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Spiel ohne Grenzen Es war nicht nur ein Aufstand im Kinderzimmer, es war eine Revolution im Kino. Vor fünfzehn Jahren begann mit Pixars Toy Story der digitale Trickfilm seinen Triumphzug. Zum Start von Toy Story 3 – ein Rückblick Von Alexander Gajic
Es ist in der Originalfassung die Stimme von R. Lee Ermey, dem berühmten Drill Sergeant aus Kubricks Full Metal Jacket, die die kleinen grünen Plastiksoldaten aus ihrem Eimer hinaus ins Treppenhaus hetzt. Sie springen mit Fallschirmen ab, schleppen die Sprechfunkanlage gemeinsam ins Dickicht. Plötzlich jedoch geht die Tür auf, und die eben noch so lebendigen Recken erstarren in ihren berühmten Posen – die Panzerfaust auf der Schulter, den Mörser im Anschlag. Schließlich, und davon zeugen auch die verbogenen Gewehre und die abstehenden Plastikkanten, sind sie nur Spielzeug. Spätestens zum Ende dieser ersten großen Szene aus Toy Story war 1995 vermutlich jeder Zuschauer, egal welchen Alters, in der faszinierenden Welt des Films gefangen. Spielzeug, das dank modernster Computer-animation realistisch und dreidimensional wirkt, voll beeindruckender Lichtreflexe und Texturen. Aber auch eine von Anfang an ans Herz gehende Geschichte mit liebenswerten Charakteren, kleinen Gags und großen Lachern. Cowboy Woody, lange Zeit der coolste Kerl im Kinderzimmer, wird eifersüchtig, als der »Space Ranger« Buzz Lightyear Einzug hält und nicht mal akzeptieren will, dass er nur ein Spielzeug ist. Als beide aus dem Fenster katapultiert werden und im Haus des sadistischen Nachbarjungen stranden, müssen sie in klassischer Odd-Couple-Manier ihre Animositäten überwinden, um zu dem Kind zurückzukehren, das seinen Namen mit Filzstift auf ihre Füße geschrieben hat Es scheint wahnwitzig, dass sich die Uraufführung des bahnbrechenden Animationswunders aus dem Studio in Burbank 2010 schon zum 15. Mal jährt. Toy Story steht heute für 350 Millionen Dollar Kinoeinspiel weltweit sowie ein exponentiell Vielfaches davon an Einnahmen durch Merchandising-Produkte – eine Leichtigkeit bei einem Film über Spielzeug. Er hat außerdem zwei Fortsetzungen hervorgebracht, wobei der 1999 entstandene zweite Teil als eines der wenigen Sequels gilt, die der Vorlage so gut wie ebenbürtig sind. Der dritte Teil kommt in diesem Monat in die Kinos. Dabei war die Entstehungsgeschichte von Toy Story alles andere als ein glatter Durchmarsch. John Lasseter hatte bei Disney als Zeichner angefangen und Anfang der Achtziger bei George Lucas’ experimenteller Computergrafikabteilung, die damals noch nicht Pixar hieß, als Kreativer angeheuert. Gemeinsam mit einem kleinen Team aus Technikern gelang es ihm mit einer Reihe von Kurzfilmen nicht nur, die Welt der Technik-Geeks immer wieder aufs Neue zu begeistern, mit seinem Fünfminüter Tin Toy (1988) gewann auch erstmals ein digitaler Trickfilm den Oscar für den besten animierten Kurzfilm. Aus Tin Toy entstand die Idee, einen längeren Film über Spielzeuge zu machen und die Schwächen des Computers – alles wirkt linkisch und plastikähnlich – in Stärken zu verwandeln. Pixars Plan war ursprünglich, ein dreißigminütiges Weihnachtsspecial zu produzieren. 1989 schloss die Firma einen Kooperations-vertrag mit Disney, um das nötige Kapital zu sichern. Das Traditionsstudio überzeugte die digitale Schmiede allerdings davon, es gleich mit einem abendfüllenden Spielfilm zu versuchen.
