biopics: Engel und Monster

»Nico, 1988« (2017). © Film Kino Text

»Nico, 1988« (2017). © Film Kino Text

Das Leben eines Popstars – davon verspricht man sich immer etwas mehr als von dem, sagen wir, eines Politikers. Mehr Drama, mehr Glam, mehr Sex ...

Die Bühnen sind schäbig und klein geworden, bunt beleuchtete­ Löcher in einer trostlosen Welt. Städte und Auftrittsorte verschwimmen in der benebelten Erinnerung, und Journalisten nerven die 48-jährige Sängerin Nico mit den immer gleichen Fragen: Wie war das damals, als Sängerin bei The Velvet Underground, als ­Geliebte von Jim Morrison oder Alain Delon?

Als die Sixties so sehr swingten, dass einem schwindelig werden konnte, war Nico ein Star. Für Andy Warhol sogar ein Superstar: »Sie sah aus, als hätte sie die Fahrt übers Meer am Bug eines Wikingerschiffs gemacht; sie hatte so ein Gesicht und so einen Körper«, schwärmt der Künstler in dem Buch »Popism«. Das Model Nico musste nichts tun, um berühmt zu werden. Es war einfach Nico. Doch schon bald war der jungen Frau das nicht mehr genug. Sie begann, eigene Musik aufzunehmen, anfangs noch mit Unterstützung von prominenten Freunden wie Leonard Cohen, Bob Dylan, Lou Reed und John Cale. Doch im Lauf der Zeit wurden ihre Alben düsterer, eine atemberaubende Mischung aus mittelalterlichen Gesängen und avantgardistischen Klangbildern. »The Marble Index is the greatest piece of ›avant-garde classical‹, ›serious‹ music of the last half of the 20th century so far«, schwärmte der legendäre Popkritiker Lester Bangs und gab gleichzeitig zu, dass das Album ihm fürchterliche Angst einjage. Eine mehr als 15 Jahre währende Abhängigkeit von Heroin sorgte dafür, dass sich das einstige It-Girl bis 1987 in ein schlecht gelauntes Monster verwandelte.

»Nico, 1988« (2017). © Film Kino Text

Hier erst beginnt die Handlung von Susanna Nicchiarellis Biopicture »Nico, 1988«, das letztes Jahr in Venedig mit dem Orizzonti-Award ausgezeichnet wurde. Der italienischen Regisseurin geht es um das von der Popgeschichtsschreibung weitgehend ignorierte letzte Kapitel im Leben einer außergewöhnlichen Künstlerin. Eine Frau in Schwarz, die bereitwillig erklärt, nur selten zu duschen, und die bei jeder Gelegenheit mit der Nadel in ihrem grindigen Unterschenkel herumstochert, auf der Suche nach einer intakten Vene. Die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm sieht Nico kaum ähnlich – und trotzdem glaubt man ihr jeden genervten Satz, jede mit starkem deutschem Akzent gesungene Strophe. ­Dyrholm, die für ihre Rolle in Thomas Vinterbergs »Die Kommune« 2016 den Silbernen Bären der Berlinale erhalten hat, weckt das Interesse an einer Frau, die nach so vielen verlorenen Kämpfen kein Idol mehr sein will, sondern einfach wieder sie selbst, Christa Päffgen. »Ich war nicht glücklich, als ich schön war«, sagt sie.

Die Schonungslosigkeit, aber auch die Zärtlichkeit, mit der Nicchiarellis Film diese Frau bis zu ihrem Tod am 18. Juli 1988 auf Ibiza begleitet, unterscheidet ihn von anderen Pop-Biopics. Während Hollywood auf eine Handlungskurve achtet, die meist nach dem Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Prinzip verläuft, wurzelt »Nico, 1988« eher im europäischen Independent-Kino.

Aber wie funktionieren Pop-Biopics überhaupt? Ist das Hofberichterstattung, die der Lust an bizarren Drogengeschichten und Skandalen folgt? Oder ernsthaftes Drama mit einem Popmusiker als Protagonisten? Es ist all das und mehr.

