Kino mit beschränkter Haftung

Christopher Nolan hat das unzuverlässige Erzählen miterfunden: Seine Filme führen den Zuschauer aufs Glatteis, stecken voller Tricks und Geheimnisse. Ende Juli startet Nolans neuer Thriller "Inception", mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.

Von Frank Schnelle

Leonardo DiCaprio
© Warner

Frank Schnelle hat zurückgespult und sich das Werk des Memento- und Batman-Regisseurs noch mal angesehen

Wenn man sich die Story eines Film noir als Labyrinth vorstellt, möchte man die Figuren nicht aus der Vogelperspektive beobachten, während sie die falschen Entscheidungen treffen. Das wäre frustrierend. Tatsächlich will man direkt an ihrer Seite sein, wenn sie im Labyrinth abbiegen, das ist wesentlich interessanter. Ich mag es, mich in diesem Labyrinth zu befinden.«  Christopher Nolan

In Inception, Christopher Nolans siebtem Spielfilm, spielt Leonardo DiCaprio den Leiter einer Hightechspezialeinheit, die in Träume einzudringen vermag. Er ist ein Dieb, der Gedanken und Informationen entwendet. Eines Tages aber erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll nichts stehlen, sondern etwas im Traum der Zielperson platzieren – eine Idee.

Wäre Nolans Filmografie ein Traum, in den jemand »eingebrochen« ist, ließe sich ziemlich genau rekonstruieren, wann und wo die Idee zu Inception platziert wurde. In Following, seinem ersten Spielfilm, steht ebenfalls ein Dieb im Zentrum. Er entwendet Schmuck, CDs und anderen Kleinkram aus Londoner Apartments, aber er deponiert auch Dinge dort, man könnte sogar sagen: Ideen. Ein Damenslip etwa, am richtigen Ort versteckt, wird das Vertrauensgefüge des bestohlenen Paares gehörig durcheinanderbringen.

Auf den ersten Blick mögen Welten liegen zwischen Following, dem »billigsten Film aller Zeiten« (Nolan), gedreht an Wochenenden, in Schwarz-Weiß und auf 16 mm, und Inception, dem 200-Millionen-Dollar-Effektspektakel, das sich anschickt, The Matrix alt aussehen zu lassen. Aber jenseits von Ästhetik, Production Design und Cast sind die Parallelen durchaus verblüffend. Hier wie dort dreht sich alles um geniale Strippenzieher, um Täuschungen und falsche Identitäten, um den raffinierten mindfuck, der bei Nolan immer im Spiel ist. Beide Filme bieten Diskurse über das Verhältnis von Wahrheit und Lüge, Realität und Imagination, und beide deklarieren die filmische Erzählung als unzuverlässige Instanz. Es gibt keine Sicherheiten, weder räumlich noch zeitlich; man darf den Bildern und Bilderfolgen nicht trauen, weil sie nicht objektiv sind, sondern relativ.

Nolan, der 1970 in London in eine englisch-amerikanische Familie geboren wurde und Bürger zweier Staaten ist, hat etwas sehr Rares vollbracht. Sein rascher, scheinbar müheloser Aufstieg in den Olymp des Kommerzkinos ist ohne Brüche oder Verluste vonstatten­gegangen. Dabei hat er gezeigt, dass die Widersprüche zwischen europäischer Sensibilität und amerikanischem Mainstream, Independent-Spirit und Hollywood-Bombast gar nicht so groß sind, wie wir immer dachten. Vielleicht prädestinieren ihn seine britisch-amerikanischen Ursprünge, eine Jugend zwischen London und Chicago, für diese Haltung, jedenfalls besteht Nolan darauf, dass Unterhaltung ernst und komplex sein darf und ambitionierte Filme es auch krachen lassen können. Seine Großproduktionen, selbst die Comicverfilmungen, sind anspruchsvolle Ensembledramen, herausragend besetzt bis in die Nebenrollen, klug und effizient inszeniert, sparsam im Umgang mit digitalen Effekten und wagemutig in Aufbau und Struktur. In der Elite der »Auteurs« der Blockbuster, zu der Tim Burton, James Cameron, Peter Jackson und wenige andere zählen, ist Nolan der Nachdenklichste, Tief­gründigste, ein wahrhaft dunkler Ritter.