Jeffrey Katzenberg, damals der oberste Disneychef, gefiel diese Schlagrichtung. Sein Ziel war es, das Teenagerpublikum stärker anzusprechen, und so drückte er die Pixarianer immer weiter in Richtung Erwachsenen-Humor; trieb sie dazu, einen Film voller Schärfe und Seitenhiebe zu konzipieren. Bei einem ersten Storyboard-Screening im Sommer 1993 fiel das Resultat allerdings durch. Disney drohte damit, die Produktion einzustampfen. Lasseter kämpfte dafür, die kreative Kontrolle zu behalten, gab Toy Story mit seinem Team innerhalb von zwei Wochen sein Herz zurück und brachte den Mauskonzern dazu, dass Pixar jenen Film machen konnte, den es von Anfang an machen wollte. So erzählt er es zumindest immer wieder gerne in Dokus und Reden. Heute hat Lasseter nicht nur viel Geld und einen Spezial-Oscar für den ersten computeranimierten Langfilm, Disney kaufte das Burbanker Studio schließlich 2006 und machte den Pixar-Boss zum Chef der Animationsabteilung. Man könnte sagen, der Erfolg gibt ihm Recht. Regisseur Andrew Stanton (Wall•e) vergleicht Pixar zu Toy-Story-Zeiten im Audiokommentar des Films mit der NASA zur Zeit der Mondlandung: »Wir waren zu jung und zu dumm, um zu begreifen, dass das, was wir taten, eigentlich unmöglich war.« Und genau wie die NASA 1969 schrieb auch Pixar 1995 Geschichte, zumindest Filmgeschichte. Toy Story gab nicht nur dem Animationsfilm den Respekt zurück, den er seit den vierziger Jahren nicht mehr genossen hatte. Der Film schuf auch einen riesigen neuen Industriezweig in Hollywood, der wiederum ein maßgeblicher Faktor im Aufstieg des 3-D-Kinos werden sollte. Der Kreis schließt sich, wenn der Originalfilm dieses Jahr noch einmal in 3-D in die Kinos kommt. Vor fünfzehn Jahren war das alles kaum vorstellbar: Die Vereinigung der Filmkritiker von Los Angeles wählt einen Animationsfilm – Wall•e – 2008 zum besten Film des Jahres, ein weiterer Animatiosfilm – Oben – eröffnet ein Jahr später die 62. Filmfestspiele von Cannes. Fast jedes größere Hollywoodstudio beschäftigt heute eine eigene Animationsabteilung, die im Schnitt alle zwei Jahre einen Film produziert, einige davon, Shrek etwa oder Ice Age, sogar mit den Pixar-Vorbildern auf Augenhöhe. Seit neun Jahren gibt es nun eine eigene Oscarkategorie für animierte Langfilme. Etablierte Realfilmregisseure wie George Miller (Happy Feet) und Wes Anderson (Der fantastische Mr. Fox) verirren sich ins Animationsfach, andere wie Robert Zemeckis haben die abgefilmte Welt zugunsten von im Computer entstandenen Real-Animationshybriden wie Polarexpress und Eine Weihnachtsgeschichte vollständig aufgegeben. Toy Story hat all diesen Entwicklungen den Weg geebnet.
Pixar jedoch ist sich weitgehend treu geblieben, lässt sich für jeden Film Zeit, um Story und Look zu perfektionieren, überrascht immer wieder mit beeindruckenden Demonstrationen der Fähigkeiten des Mediums Animationsfilm und trotzt damit erfolgreich dem immer wieder gerne hervorgeholten Vorwurf von der »Seelenlosigkeit« computeranimierter Bilder. Obwohl das Studio inzwischen selbst einer gigantischen Spielzeugfabrik gleicht, fördert es mit seinem Kurzfilmprogramm weiter den Nachwuchs und hat sich als Selbstverwirklichungsort für Regisseure mit individueller Handschrift etabliert. Der dritte Toy Story-Film soll der letzte sein und mit einer Geschichte, die mit der Volljährigkeit des Jungen mit dem Filzstift be-ginnt, einen Schlussstrich unter die 15-jährige Historie der Serie ziehen. Was jedoch das Anwachsen von Ruhm und Erbe des ursprünglichen Meisterwerks angeht, ist eher davon auszugehen, dass Buzz Lightyears Motto den Weg weisen wird: bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter. "Toy Story 3" startet am 29. Juli epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Lasseter und sein Team wussten nach eigenen Berichten von Anfang an, dass sie keinen typischen Animationsfilm machen wollten. Toy Story – das war anfangs nur ein Arbeitstitel – sollte weder ein Musical noch ein Märchen werden, obwohl Disney mit Filmen wie Arielle, die Meerjungfrau (1989) und Die Schöne und das Biest (1991) mit diesem Rezept gerade wieder mächtig Erfolg hatte. Das Team verpflichtete mit Tom Hanks als Sprecher einen bekannten Schauspieler für die Hauptrolle und mit Randy Newman einen für seinen beißenden Witz bekannten Songwriter für die Filmmusik.
Natürlich hat der Erfolg des Spielzeugepos auch eine Armada von armseligen Nachahmern hervorgebracht: Selbstverliebte Orgien voller Popkulturwitze, die schon wenige Jahre später nicht mehr nachvollziehbar sind, vollgestopft mit prominenten Stimmen von echten Stars und vergessenen Soap-Sternchen, gehören ebenso zu den Negativfolgen des Phänomens wie zahllose billig animierte Trittbrettfahrer mit wenig eigener künstlerischer Vision und zumindest zeitweise ein breites Sterben des von Hand animierten klassischen Zeichentrickfilms. Der Boom des digitalen Animationsfilms in der letzten Dekade, der in manchen Jahrgängen jeden Monat eine neue Platzpatrone voll sprechender Tiere durch die Kinos jagte, bleibt – wie bei jeder Erfolgsstory – Segen und Fluch zugleich.