Kritik zu Chevalier

Trailer OmeU © Verleih

Mit ihrem Film »Attenberg« trug die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari zur »neuen griechischen Welle« bei. Für ihre dritte Regiearbeit schickt sie sechs Männer auf eine Yacht in der Ägäis zur Erforschung männlicher Verhaltensweisen

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Eine Luxusyacht schippert in der Ägäis. Die Verbindung der sechs Männer an Bord ist auf den ersten Blick unklar. Freunde sind sie offenkundig nicht, ihre Gespräche klingen oberflächlich und haben trotz einer grundsätzlichen Vertrautheit einen kompetitiven Unterton. Gefolgt sind sie der Einladung des »Doktors«, dem ältesten und distinguiertesten Teilnehmer des Bootsausflugs, und nun vertreibt sich das ungleiche Männergespann seinen großzügigen Freizeitüberschuss eingepfercht auf dem schwimmenden Luxusdomizil des Gastgebers. Das Szenario erinnert an Roman Polanskis »Das Messer im Wasser« – mit dem Unterschied, dass Regisseurin Athina Rachel Tsangari in »Chevalier«, ihrem dritten Film, auf einen weiblichen Gegenpart für den Testosteronabbau verzichtet. Die Männer haben nur sich und ihre unterschiedlich ausgeprägten Egos.

Tsangari hat ein Faible für Laborsituationen, unter denen sich menschliche Verhaltensweisen studieren lassen. Der Titel ihres letzten Films »Attenberg«, der neben den Filmen von Yorgos Lanthimos (»Dogtooth«) maßgeblich die »neue Welle« des griechischen Kinos begründete, bezog sich auf den für seine Tierdokumentationen bekannten Naturforscher David Attenborough. In »Chevalier« konzentriert sich Tsangari auf ein überschaubares Soziotop: eine Gruppe mittelalter, statusbewusster Männer, die man leicht für Repräsentanten der griechischen Finanz- und Politkrise halten könnte. Aber die Regisseurin ist – anders als Kollege Lanthimos – weniger an gesellschaftlichen Parabeln interessiert, die sich zeitdiagnostisch vereinnahmen lassen. Ihr Ansatz ist analytisch, aber auch spielerischer.

Ein Spiel entspringt auch der gepflegten Langeweile der Männerrunde, mit dem ­Tsangari ihren Sinn für absurde Situationen beweist. Bevor die Yacht den Hafen von Athen erreicht, wollen die Männer unter sich ausmachen, wer »der Beste im Allgemeinen« ist. Der Gewinner erhält, daher der Titel, einen Siegelring. Bewertet werden kann alles: von persönlichen Vorlieben über Charakterzüge und Schlafstellungen bis zur sexuellen Leistungsfähigkeit. Dass der Wettbewerb dann tatsächlich in einem Schwanzvergleich gipfelt, bei dem ein Teilnehmer in einem fortgeschrittenen Delirium seine »schöne Erektion« anpreist, ist für Tsangaris Verhältnisse vielleicht etwas plakativ, aber ihre mitunter irritierend distanzierten Beobachtungen werden durch solche Anflüge von broad comedy schön konterkariert.

Je länger das Spiel andauert, desto durchsichtiger wird das Beziehungsgeflecht der Figuren. Problematisch ist nur, dass die Protagonisten in »Chevalier« um einiges uninteressanter sind als die Vater-Tochter-Konstellation in dem trotz seiner unterkühlten Komik emotional berührenden »Attenberg«. Es spricht für Tsangari, dass es ihr gelingt, die absurde Prämisse des Wettbewerbs mit stoischem Ernst bis zum Schluss durchzuziehen. Aber die Wirkung ihrer zurückhaltenden Inszenierung verpufft, weil die Verhaltensformen der Figuren stark unterentwickelt sind.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns