DVD-Tipp: Die Filme von Matsumoto Hitoshi

»R 100« (2013)

»R 100« (2013). © donaufilm

Seltsam ist gar kein Ausdruck

Als er den Jahresvertrag mit dem SM-Studio »Bondage« abschließt, ahnt Salaryman Katayama Takafumi nicht, was er sich damit einbrockt. Denn das, was die gestrengen Ladys in petto haben, geht über Fesseln und Hinternversohlen weit hinaus. Gut, dass sie ihn im Alltag überfallen würden, diesem damit sozusagen eine gewisse Würze verleihend, das war Bestandteil des Vertrages. Dass die Damen ihn aber auf dem Firmenklo vermöbeln und seine Familie – Sohn, Schwiegervater und im Koma liegende Frau – in die »Spiele« miteinbeziehen würden, das war ganz und gar nicht ausgemacht. Die Würze, die Takafumis trauriges Leben mit einem Mal zu bieten hat, ist die eines Action-Agenten-Ninja-Films, garniert mit etwas Horror, Fantasy und ziemlich viel Kink.

»R 100« (2013). Trailer OmeU, © Drafthouse Films

Was soll das denn sein, werden Sie nun fragen? »Das« ist »R 100« (R 100 – Härter ist besser), der kürzlich (wenngleich mit reichlich Verspätung) in Deutschland auf DVD/Blu-ray veröffentlichte vierte Film des in Japan hohes Ansehen genießenden TV-Komikers Matsumoto Hitoshi. Wie schon »Dainipponjin« (2007), »Shinboru« (2009) und »Saya Zamurai« (2011) ist auch »R 100« (2013) ein über die Maßen seltsames, um nicht zu sagen exzentrisches Werk, das erst auf die Regeln pfeift und sich dann eins ins Fäustchen lacht. Ein Solitär unter Beispiellosen, die gemeinsam das beachtenswert anarchische Querulantenquartett eines Querdenkers ergeben.

»Dainipponjin« (Der grosse Japaner), Matsumotos in langjähriger Arbeit entstandenes Spielfilm-Regiedebüt, ist eine zwischen Alltagstragödie und irrwitziger Fantasterei schillernde Huldigung an »Ultraman« und all die anderen Suitmation-Monsterfilme; aufgehängt an einem Interview, das Titelfigur Daisato, ein unscheinbarer Ödbär, einem schnöseligen Journalisten gibt. Quasidokumentarische Gesprächspassagen und digital animierte Monsterszenen wechseln einander ab und ergeben ein schonungsloses Porträt heutigen Superheldentums, dessen herausragende Qualität die lustvolle Zelebration von Slowburn-Effekt und Deadpan-Performance ist.

Es folgt mit »Shinboru« (Symbol) die nicht ganz leicht zu durchschauende Illustration des chaostheoretischen Axioms, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite der Welt auf der anderen einen Wirbelsturm auslösen könne. Dingfest gemacht am Beispiel eines Mannes (Matsumoto Hitoshi), der in einem kahlen weißen Raum auf Puttenpenisse drückt, während ein anderer sich in Mexiko auf einen Wrestling-Kampf vorbereitet. Das klingt jetzt erst mal nur wahnsinnig, beeindruckt aber vor allem aufgrund der Unbekümmertheit, mit der sich hier einer darangemacht hat, eine Fundamentalmetapher der menschlichen Existenz zu schaffen.

Wiederum zwei Jahre später überführt »Saya Zamurai« das Märchenmotiv der Bewährungsprobe, die einen Verurteilten vor dem Tod retten kann, in eine komödientheoretische Tragödie: Der wegen Disziplinlosigkeit und Verwahrlosung zu Seppuku (rituellem Selbstmord) verurteilte Samurai Nomi muss sich der 30-Tage-Aufgabe stellen und versuchen, den Sohn des Fürsten zum Lachen zu bringen. Gelingt dies, wird Nomi begnadigt. Was aber den Samurai mit dem Fürstensohn verbindet, ist der Umstand, dass beide mit einem geliebten Menschen auch ihren Lebensmut verloren haben. Angesichts ihrer tiefen Verzweiflung stellt sich die Frage nach der heilenden Kraft des Lachens noch einmal neu. Wie weit will man gehen, wie tief sinken in vermeintlich komödiantischer (Selbst-)Erniedrigung, um die Widerstandskraft gegen die Widrigkeiten des Lebens wiederzuerlangen? Matsumoto ist ein weiser Clown, er gibt auf diese Frage keine einfache Antwort.

Am Ende von »R 100« sitzen ein paar ratlose Filmleute vor dem Vorführraum und schauen betreten, während es drinnen dem 100-jährigen Regisseur vor Genuss das Gesicht verzieht. Irgendwo versteckt, grinst hier eine tiefe Wahrheit, man muss eigentlich nur zurückgrinsen.


»Dainipponjin« (2007). Anbieter: REM.
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»Shinboru« (2009). Anbieter: REM.
Bestellmöglichkeit (DVD)



»Saya Zamurai« (2011). Anbieter: REM.
Bestellmöglichkeit (DVD)



»R 100« (2013). Anbieter: donaufilm (Alive).
Bestellmöglichkeit (DVD)
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