Kritik zu Der Eid

© Alamode

Der isländische Filmemacher Baltasar Kormákur (Everest) erzählt in seinem neuen, wieder in Island gedrehten Film von einem Vater, der seine Tochter vor einem Drogenhändler retten will und dabei in eine Spirale der Gewalt gerät

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Finnur ist ein Getriebener und ein Perfektionist. Er will in jedem Moment seines Lebens die absolute Kontrolle über alles haben. Zugleich neigt er dazu, seinem Umfeld fortwährend zu beweisen, dass ihn nichts erschüttern kann. Im Operationssaal mag das letztlich sogar notwendig sein, schließlich liegt dort das Leben anderer Menschen in den Händen dieses ebenso selbstsicheren wie selbstherrlichen Herzchirurgen. Aber Finnurs Streben nach Allmacht endet nicht jenseits des Krankenhauses. Nur gegenüber Anna, seiner 18-jährigen Tochter, hat er sich bisher zurückgehalten. Ihr, die ziellos durchs Leben treibt, sieht er fast alles nach. Das ändert sich, als ihm bewusst wird, dass ihr neuer Freund Óttar mit Drogen handelt. Finnur setzt alles daran, die beiden auseinanderzubringen.

Wie Finnur scheint auch dem isländischen Schauspieler und Filmemacher Baltasar Kormákur, der hier selbst die Hauptrolle übernommen hat, die Sehnsucht nach Vollkommenheit nicht ganz fremd zu sein. Auf den ersten Blick haben Kormákurs Regiearbeiten, die in Island entstandenen schwarzen Komödien (»101 Reykjavik«) ebenso wie die weit aufwendigeren Hollywoodproduktionen (»2 Guns«, »Everest«) der vergangenen Jahre, etwas Leichthändiges. Blickt man aber etwas genauer hin, lässt sich eine Regiehandschrift erkennen, die mit Begriffen wie »gradlinig« oder »klassisch« nur unzureichend beschrieben wäre. Die Präzision und Klarheit von Kormákurs Stil haben beinahe schon eine philosophische Dimension. In der äußersten Reduktion offenbart sich nicht nur das Wesen von Genregeschichten, wie er sie nun auch in »Der Eid« erzählt. Alle seine Filme sind Experimente, die uns mit grundlegenden Wahrheiten konfrontieren. Dafür gehen Kormákur und seine Protagonisten bis zum Äußersten. Von Helden kann man in seinem Kino kaum sprechen, von Antihelden aber auch nicht, dafür sind sie zu alltäglich. Allerdings erproben sie für uns alle, wozu Menschen fähig sind.

Entfernt erinnert Finnurs letztlich tragisch fehlgeleiteter Kampf um seine Tochter an eine andere, beinahe 40 Jahre alte Geschichte väterlicher Obsessionen: In Paul Schraders »Hardcore« geriet George C. Scott bei dem Versuch, seine Filmtochter aus den Fängen der kalifornischen Pornoindustrie zu reißen, in einen Strudel aus Wahnsinn und Gewalt. Schraders Film war auch eine wütende Abrechnung mit dem protestantischen Furor amerikanischer Konservativer. Kormákurs Blick ist weitaus nüchterner. Man muss kein Dogmatiker sein, auch ein Chirurg, für den der hippokratische Eid eine bindende Richtlinie war, ist unter entsprechenden Umständen fähig, jegliche Form von Zivilisation von sich abzustreifen.

Wie leicht es ist, alle Grenzen zu überschreiten, führt einem Kormákur mit äußerster Kälte vor. Seine Bilder und ihre Botschaften sind ähnlich eisig wie die verschneiten isländischen Landschaften. Konsequenter und ökonomischer als »Der Eid« lässt sich ein Thriller über die wölfische Natur des Menschen nicht erzählen. Aber diese eisige Kälte hat einen Preis. Sie schirmt Finnur und den Film hermetisch ab. Man versteht, worum es Kormákur geht, aber man fühlt nichts außer Erfrierungen.

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