Interview mit Neil Jordan über seinen Film »Greta«

Neil Jordan

Neil Jordan

Neil Jordan In der Filmographie des irischen Regisseurs kommen so verschiedene Genres zusammen wie der Mainstream-Hit »Interview mit einem Vampir« und Nordirland-Dramen wie »The Crying Game« und »Angel«, die amerikanische Indie-Komödie »Wir sind keine Engel« und das britische Neo-Noir-Drama »Mona Lisa«, der flamboyante »Breakfast on Pluto« und der Horrorkrimi »The Butcher Boy«. Nun hat er mit Isabelle Huppert einen Thriller in New York gedreht.

Mr. Jordan, was reizte Sie bei »Greta« an der Zusammenarbeit mit Isabelle Huppert, jenseits der Tatsache, dass sie zu den besten Schauspielerinnen der Welt gehört?

Die Tatsache, dass sie mindestens die größte Schauspielerin ihrer Generation ist, ist ja schon mal einiges wert. Für mich war es bei »Greta« wichtig, auf der einen Seite junge, amerikanische Unschuld stehen zu haben und auf der anderen als Gegengewicht eine europäische, abgründige Komplexität. Dafür war sie die Idealbesetzung.

Von Besessenheit wird im Kino häufig erzählt. Was macht diese Geschichte besonders?

Gemeinhin handeln solche Geschichten von einem jungen Mann und einer Frau, würde ich sagen. Was mich hier reizte, war die Tatsache, dass der Stalker hier eine reizende, adrette Witwe ist. Das fand ich ungemein passend, denn im Grunde handelt »Greta« für mich davon, dass sich aus jeder Zufallsbegegnung großes Glück entwickeln kann – oder aber eine wahre Hölle. In modernen Großstädten begegnen wir heute in einer Tour Fremden, von denen wir nicht wissen können, ob sie Engel oder Teufel sind. Perfekter Filmstoff!

Der Film wandelt auf einem schmalen Grat aus Humor und Brutalität, ernstem Drama und unterhaltsamem Trash. Wie haben Sie den Tonfall ausbalanciert?

Die ursprüngliche Version des Drehbuchs war relativ schlicht, so dass mir gleich klar war, dass ich in alle Richtungen die Grenzen würde weiter ausloten müssen. Aber ich habe weniger über den Tonfall nachgedacht, als mich an den Figuren orientiert. Greta etwa stellt für mich den Inbegriff von Einsamkeit in einer Großstadt dar. Gerade in New York sieht man häufig ältere Frauen, denen die Erschöpfung und das Alleinsein ins Gesicht geschrieben sind. Davon etwas zu transportieren, war mir bei aller Thriller­unterhaltung wichtig.

Sie haben in »Greta« auch wieder eine Rolle für Stephen Rea gefunden. Ist er nach zehn gemeinsamen Filmen so etwas wie Ihre Muse, ohne die es nicht geht?

So weit würde ich nicht gehen. Aber er ist einfach ein Schauspieler, der gewisse Dinge kann, die andere nicht können. Und es passiert mir eben immer wieder, dass ich Figuren schreibe, von denen ich denke, dass nur Stephen sie spielen kann. Die Theatersequenzen seiner Figur in »Interview mit einem Vampir« waren zum Beispiel so etwas, wo ich mir niemand anderen vorstellen konnte. Bei dem Polizisten in Greta gab es nun ähnliche Momente, für die eigentlich außer ihm niemand infrage kam.

Vor »Greta« haben Sie sechs Jahre lang keinen Kinofilm gedreht. War das eine bewusst verordnete Pause?

Ich war mit anderem beschäftigt: Erst mit der Serie »The Borgias«, dann mit einer zweiten Serie, von der ich mich dann wegen kreativer Differenzen allerdings wieder verabschiedet habe. Und Romane habe ich auch geschrieben. Aber der entscheidende Punkt ist vor allem, dass es immer schwieriger geworden ist, Independent-Filme zu drehen. Früher schrieb ich ein Drehbuch und fing spätestens Monate später mit den Dreharbeiten an. Heute dauert es sehr viel länger, ein Projekt auf den Weg zu bringen. Wenn es überhaupt klappt.

Die Veränderungen innerhalb der Filmbranche machen Ihnen zu schaffen?

Nun, wir leben heutzutage in einer Welt, die alles Neue feiert – und nach fast 40 Jahren im Filmgeschäft bin ich eben einfach nicht mehr neu. Daran muss man sich gewöhnen. Und die Umstellung auf heutige Arbeitsbedingungen fällt mir nicht immer leicht. Ich bin, selbst von meinen Independent-Filmen, größere Budgets gewöhnt als die, mit denen heute meist gearbeitet wird.

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