»Love & Mercy« (2014). © Studiocanal

Natürlich spielen farbenprächtige Schauwerte eine wichtige Rolle und die Erinnerung an stilbildende Zeiten. Als im Pop eine mögliche Zukunft aufschien und der Kapitalismus noch so effektiv schnurrte wie die Fließbänder in der Motor City Detroit. »Two girls for every boy« erträumte sich Brian Wilson in »Surf City«, seinem ersten großen Hit, den er 1963 für das Duo Jan & Dean geschrieben hatte. Und in der nächsten Zeile geht es auch schon um einen 30 Ford Wagon, einen unter Surfern beliebten und oft umgebauten Oldtimer. Girls and Cars waren lange Zeit die großen Themen des Pop. Der Regisseur und Produzent Bill Pohlad hat diese optimistische Grundstimmung in »Love & Mercy« ziemlich gut hinbekommen. Er porträtiert den Beach Boy Brian Wilson einmal in den Sechzigern, als unter seinem Vater leidenden Jungneurotiker während der Aufnahmen von »Pet Sounds«. Und dann in den Achtzigern, als Wilson von seinem Psychotherapeuten Eugene Landy manipuliert und mit Medikamenten vollgestopft wird. Die Erzählung springt munter hin und her, was für Rasanz und Tempo sorgt. Die Passagen aus den Sixties sind pures Eye-Candy, die Outfits cool und stylish, vor allem überzeugt Paul Dano, der den jungen Künstler als welpenhaft verspieltes Genie darstellt. John Cusack hat es schwerer; er verkörpert den unter Depressionen leidenden älteren Wilson und zeigt die tragische Seite dieses gequälten Künstlers. Doch der Film folgt zu beflissen den Konventionen von Hollywood, wenn er versucht, Empathie zu zeigen. So bleiben von »Love & Mercy« vor allem die Leidenschaft von Paul Dano und die hübschen Entstehungsgeschichten von Popklassikern wie »Good Vibrations«.

Zerfallende Häuser, rostige Autos

Aber natürlich kann ein Pop-Biopic auch so »real« sein wie ein guter Hip-Hop-Track. Damit in dieser Hinsicht wirklich alles stimmt, hat der Rapper Eminem in »8 Mile«, nun ja, nicht gerade sich selbst gespielt, aber einen Typen namens Rabbit, der zufällig genau das Gleiche erlebt wie er. Da ist die kaputte, manipulative Mutter, gespielt von Kim Basinger, mit der Rabbit in einem Trailerpark an der 8 Mile Road in Detroit lebt. Da sind die Kumpels, die ebensolche Loser sind wie der Protagonist, der ständig mit seinem Boss in einem Zulieferbetrieb der Autoindustrie aneinandergerät. Frauen spielen kaum eine Rolle, bis auf die schöne Alex (Brittany Murphy), die an das Talent von Rabbit glaubt. Nur ein Weg scheint aus dieser mit zerfallenden Gebäuden und verrosteten Autos möblierten Tristesse herauszuführen: Hip-Hop. Alle wollen sie es mit dem Mikro in der Hand schaffen; in finsteren Kellern treten sie verschwitzt gegeneinander an, um wenigstens einmal die Chance zu bekommen, ein Demotape aufzunehmen. »L.A. Confidential«-Regisseur Curtis Hanson schafft es, ein überzeugendes Bild von Detroit und seinen überwiegend schwarzen Bewohnern aufzubauen. Im Rückblick schneidet er auch im Vergleich mit dem jüngeren »Straight Outta Compton« gut ab, der zwar »kulturpolitisch« wichtig ist, die Geschichte der Hip-Hop-Crew N.W.A. aber doch ziemlich glättet. Eminem ist glaubwürdig in seiner Rolle als Underdog, vor allem im Finale, einem grandios inszenierten Rap-Battle. Hier zeigt sich tatsächlich die Essenz von Hip-Hop, wenn Reime abgeschossen werden, die treffen und verletzen, aber so unterhaltsam mit jedem einzelnen Wort spielen, dass schließlich der ganze Saal tobt. »8 Mile« zeigt, dass Musikfilme nicht zwangsläufig aussehen müssen, als hätte jemand einen Malkasten ausgeleert und dann eine Handvoll Partydrogen obendrauf gestreut. So wie das in den Starvehikeln der 60er Jahre gern gemacht wurde, als die Manager von Elvis, den Beatles oder den Monkees die angestrebten Images ihrer Schützlinge in Zelluloid gossen. Auch das Prince-Vehikel »Purple Rain« gehört in diese harmlos-charmante B-Movie-Kategorie.

