Ferngläser, wohin man auch schaut
Dass die Vogelbeobachtung nicht nur wohltuend entschleunigt, sondern auch ein Akt von politischer Relevanz ist, wird in den USA seit Trumps Wiederwahl lebhaft diskutiert. Bislang galt sie als betuliche und eher konservative Beschäftigung; inzwischen schätzt man das freiheitsliebende, anarchische Wesen der Vögel anders ein. Kein Politiker oder Tech-Milliardär kann ihnen vorschreiben, was sie zu tun haben.
In Venedig feierte gerade der Kurzfilm „Sounds from home“ von Nathan Silver Premiere (demnächst auch auf der Viennale zu sehen), in dem sich aus dieser Gemengelage ein transatlantischer Dialog entspinnt: Während die Eltern des Filmemachers im beschaulichen Upstate New York ornithologische Studien betreiben, erforscht er mit seiner Frau das urbane Verhalten des Federviehs im Pariser Exil. Die Nachrichten von Zuhause sind ja nicht gut („I tell you, we're living in a police state.“), aber immerhin mischen sich die Vögel auch in die TV-Berichterstattung in den USA ein.
Hierzulande wiederum läuft seit gestern „Watching People Watching Birds“ von Ulrike Franke und Michael Loeken, in dem diverse Vogelbeobachter, darunter der US-Schriftsteller Jonathan Franzen. auftreten. Im Oktoberheft war kein Platz für eine Kritik, so habe ich die schöne Aufgabe, diesen grundsympathischen Dokumentarfilm und seine erfreulichen Figuren vorzustellen. Er kommt so entspannt und geduldig daher, dass es gar nicht auffällt, wie viele Aspekte seines Themas er in anderthalb Stunden bündelt. So viele Ferngläser werden Sie nie wieder auf einmal im Kino sehen. Die Reise beginnt an der Ruhr, macht immer mal wieder Station auf Helgoland und landet regelmäßig bei „Birders“ in den USA, es geht vom Freizeitvergnügen über das Erfassen von Populationen bis zu einem Gartenprojekt für Obdachlose. In diesem Refugium gedeiht auch Gesellschaftskritik.
Verzeihung, das klingt in der Zusammenfassung viel zu turbulent für diesen Film. Die sanft umsichtige Kameraführung (Jörg Adams, Hajo Schomerus) und die ruhige Montage (Sophie Oldenbourg, Guido Krajewski) schaffen augenblicklich eine Stimmung sanfter Vertiefung. Die Tondramaturgie (Filipp Forberg, Andreas Hildebrandt) ist wachsam und die Musik (Maciej Śledziecki) wirkungsvoll dezent. Man sollte im Flüsterton darüber schreiben, wie die ProtagonistInnen ihrer verschwiegenen Passion nachgehen. Wir haben es mit lauter Fachleuten zu tun; gleichviel, ob sie die Vogelbeobachtung aus Hobby oder beruflich betreiben. Schier unfasslich, wie viele Vogelarten sie erkennen, benennen und charakterisieren können! Das Regiegespann schickt uns in eine Schule der Aufmerksamkeit, in der es gelehrsam, aber nicht belehrend zugeht. Sie schärfen unsere Sinne so sehr, das wir nicht nur auf die Vogelstimmen achten, sondern auch auf die Mundart, in der über sie gesprochen wird. Vom Temperament her unterscheiden sich die Vogelkundler nicht sehr voneinander – es sind friedfertige, in sich ruhende Menschen, die sich leise und achtsam in ihrer Welt bewegen. Indes gibt es Nuancen. Die deutsch-britischen Eheleute, die auf dem Sofa das enzyklopädische Wissen des Partners abfragen, muten schon etwas skurril an. Jedoch schaut man ihnen eingenommen zu, denn hier haben sich Zwei gefunden, die unzertrennlich sind in ihrer Leidenschaft. Das Fotoalbum, in dem der Film kurz blättert, belegt es zauberhaft. Ohnehin bereitet es Vergnügen, der Beredsamkeit von Leuten zu lauschen, die ihre Bestimmung gefunden haben. Die Vogelbetrachtung ist kein Zeitvertreib, sondern gelebter Idealismus. Im Kern arbeiten sie allesamt an der kontinuierlichen Entdeckung einer anderen Welt, die den meisten von uns im Alltag verborgen bleibt. Dabei gibt Jonathan Franzen zu bedenken, dass Vögel den ersten, unmittelbaren Berührungspunkt des Menschen mit der Natur darstellen. Er zeigt sich übrigens als große Autorität auf diesem Gebiet, hat das Verhalten und die Interaktion der Vögel akribisch studiert. Philosophisch gibt er sich auch. Aber darin stehen ihm die anderen Befragten in nichts nach.
Der Film zeichnet eine unsichtbare Weltkarte, auf der sich zweierlei Verbindungen herstellen lassen. Einerseits eine topographische, die von der alljährlichen Migration vorgegeben wird, aber auch Überraschungen bereithält. „Ich habe noch nie eine Großmöwe aus Litauen gehabt“, frohlockt ein Enthusiast, der sein Hobby professionalisiert hat als Ornithologe, dessen Aufgabe in dem wissenschaftlichen Beringen von Vögeln. Bei anderer Gelegenheit grüßt ein Zugvogel unverhofft von den Galapagos-Inseln. Die zweite ist eine ökologische. Die Vogelkundler, die in freudvoller Eintracht mit der Natur und sich selbst existieren, sind die ersten, denen Verwerfungen, biologisches Ungleichgewicht sowie der Rückgang und das Verschwinden von Arten auffallen. Franzen behauptet, bei der Vogelbetrachtung würde er nicht an den Klimawandel denken, aber ganz durchhalten kann er diese Einstellung später nicht mehr. Gegen Melancholie ist diese entspannte, gelöste Beschäftigung nicht gefeit.
Nur an zwei Stellen greift der Film auf historisches Dokumentarmaterial zurück. Beim ersten Mal zitiert er Wochenschauaufnahmen von der Spatzenjagd, zu der in China Ende der 1950er Jahre auf Geheiß von Mao geblasen wurde und die verheerende Folgen hatte: Im nächsten Jahr gab es eine Heuschreckenplage, die die Ernten vernichtete und mitschuldig war an der entsetzlichen Hungersnot, der in der Volksrepublik Millionen Menschen zum Opfer fielen. Das zweite Mal am Ende, als die NASA zwei Voyager-Raketen ins All schickte mit vielstimmigen Botschaften an Außerirdische, bei der auch die Vögel mitsprachen. Das ist kein beschwichtigender Ausklang, denn die Frage nach Pessimismus und Zuversicht nimmt der Film sehr ernst. Indes erscheint die demütige Beobachtung bereits als ein tätiger Akt des Naturschutzes. Und die ProtagonistInnen sind großartige Anstifter. Der Großvater etwa, der wortreich den Verlust an natürlichem Reichtum beklagt, nimmt seinen Enkel mit in die Natur und ermutigt seine Schaulust. In diesem Generationenvertrag steckt Pflege und Bewahren. Die Kamera hat keine Furcht vor Anmut. Die Idylle ist kein Selbstzweck, sondern ein Argument der Erzählmoral.





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