Mehr Jugend, weniger Stars und ein paar Altmeister
Am Mittwoch eröffnen die 67. Filmfestspiele von Venedig


Von Barbara Schweizerhof



©Verleih
Das Filmfestival von Venedig rühmt sich, das älteste seiner Art zu sein. Da Alter heutzutage aber immer weniger als Kapital und immer mehr als Bürde angesehen wird, verweisen die Festivalmacher in diesem Jahr besonders stolz auf die "Jugendlichkeit“ ihres Programms. Der Altersdurchschnitt der 23 im Wettbewerb vertretenen Regisseure liegt bei 47 Jahren, und das, obwohl mit dem 78-jährigen Amerikaner Monte Hellman und dem 72-jährigen Polen Jerzy Skolimowski zwei Veteranen weit jenseits des Rentenalters antreten. Das Wettbewerbsprogramm wird am Ende 24 Filme umfassen; wie bereits in den vergangenen Jahren gibt es einen "Überraschungsfilm“, dessen Titel erst im Laufe des vom 1. bis zum 11. September dauernden Festivals verkündet wird.

Eröffnet werden die Filmfestspiele Mittwochabend mit Darren Aronofskys "Black Swan" ("Der schwarze Schwan"), einem im New Yorker Balletmilieu angesiedelten Thriller, in dem Natalie Portman und Mila Kunis als Tänzerinnen um die Hauptrolle in Tschaikowskis "Schwanensee" konkurrieren. Zu den mit großer Spannung erwarteten Filmen gehört das neueste Werk von Sophia Coppola, "Somewhere“, in dem die "Lost in Translation“-Regisseurin ein weiteres Mal einen arbeitsmüden Hollywoodschauspieler in den Mittelpunkt stellt. Einige Aufregung im Vorfeld löste auch der angekündigte Dokumentarfilm "I'm Still Here" aus, in dem Casey Affleck, der jüngere Bruder von Ben Affleck, die bizarre Karrierewende seines Freundes (und Schwagers) Joaquin Phoenix nachvollzieht. Phoenix hatte sich 2008 von der Schauspielerei verabschiedet, um eine Laufbahn als bärtiger weißer Rapper einzuschlagen. Bis heute weiß niemand, ob es sich dabei nicht nur um einen Publicity-Gag handelte. Genauso unsicher ist es, ob nun Afflecks Dokumentation darüber Klarheit verschaffen oder als "mockumentary“ nur weiter Verwirrung stiften wird. "I'm Still Here" läuft außer Konkurrenz.

Mit sechs Filmen sind die Amerikaner ein weiteres Mal die am stärksten vertretene Nation im Wettbewerb, der nichtsdestotrotz ganz dem Arthouse-Kino verpflichtet scheint und deshalb mit weniger dem Glamour zuliebe eingeladenen Stars aufwartet als noch in den letzten Jahren. Schließlich stellen mit Vincent Gallo und dem bereits erwähnten Monte Hellman zwei veritable Hollywoodaußenseiter ihre neuesten Werke vor. Der Schauspieler und Regisseur Vincent Gallo, der einst für Calvin Klein modelte, hat keinen Film mehr gemacht, seit sein "Brown Bunny" 2003 in Cannes von der Kritik vernichtet wurde. Nun präsentiert er mit "Promises Written in Water“ seinen dritten Spielfilm und spielt außerdem in Jerzy Skolimowskis Thriller "Essential Killing“ eine Hauptrolle. Monte Hellmans bekanntester Film, "Two Lane Blacktop", liegt sogar knapp 40 Jahre zurück. Seit Ende der 70er hat der Regisseur und Produzent nur noch sporadisch Filme gedreht. Pikantes Detail: der diesjährige Jury-Präsident Quentin Tarantino gilt als großer Hellman-Verehrer und hat ihn bereits für sein Spielfilmdebüt "Reservoir Dogs" 1992 als "ausführenden Produzenten" angeheuert.

Deutschland schickt immerhin einen Vertreter an den Lido: Nachdem im letzten Jahr Fatih Akin mit seinem "Soul Kitchen" den Spezialpreis der Jury gewinnen konnte, richten sich in diesem Jahr die Hoffnungen der deutschen Filmindustrie auf Tom Tykwers in Berlin angesiedelte Tragikomödie "Drei", in dem David Striesow und Sophie Rois die Hauptrollen spielen. Zu weiteren Höhepunkten des Wettbewerbs zählen "Black Venus" ("Vénus Noire"), der neue Film des tunesisch-französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche ("Couscous mit Fisch“), der das Schicksal der im 18. Jahrhundert als sogenannte "Hottentotten-Venus" auf Jahrmärkten ausgestellten Sarah Baartman nachvollzieht. Weitere mit Spannung erwartete Filmpremieren sind Julian Schnabels internationale Koproduktion "Miral", die in Jerusalem kurz nach der israelischen Staatsgründung spielt, und François Ozons Komödie "Potiche" mit Gérard Depardieu und Catherine Deneuve in den Hauptrollen. Ben Affleck präsentiert außer Konkurrenz seinen zweiten Spielfilm "The Town" mit Jeremy Renner ("Hurt Locker") und Jon Hamm ("Mad Men") in den Hauptrollen. Ebenfalls außerhalb des Wettbewerbs läuft "Machete“, das neue Action-Spektakel des Tarantino-Freunds Robert Rodriguez.

Nachdem bereits in den letzten Jahren die Mostra zunehmend für ihre "patriotischen" Tendenzen kritisiert wurde, hat man aller internationaler Kritik zum Trotz den Anteil der italienischen Filme im Gesamtprogramm weiter erhöht. Neben vier Filmen im Wettbewerb gibt es 13, die außer Konkurrenz gezeigt werden, darunter Filme von Marco Bellocchio und Michele Placido. Die einheimischen Zeitungen verkündeten bereits ironisch die "Invasion der Italiener", denn auch in der Nebensektion "Orrizonti" sind acht Produktionen mit italienischer Beteiligung vertreten, daneben gibt es einen ganz dem jungen italienischen Film gewidmeten "Controcampo italiano". Außerdem ist mit der Retrospektive, die Filme der italienischen Komödienkunst von 1920-1988 zeigt, eine weitere Sektion komplett dem einheimischen Filmschaffen gewidmet – und das im Übrigen bereits zum 4. Mal in Folge.