»8 Mile« (2002). © Universal Pictures

»Control« ist da eindeutig näher am Detroit von Curtis Hanson, vor allem was die graue Tristesse von Manchester angeht. Der Film aus dem Jahr 2007 handelt weniger von der Band Joy Division als von den Leiden des Sängers Ian Curtis. Der Regiedebütant Anton Corbijn erzählt diese Passionsgeschichte im Stil seiner berühmten Schwarz-Weiß-Fotografien, die das melancholisch düstere Image der Band miterschaffen haben. Am Anfang beobachten wir den noch jungenhaft zarten Ian Curtis (James Riley), wie er vorm Schminkspiegel versucht, sich in David Bowie zu verwandeln. Bowies Musik taucht im Film immer wieder auf und bildet eine Art Leitmotiv. Doch die Stimmung wird bald düsterer, nimmt Anlauf für die tragische Klimax – den Selbstmord von Curtis. Eins der ersten gemeinsamen Konzerte von Joy Division eröffnet Bassist Bernard Sumner mit der bescheuerten Frage: »Erinnert sich noch jemand an Rudolf Hess?« Später erklärt die Band einem Clubbesitzer ihren Namen mit den Worten: »So hieß ein Bordell, das deutsche Soldaten im Krieg aufgesucht haben.« Man hätte die naive Faszination der Musiker für den deutschen Nazismus nicht noch betonen müssen. Aber die Charaktere der Band bekommen so die notwendige Ambivalenz. Die letzte Einstellung von »Control« zeigt schwarzen Rauch, der aus einem Schornstein aufsteigt und zum Horizont weht. Ein Hauch Gothic-Kitsch gehörte eben auch zum Image von Joy Division.

Raupe und Schmetterling

Frauen kommen in der popkulturellen Erinnerung von Hollywood, kommen im klassischen Biopic viel zu selten vor – dabei belegen die zahlreicheren, inhaltlich und oft auch formal interessanten Popfrauen-Dokus von »Nico – Icon« über »Amy« bis zu den beiden neueren Whitney-Houston-Filmen, dass da einiges zu machen wäre. 1993 feiert Brian Gibsons Drama »What's Love Got to Do with It?« Tina Turner, die in den Achtzigern zum Solo-Star aufgestiegen war und Tournee-Rekorde gebrochen hatte, als starke Persönlichkeit und Sängerin, die sich als junge Frau selbst durch regelmäßige Prügel von ihrem Ehemann Ike nicht kleinkriegen lässt. Die Hauptdarsteller Angela Bassett und Laurence Fishburne wurden für den Oscar nominiert, und das afroamerikanische »Ebony«-Magazin kürte den Film zum »Favorite Movie of the Year«.

Unterm Strich ist »What's Love Got to Do with It?« zu brav erzählt und kann sich von ­Turners Autobiografie »I, Tina« nicht lösen. Doch wie so oft in diesem Genre – die Musiknummern sind exzellent. Beim Entertainment-Biopic ist die alte Traumfabrik eben stets bei sich und ihren Wurzeln.

»Bohemian Rhapsody« (2018) – Start: 1.11.

Das wird vielleicht bei »Bohemian Rhapsody« nicht anders sein, der im November das Leben von Freddie Mercury auf die Leinwand bringen wird. Der Trailer schwelgt in durchkomponierten Bildern, pathetischen Posen und dem wieder mal bis ins Detail nachgebildeten Look der siebziger und achtziger Jahre. Doch Bryan Singer und der britische »Guardian« beklagten sich bereits, dass hier die Gelegenheit versäumt wurde, die Geschichte des dunkelhäutigen Einwandererkinds Farrokh Bulsara zu erzählen, das sich später, wie ein Schmetterling, in Freddie Mercury verwandelte. Seine Bedeutung als schwule Ikone und Sänger einer auch von Hetero-Männern verehrten Band, der Kampf gegen Aids – da gibt es einiges zu erzählen, doch warten wir's ab.

Zurück zu den Frauen, die vom Biopic stiefmütterlich behandelt werden. Madonna hat sich schon nach der Ankündigung, dass Universal einen Film mit dem Titel »Blonde Ambition« plant, auf Instagram fürchterlich aufgeregt: »Niemand weiß, was ich weiß und was ich erlebt habe. Nur ich kann meine Geschichte erzählen. Jeder andere, der es versucht, ist ein Scharlatan und Narr.«

Aber vielleicht braucht es ja einfach Regisseurinnen, um Geschichten von weiblichen Popstars adäquat zu erzählen. Floria Sigismondi hat in »The Runaways« jedenfalls eine Menge richtig gemacht. Die Geschichte des Films über die Karriere der gleichnamigen Band um Joan Jett (Kristen Stewart) und Cherie Currie (Dakota Fanning) erinnert stark an Russ Meyers »Beyond the Valley of the Dolls«, basiert aber auf Curries Autobiografie »Neon Angel«. Michael Shannon gibt in »The Runaways« den legendären Musikproduzenten Kim Fowley als teuflischen Svengali, der die jungen Musikerinnen als »jailbaits« inszeniert – Jugendliche, die älter aussehen, als sie sind, und jemanden, der sich ihnen sexuell nähert, in den Knast bringen können –, ihnen aber auch zeigt, wie frau sich das männliche Publikum unterwerfen kann. Ein unterhaltsamer Bilderbogen aus dem L.A. der Siebziger, vollgestopft mit Sex, Drugs & Rock 'n' Roll und einem rotzigen Quentchen Street-Feminismus. Aber auch ein Beispiel dafür, dass Pop-Biopics meist maßgeschneidert sind für die jeweilige Zielgruppe.

