42. Filmfestival Max Ophüls Preis

Der Mix macht es
»Every Thing Will Change«

»Every Thing Will Change«

Der Wettbewerb des 43. Filmfestivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken, das hybrid und dezentral organisiert war, schwächelte etwas. Für Ausgleich sorgten die erfindungsreichen Dokumentarfilme

Es fühlte sich gut an, endlich mal wieder ganze Tage im Kino zu verbringen. Und das dem jungen deutschsprachigen Film gewidmete Filmfestival Max Ophüls Preis hat sich alle Mühe gegeben, neben einem Online-Angebot Präsenz zu zeigen. So wurde das Programm verschlankt – 
nur zehn Spielfilme im Wettbewerb etwa –, die Dauer dafür auf zehn Tage ausgedehnt. Dadurch hatte man die Chance, bei drei Vorstellungen am Tag, tatsächlich alle Filme der Sektionen Kurzfilm, Mittellanger Film, Spielfilm und Dokumentarfilm zu sehen. Dazu wurden die Filme je nach Sektion in 5 bis 9 Kinos im gesamten Saarland gleichzeitig gezeigt und die Gespräche mit den Filmemachern live übertragen. Bei strengen Regeln, 2G + Tagestest, Maskenpflicht und großzügigem Abstand im Kino, konnte man sich relativ sicher fühlen. Und doch blieb ein wenig Wehmut zurück. 

Denn die Filme taten sich schwer, davon zu überzeugen, dass man die harten Produktionsbedingungen in den Corona-Jahren genutzt hatte, sich ästhetisch etwas Neues einfallen zu lassen. Vielmehr wurde der Mangel sichtbar. Kleine Ensembles, begrenzte Räume und ein eher diskursives als erzählerisches Kino zeigte sich in Saarbrücken. Thematisch blieb der Zweispalt von Privatem und Öffentlichen bestimmend, außerdem uneindeutige sexuelle Zugehörigkeit und queere Liebesbeziehungen. Da gab es Filme wie »Para:dies« von Elena Wolff, der den Alltag einer lesbischen Liebesbeziehung erkundet und in seiner Suche nach Grenzüberschreitung auch die Kamerafrau in die Szene einbezieht, oder den mit dem Ophüls-Preis ausgezeichneten »Moneyboys« von C.B. Yi, der von einer Liebe unter Strichjungen erzählt – und dabei, wie die Jury meint, eine »tiefe Herzlichkeit« zeigt. Für die Darstellung in Para.dies wurde Julia Windischbauer als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. 

Stilistisch verließ man sich auch in der Zeit nach Mumblecore immer noch auf eine stark dokumentarisch ausgerichtete Haltung, Improvisation stand vor ausgefuchsten Drehbüchern. »Ladybitch« von Paula Knüpling und Marina Prados thematisierte vor dem Hintergrund einer stark improvisiert wirkenden Theaterprobe einen sexuellen Übergriff und erhielt dafür den Preis für den gesellschaftlich relevanten Film. Mit derselben Thematik fand »Risse im Fundament« von Genia Leis & Gerald Sommerauer Zuspruch bei der Jugendjury.

Klassische Genrefilme gab es in diesem Jahr überhaupt nicht. Schon der gelungene Eröffnungsfilm, »Everything Will Change« von Marten Persiel, der den Publikumspreis bekam, war eine Dokumentation – die Betrachtung einer Umwelt, die heute schon so zerstört ist, dass es der Fiktionalisierung und der Verschiebung in eine nahe Zukunft gar nicht bedurft hätte.

Überhaupt wurde der durchweg schwache Spielfilm-Wettbewerb durch einige Highlights in der Sparte Dokumentarfilm ausgeglichen. Hier konnte man immer wieder eine mutig neue Haltung bewundern, einen grenzüberschreitenden Mix aus inszenierten und animierten Bildern, bzw. eine intensive Recherche oder ganz ungewöhnliche neue Ideen. »Anima – Die Kleider meines Vaters«, zu Recht mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm sowie dem Publikumspreis ausgezeichnet, ist das sprühende Dokument einer Recherche in der eigenen Familie. Die Frage, warum sie sich in Kleidchen mit Schleifen immer so unwohl gefühlt hat und lieber Hosen oder Indianerkostüme trug, beantwortet sich die Regisseurin Uli Decker am Sterbebett ihres Vaters, als ihr die Mutter erzählt, der Vater habe sein Leben lang Crossdressing betrieben und heimlich Frauenkleider getragen. Der Vater wurde Opfer eines dummen Streichs: Als er in den Draht radelte, den ein paar Jungen über den Weg gespannt hatten, stürzte er auf den Kopf und erlag seinen Verletzungen. Hier treffen sich Privates und Öffentliches auf markante Weise. In Ermangelung von Dokumenten des Vaters bereichert Uli Decker ihren Film mit animierten und collagierten Passagen, erzählt freimütig aus der Familien­geschichte, trifft aber ins Herz einer bornierten Gesellschaft, die Geschlechtergrenzen hartnäckig bewacht. 

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