Kritik zu Godzilla

© Warner Bros.

Das amerikanische Reboot zum 60. Geburtstag der japanischen Riesenechse ist eine brachiale Erlösungsphantasie in der das Monster der Menschheit als regulierende Naturgewalt beisteht. Ein ungewöhnlich schöner und versöhnlicher Monsterfilm

Bewertung: 4
Kritikerspiegel
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Mit dem US- Reboot Godzilla kommt rechtzeitig zum 60. Geburtstag der japanischen Riesenechse der mittlerweile 30. Godzilla-Film in die Kinos. Die Faszination für die Kinderzimmerästhetik des japanischen Monsterfilms (Kaiju Eiga) lässt sich schön am Beispiel der Augsburger Puppenkiste veranschaulichen: Auch bei den Fernsehaufzeichnungen des Marionettentheaters ging es nie darum, Realität abzubilden. Die Fäden an den Puppen sind immer deutlich sichtbar und gehören zum ästhetischen Selbstverständnis der Darbietung, die genau daraus ihren Reiz gewinnt. So sind auch die detailverliebten Kulissen vor handgemalten Bildleinwänden, die in den 50er und 60er Jahren in den Tokioter Toho Studios unter der künstlerischen Leitung des Spezialeffekt-Regisseurs Eiji Tsuburaya entstanden, bis heute unerreicht. In den Miniaturlandschaften und Nachbauten japanischer Großstädte fühlte sich auch die wandelbare Sauriermutation Godzilla (bis heute traditionell dargestellt von einem Schauspieler im Monsterkostüm) wohler als in der Realität. Glauben musste man den liebenswerten Gojira (so der japanische Name) nie. Aber man konnte sich wunderbar mit diesem unverstandenen Kind, das 1954 als Nachgeburt der Atombombe entstanden ist, identifizieren.

Ein Godzilla-Blockbuster aus Hollywood mit modernen digitalen Effekten und ausdrücklichem Realismusanspruch wirkt da erst mal wie ein großes Missverständnis. Besonders wenn er mit geschätzten 160 Millionen US-Dollar Produktionskosten teurer ist als alle 28 japanischen Godzilla-Filme zusammen. Doch anders als sein Vorgänger Roland Emmerich mit seinem ungeliebten Godzilla-Remake von 1998 erweist sich der junge britische Regisseur Gareth Edwards als sensibler Fan, der die japanischen Wurzeln und die atomare Kinderstube der Monsterikone bewahrt. Die amerikanischen Atombombentests auf dem Bikini-Atoll in den 50er Jahren waren nur hilflose Versuche, Godzilla zu töten. Das Erdbeben, das 1999 eine Kernschmelze im Janjira-Atomkraftwerk in der Nähe von Tokio ausgelöst hat, wurde in Wirklichkeit von einem unterirdischen Monster verursacht. Der Atomwissenschaftler Joe Brody (Bryan Cranston aus Breaking Bad) hat seine Frau Sandra (Juliette Binoche) bei der Reaktorkatastrophe verloren und so etwas schon immer geahnt. Mit seinem Sohn Ford (Aaron Taylor-Johnson aus Kick-Ass) macht sich Brody jetzt auf in ihr verwüstetes Heim in der radioaktiven Sperrzone, um der von der japanischen Regierung verschleierten Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Mit Szenen eines Störfalls in einem japanischen Atomkraftwerk und der riesigen Flutwelle, die Godzilla beim Auftauchen erzeugt, beschwört Edwards die realen Bilder der Tsunami- und der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Er baut darauf, dass sich die Nachrichtenbilder von 2011 ins kollektive Unterbewusstsein eingebrannt haben und nun einen Moment wahrhaftiger Bedrohung auslösen. Katastrophenkino ist am wirkungsvollsten, wenn es aktuelle Ängste aufgreift.

Der Wissenschaftler Dr. Serizawa (Ken Watanabe) erklärt den amerikanischen Militärs, dass es sich bei Gojira um eine Art Gottheit, eine regulierende Naturgewalt handelt, die man nicht bekämpfen kann und mit der sich der Mensch zu arrangieren hat. Regisseur Edwards hat damit das Kami (die Wesensart) der radioaktiven Monsterikone erfasst und übernimmt die japanische Sicht der Dinge. Wie schon in seinem Independent­erfolg Monsters (2010) entwickelt er dabei ein nahezu zärtliches Verhältnis zu dem Untier. Wenn der sanfte Riese im Hafen von San Francisco auftaucht,  um die Menschheit von der MUTO-Plage zu erlösen, gleicht das einem spirituellen Ereignis. Die  sorgfältig besetzten Schauspieler werden dabei zwangsläufig zu ungläubigen Nebendarstellern degradiert. Trotz mancher Zugeständnisse ans Mainstreamkino ist Edwards mit dieser brachialen Erlösungsfantasie ein ungewöhnlich schöner und versöhnlicher Monsterfilm gelungen.

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