Kritik zu Freistatt

© Salzgeber

2015
Original-Titel: 
Freistatt
Filmstart in Deutschland: 
25.06.2015
S: 
Musik: 
V: 
L: 
104 Min
FSK: 
12

Marc Brummund gelang ein eindrücklicher Film über gewalttätige Heim­erziehung in den späten 60er Jahren. Gedreht wurde an den realen Schauplätzen

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Wer an die späten 60er Jahre in der Bundesrepublik denkt, dem kommen unweigerlich Bilder in den Sinn von protestierenden Studenten, jungen Männern mit langen Haaren, Rockkonzerten mit kreischenden Jugendlichen. 1967 schon drehte Peter Fleischmann seinen legendären Dokumentarfilm Herbst der Gammler, ein Blick auf jene Gruppe der Wohlstandsverweigerer – und vor allem die Reaktionen auf sie. Aber bis der Aufbruch wirklich in der Gesellschaft ankam – darüber sind Jahrzehnte vergangen.

Nicht umsonst beginnt Freistatt im Sommer 1968. Der Umbruch war noch ganz weit weg von der norddeutschen Kleinstadt, in der der 14-jährige Wolfgang (Louis Hofmann) von seinem Vater (Uwe Bohm) und mit Billigung seiner Mutter (Katharina Lorenz) in die Diakonie Freistatt, ein sogenanntes Fürsorgeheim für schwer erziehbare junge Männer, abgeschoben wird. Als er mit dem VW-Bus im Heim ankommt, bietet sich eher eine Idylle: Der Heimleiter beschäftigt sich mit der Pflege seines Gartens, und über dem Ganzen liegt eine sonnendurchflutete Friedfertigkeit.

Aber die hält nicht lange an. Im Heim regiert die Gewalt. Die Erzieher, die sich mit »Bruder« anreden, prügeln und strafen drakonisch, und unter den Jungs gibt es ein genau abgestuftes Machtgefüge. In das sich Wolfgang nicht einpassen will. Die echte Anstalt Freistatt, in der der Film auch gedreht werden konnte, war eine Dependance der Betheler Bodelschwinghschen Anstalten – und schweißtreibende Arbeit war Teil des Konzepts. Die Jungs müssen im Moor Torf stechen, den der Anstaltsleiter Herr Brockmann an lokale Bauern verkauft.

Es kommt nicht von ungefähr, dass im Zuschauer unweigerlich Assoziationen an KZ-Häftlinge aufsteigen, wenn die Zöglinge in Draisinen und mit Holzpantinen bekleidet ins Moor fahren. Und noch dazu das Lied von den Moorsoldaten singen, das im KZ Börgermoor entstand. Das kommt aber nicht als billige Kirchenkritik herüber (80 Prozent aller Heime waren damals in kirchlicher Trägerschaft), sondern wirkt eher als Hinweis auf die Kontinuität autoritärer Strukturen, die sich von der faschistischen in die Nachkriegsgesellschaft – die ja alles andere als liberal war – herübergerettet haben.

Man merkt dem Film sein Anliegen durchaus an – ein Thesenfilm ist daraus aber nicht geworden. Das liegt auch an seinen Darstellern, allen voran Louis Hofmann als Wolfgang und Alexander Held als Anstaltsleiter, der eine umwerfende Performance in Sachen subtilem und explizitem Sadismus hinlegt. 3000 solcher Heime hat es, informiert der Nachspann des Films, in den 60er Jahren noch gegeben; ihre gewalttätige Geschichte ist aber erst spät ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Es gibt heute noch Menschen, die die Folgen der Studentenbewegung infrage stellen. Die sollten sich schleunigst diesen Film anschauen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Film Freistatt hat mich schockiert. Ich bin von der 68iger Generation und bin im Nachhinein froh, dieser Generation angehört zu haben, auch wenn viele Ideen der damaligen Zeit nich realisiert werden konnten. Ich versuche seit etlichen Jahren Christ zu sein, ohne einer Kirche anzugehören, denn ich traue den Kirchen nicht.Der Film"Freistatt" bestätigt mich in dieser Hinsicht. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob ich kirchlichen sozialen Institutionen trauen kann, denn zu viele Fehlverhalten sind in diesen Institutionen geschehen (Missbrauch von anvertrauten Kindern). Ich befürchte, dass uns auch heute noch viele Fehlverhalten in verschiedenen Institutionen, ob kirchlich oder staatlich, verborgen bleiben. Wir müssen wachsam sein und solche Fehlverhalten anprangern, bekämpfen und bestrafen.
Ulf Ekhard

von 1994 bis 1995 war ich selbst Zögling in Freistatt im Haus Neuwerk, der Film gibt bei weiten nicht die Brutalität der Erzieher ( Brüder ) wieder.

man kann das was dort wahr nie verstehen das so etwas passieren kann.
mich hat der film wochenlang beschäftigt (unfassbar) ich glaube ihnen das es dort noch härter zu ging als im film (so viel zur kirche) u. die Politik ist auch nicht besser
jeder junge hätte für die arbeit eine entschädigung ohne wen u. aber bekommen müssen. ich hofe es geht ihnen u. den anderen GUT !!!
Gruß SGS

Ich dachte Haus Neuwerk wurde 1975 geschlossen (als Erziehungsheim )
Ich war auch da , von 1967 bis 1969 Hardcore.

Ich war von Oktober 1967 bis März 1969 in Haus Neuwerk und habe alles am eigenem Leib Erfahren , die Realität war ein Albtraum,einer hat sich Erhängt an der Heizung den Namen möchte ich hier nicht nennen,ein anderer hat ein Verhältnis mit einen Erzieher ( Bruder ) gehabt bis es ihm zu bunt wurde es gab zwei Schwule Brüder in Haus Neuwerk die dann wo alles Aufgeflogen war Entlassen wurden.Ich bin am Überlegen ob ich nicht selbst ein Buch über Freistatt schreibe mit allen höhen und tiefen,ach ja ich selber habe 8 Monate Torf gestochen,danach 4 Monate Akten Ordner Klemmen aus Metal gebaut und danach war ich in der Küche als Küchenjunge das war der Traum Job ich konnte mich frei bewegen und hab neben der Küchen Arbeit das Mittagessen zu den Leuten ins Moor gebracht,wie gesagt es gab höhen und tiefen um alles wiederzugeben füllt Bände.Ich bin jetzt 65 Jahre Alt und am Überlegen ob ich Freistatt (Haus Neuwerk)noch einmal Besuche,aber als freier Mann.

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