Kritik zu Saving Mr. Banks

© Disney

2013
Original-Titel: 
Saving Mr. Banks
Filmstart in Deutschland: 
06.03.2014
Musik: 
L: 
125 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Dieses Jahr feiert Mary Poppins ihren 50. Geburtstag. Grund genug für die Disney-Studios, ihre Version über das Leben der erfolgrei­chen australischen Kinderbuchautorin P. L. Travers in Umlauf zu bringen

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.25
3.3 (Stimmen: 4)

Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Disney-Studios ihre eigene Studiogeschichte als Filmstoff entdecken sollten. Dass eines der letzten Werke, bei denen Walt Disney – der während der Arbeiten am Dschungelbuch 1966 starb – noch selbst mitwirkte, nämlich die Verfilmung des in London verlegten Bestsellers »Mary Poppins« (5 Oscars), dafür den richtigen Anlass liefert, versteht sich von selbst. In Saving Mr. Banks geht es eigentlich weniger um das tatsächliche Making-of des Musicals, das zu einem der größten Erfolge von Disney wurde, sondern um die Vorgeschichte des Films.

Zwanzig lange Jahre hatte Walt Disney die starrköpfige Autorin der 1934 erschienenen Vorlage, P. L. Travers, belagert, die an einer Verfilmung keinerlei Interesse zeigte und stattdessen auf die »blödsinnigen Disney Cartoons« schimpfte. Sie beugte sich dem beharrlichen Werben des Hollywoodmoguls erst, als sie in massive Geldnöte geriet. Hier also beginnt die, nein, ihre Geschichte.

Eigentlich reagierte P. L. Travers (Emma Thompson) erst, als ihr Agent sie händeringend daran erinnerte, dass sie schon das Hausmädchen entlassen und das Telefon abgestellt hätte. So zeigt sie der Film: als eine Frau mit festen Überzeugungen, für die sie sprichwörtlich durchs Feuer ging, als eine, die mit verblüffender, wenn nicht verletzender Offenheit auftrat und bei ihrer Ankunft als Erstes die miesen Luftverhältnisse in Los Angeles kritisierte. Natürlich blieb sie immer Mrs. Travers, verbat sich Micky-Mäuse und Zuckerzeug, vor allem aber das »Musical«, das Mr. Disney ihr unterjubeln wollte. Mrs. Travers, so der Film, war einfach der Inbegriff einer schrulligen alten Jungfer, was im Übrigen die Tonbandaufnahmen von damals bezeugen sollen, die im Abspann des Films zu hören sind. Schön und gut, aber wer ist Mr. Banks?

Mit dem Titel Saving Mr. Banks verrät der Film eigentlich schon seine Pointe, die im Film erst ganz zum Schluss aufgegriffen wird. Dazu muss man sich allerdings genau an Mary Poppins erinnern, denn es geht darin vielleicht tatsächlich weniger um die Kinder, sondern um den Vater, besagten Mr. Banks. Folglich begnügt sich der Film nicht mit den ewigen Querelen im Studio, die mit dem Verbot der Farbe »Rot« ihren Höhepunkt erreichen, sondern gefällt sich in zahlreichen Rückblenden, die sich wie lästige Gedankenschübe ins Tagewerk der Autorin drängeln und sechzig Jahre zurück nach Australien blenden. Damals war P. L. noch das sonnige kleine Mädchen namens Helen Goff, genannt Ginty, ein echtes Vaterkind. Nur war er, der Vater (Colin Farrell), ein unverbesserlicher Alkoholiker, der jeden Job verlor, seine Frau fast in den Selbstmord trieb, für die Kinder jedoch den idealen Spielgefährten gab. Er war derjenige, der Ginty auf dem Pferderücken in sonnenflirrende Landschaften entführte und nach der Logik von Saving Mr. Banks deshalb in Mary Poppins mit einem der schönsten Songs zum Drachenfliegen aufruft: »Let’s Go Fly a Kite«.

Die Lebensgeschichte der P. L. Travers ist eine wahre Fundgrube für psychologische Fährtensucher oder für Verfechter der Autorentheorie. Dass sich Travers und Disney darin ähnelten, dass sie mit ihren Illusionen nur Ordnung in das Chaos des Lebens bringen wollen, legt der Film nahe und unterschlägt, dass es Travers – auf dem Papier – darum geht, Lösungen und nicht nur »kleine Fluchten« anzubieten. Saving Mr. Banks wäre also nur eine sentimentale Reise zu einem offenen Schriftstellergeheimnis, wäre da nicht das Ereignis Emma Thompson und letztlich auch Tom Hanks. Sein Walt Disney ist zwar überwiegend der liebe Daddy, der jeden Sonntagabend seine Fernsehshow eröffnet und (mit Mary Poppins) ein Versprechen gegenüber seinen Töchtern einlösen will. Aber er ist auch der Tycoon, der gegenüber seiner »Gegnerin« zuletzt alle seine Ziele durchsetzt. Emma Thompson mit unglaublich spitzer Zunge und strengstem Faltenwurf auf der Stirn hält Leinwand wie Mitspieler mit jedem Auftritt in Schach, ohne je in eine Karikatur dieser ungewöhnlichen Frauenfigur zu verfallen. Sie kannte sicher auch die wahre Story der P. L. Travers, die keine verknöcherte einsame Alte war, sondern einen verheirateten Mann liebte, später eine Frau und mit 40 Jahren als alleinerziehende Mutter noch ein Kind adoptierte.

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