Das Wimmern des Schicksals

Während »The Runaways« den Zuschauern fast ins Gesicht springt, nach Zigarettenrauch, Jack Daniels und billigem Parfüm riecht, erzählt die Johnny-Cash-Story »Walk the Line« in ruhigen, altmeisterlichen Bildern von der schwarzen Seite des Glücks als Country-Star. Dunkel war es auch im Leben des singenden Jazztrompeters Chet Baker. Heroin und der Jazz sind die dramatischen Pole, zwischen denen sich das Leben des von Ethan Hawke verkörperten Musikers in »Born to Be Blue« abspielt. Anfangs in sorgfältig komponierten Schwarz-Weiß-Bildern, wie auf den Fotos von William Claxton, die schon 1954 das Image des introvertierten Rebellen im weißen T-Shirt zementiert haben. Die Lust am gefallenen Gott, der sich immer wieder aufrappelt und weiterkämpft, hier evoziert von edel fotografierten Bildern und durch von den Schauspielern neu eingesungene alte Hits, ist dem Genre des Biopics eingeschrieben.

»Last Days« (2005). © Alamode

Aber es gibt auch Ausnahmen: Filme, in denen die Glocken des Schicksals leiser klingen, die nicht versuchen, den Stil der jeweiligen Ära pedantisch nachzuinszenieren und auf Eigenständigkeit setzen. Okay, »Last Days«, Gus Van Sants Blick auf die letzten Tage von Kurt Cobain, ist nicht jedermanns Sache und noch karger erzählt als »Elephant«, sein Film über das Schulmassaker von Columbine. Trotzdem entsteht beim Betrachten so etwas wie Empathie für den ziellos herumirrenden Cobain, der bei Van Sant Blake heißt und von Michael Pitt gespielt wird. »Nach den ›Chills‹ und ›Thrills‹ von »Sid & Nancy« und »The Doors« haben wir hier einen Film, der erkennt, wie Drogenabhängige tatsächlich sterben, nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem Wimmern«, schreibt Robert Ebert über »Last Days«.

Zu den Höhepunkten des Pop-Biopics gehört mit Sicherheit »I'm Not There«. Todd Haynes hat darin alle konventionellen Regeln des Genres über den Haufen geworfen und die Rolle des Bob Dylan mit sechs verschiedenen Schauspielern besetzt. Jeder davon steht für eine bestimmte Schaffensperiode im Leben des Nuschelsängers und Pulitzer-Preisträgers. Im Gedächtnis bleibt vor allem Cate Blanchett, die für ihre Rolle eine Oscarnominierung und einen Golden Globe erhalten hat.

»I'm Not There« (2007). © Tobis

Was bleibt also von den Heldengeschichten, den Biopics, und ihren Blicken auf die Leben meist toter Popstars? Dass sie oft konventionell sind und sich zu sehr darauf verlassen, dass die jeweilige Fangemeinde sich schon dafür interessieren wird. Es sind Filme wie »Nico, 1988«, die solche Konventionen unterlaufen – und deshalb leider zu selten das große Publikum erreichen. Todd Haynes hat es 1987 mit »Superstar: The Karen Carpenter Story« gewagt, die Geschichte der magersüchtigen Sängerin nicht mit Schauspielern, sondern mit Ken- und Barbie-Puppen zu besetzen. Eine grandiose Idee, bis ins Detail sorgfältig ausgearbeitet. Leider hatte Richard Carpenter, Karens Bruder und die andere Hälfte des Pop-Duos, dafür keinerlei Verständnis, vor allem wegen der vielen verwendeten Carpenters-Songs. Alle Kopien des 43-minütigen Films wurden nach einem Gerichtsurteil zurückgezogen und vernichtet, lediglich das Museum of Modern Art durfte eine behalten. Die Ikonen des Pop und die strengen Verwalter ihrer Rechte sehen es nicht gern, wenn man sie zu entschlossen hinterfragt.

Jürgen Ziemer schreibt unter anderen für »Rolling Stone«, »Die Zeit« und »Der Freitag«. Seit 2015 ist er Mitglied der Jury »Electronic & Experimental« beim »Preis der deutschen Schallplattenkritik«.

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