Kritik zu NAZA
Israelische Militärangehörige beschreiben die technisierte Tötungsbürokratie in Gaza. Der in Venedig preisgekrönte Dokumentarfilm ist politisch dringlich und formal streng – bleibt in seinen Zuspitzungen aber fragwürdig.
Auf den Dächern von Tel Aviv sitzen Menschen im Dunkeln. Gesichter und Stimmen sind digital verfremdet. Sie waren an der Auswahl und Überwachung von Zielen in Gaza beteiligt. Während hinter ihnen die Fenster der Stadt leuchten, beschreiben sie eine Kriegsführung, in der Menschen zu Datensätzen und erwartete zivile Tote zu einer Kennzahl werden. »NAZA«, erklären sie, ist ein militärisches Kürzel für die Zahl der bei einem Angriff erwarteten zivilen Opfer.
Drei Jahre lang sammelten Yuval Abraham und Rachel Szor unter strenger Geheimhaltung Aussagen von 24 Angehörigen des israelischen Militärs und der Geheimdienste. Ihre Recherche knüpft an Berichte des israelisch-palästinensischen Onlinemagazins »+972« und seines hebräischsprachigen Schwesterportals »Local Call« über KI-gestützte Zielsysteme an. Beteiligte schildern, wie Software Hamas-Verdächtige markierte und deren Häuser nachts bombardiert wurden, wenn sich die Familien darin befanden. Für die Tötung eines ranghohen Hamas-Funktionärs, behauptet ein Informant, sei der Tod von bis zu 500 Zivilisten in Kauf genommen worden.
Skizzen und Aussagen über Verfahrensabläufe zeigen keine Exzesse Einzelner, sondern eine systematische Routine. Der Verzicht auf Bilder getöteter und verletzter Menschen bewahrt den Film vor der Ausbeutung des Grauens. Die kühle Versuchsanordnung macht die bürokratische Dimension des Tötens sichtbar, schafft aber auch Distanz zu jenen, um die es geht.
»NAZA« ist keine ergebnisoffene Untersuchung, sondern eine formal strenge Anklage. Die Anonymität der Quellen ist angesichts möglicher Strafverfolgung nachvollziehbar; ihre Identität, Funktion und Glaubwürdigkeit bleiben für das Publikum jedoch kaum überprüfbar. Selbst Peter Bradshaw hat im britischen »Guardian«, der den Film mitproduzierte, eingewandt, dass dies die Kraft der Zeugenschaft schwäche.
Eine zweite fragwürdige Entscheidung liegt in der Inszenierung der leuchtenden Fenster Tel Avivs. Als Bild für die Gleichzeitigkeit des städtischen Alltags und der Gewalt im nur 60 Kilometer entfernten Gaza ist die Gegenüberstellung wirkungsvoll. Als Aussage über die israelische Gesellschaft aber problematisch: Die Kamera weiß nichts über die Menschen hinter den Fenstern, macht sie aber zu Chiffren von Mitwissen und Verdrängung. Die Traumatisierung durch den 7. Oktober, das Schicksal der Geiseln, Protest und Kriegsdienstverweigerung verschwinden. So droht aus anonymen Alltagsszenen ein Kollektivurteil zu werden. Historisch fragwürdig wird der Film, wenn ein Zeuge nach einem Besuch in einem Konzentrationslager fragt, was er selbst sei, wenn die Nazis das Böse verkörperten. Die Regie übernimmt die Analogie nicht ausdrücklich, verstärkt sie aber durch Bilder vom israelischen Holocaust-Gedenktag, ohne sie einzuordnen.
Abraham und Szor gehörten zum vierköpfigen Regiekollektiv von »No Other Land«. Der Film gewann 2024 den Berlinale-Dokumentarfilmpreis und 2025 den Oscar. Abrahams Rede löste eine heftige politische Debatte aus. In Venedig wurde »NAZA« nun frenetisch bejubelt, vielen galt er als Anwärter auf den Goldenen Löwen. Die Jury vergab schließlich den Spezialpreis. In Israel überlagerte bald darauf eine Kampagne jede sachliche Kritik, noch bevor der Film dort zu sehen war. Benjamin Netanjahu sprach von antisemitischer Hetze, Armeechef Eyal Zamir ließ rechtliche Schritte prüfen, Kulturminister Miki Zohar forderte den Entzug der Staatsbürgerschaft. Mehr als 1500 israelische Filmschaffende solidarisierten sich mit Abraham und Szor.
Nur drei Wochen nach der Weltpremiere kommt der 80-minütige Film am 1. Oktober in die deutschen Kinos, noch vor den israelischen Wahlen Ende des Monats. Die ungewöhnlich schnelle Auswertung entspricht dem Selbstverständnis eines Films, der in die Gegenwart eingreifen will und dabei die Analyse eines Systems in die pauschale Diagnose einer Gesellschaft kippen lässt.





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