Finsternis, Überall
Nolan macht Männerkino. Immer dreht sich alles um verschrobene Einzelgänger, die mit großem Nachdruck ihren Obsessionen nachgehen. Rache spielt die zentrale Rolle: für Guy Pearce in Memento, dessen ganze Existenz keine andere Richtung kennt als die Aufklärung und Vergeltung des Mordes an seiner Frau; für die beiden Magier in The Prestige, deren Schicksale untrennbar in einem Geflecht aus Schuld, Konkurrenz und Eifersucht verstrickt sind; für Christian Bale in Batman Begins und The Dark Knight, der nach der Ermordung seiner Eltern einen Feldzug gegen das Verbrechen beginnt. Mit krampfhafter, an Selbstaufgabe grenzender Rigorosität verfolgen diese Männer ihre selbstgesteckten Ziele, schrecken weder vor Selbstverstümmelung noch vor der Instrumentalisierung geliebter Menschen zurück. Oft stürzen sie sich in verbissene Zweikämpfe, bis zum Duell auf Leben und Tod: die Einbrecher in Following, Al Pacino vs. Robin Williams in Insomnia, Hugh Jackman vs. Christian Bale in The Prestige, Batman vs. Joker in The Dark Knight.

Allesamt sind sie Meister der Logistik, man denke nur an die ausgeklügelten Erinnerungshilfen in Memento oder die austarierten Doppelexistenzen in The Prestige und den Batman-Filmen. Nolan ist fasziniert von solchen Zwangscharakteren. Aber vor allem interessieren ihn die dunklen Motive dahinter, die Schuld, das schlechte Gewissen, die moralischen Fehltritte, die seine Helden erst zu so ambivalenten Gestalten werden ließen. Interessant sind die Fluchtbewegungen der Protagonisten, ihre Verdrängungsmethoden. Sie fühlen sich sichtlich unwohl in ihrer Haut, ständig verwandeln, maskieren, kostümieren sie sich, wechseln Identität und Rolle, der bedauernswerte Sisyphos aus Memento gar alle paar Minuten.

Kein Wunder, dass Frauen in diesen Geschichten bloß untergeordnete Rollen spielen. Sie tauchen als Femmes fatales oder als schmückendes Beiwerk auf; lediglich die junge Polizistin in Insomnia, die Al Pacinos schuldbeladenem Cop eine feine Mischung aus Spürsinn und Beharrlichkeit entgegenhält, gewinnt größere Bedeutsamkeit.

Wie im Film noir kennzeichnet ein Gefühl von Ausweglosigkeit und Pessimismus Nolans Produktionen. Following, mit seinen schäbigen Orten und zwielichtigen Typen, dem kontrastreichen Schwarz-Weiß und der verschachtelten Erzählweise, kommt dem visuellen Stil des klassischen Noir am nächsten. Aber genau wie Memento und Insomnia ist auch Nolans Debüt kein Kino der Nacht: Es sind lichtdurchflutete Filme, die ihre Schwärze nicht nach außen kehren, sondern im Herzen tragen. In Insomnia, wo Alaskas Mittsommernachtssonne Pacino den Schlaf raubt, ist das Licht besonders wichtig: »Das Dilemma dieses Cops«, schreibt Roger Ebert, »besteht darin, dass er sich permanent beobachtet fühlt und sich nirgendwo verstecken kann, nicht mal in seinen Alpträumen.«

Batman dagegen badet regelrecht in der Dunkelheit. Sie gibt ihm Schutz und erweckt ihn überhaupt erst zum Leben. Als in The Dark Knight der Joker vermeintlich allein im abgedunkelten Verhörraum auf seine Vernehmung wartet, taucht Batman unvermittelt aus dem schwarzen Hintergrund auf, ein bedrohlicher Held, im Einklang mit der Finsternis.

Wo bin ich?
Nolans stilistische Entwicklung vollzieht sich als kontinuierliche Expansion. Auf die wacklige Handkamera von Following folgt mit Memento ein Low-Budget-Indie, der dank Kameramann Wally Pfister deutlich nach mehr aussieht als drei Millionen Pfund, so souverän geht Pfister mit dem Widescreen-Format um und kombiniert dabei Schwarz-Weiß mit Farbe. Insomnia ist ein Film des Übergangs, strukturell einfacher gestrickt ist als seine Vorgänger. So unterstreicht Nolan – durchaus ein cleverer Karriereschachzug – seine Flexibilität und Vielseitigkeit. Mit seinen Flügen über die pittoreske Landschaft Alaskas demonstriert der Film bereits die Schauwerte großer US-Produktionen, vertraut im Umgang mit der Starbesetzung allerdings noch zu sehr auf Großaufnahmen.

Batman Begins zeigt Nolan dann auf der Höhe der Hollywood-Kunst. Dem Comicstoff nähert er sich wie einem realistischen Drama und entdeckt darin eine Seriosität, die den früheren Verfilmungen gänzlich abging. Nolan pumpte das schlaffe Franchise zu unerwarteter Größe auf. The Dark Knight geht sogar noch weiter, was die Komplexität des Plots und der Charakterzeichnung angeht. Und in visueller Hinsicht ist er schlichtweg ein Ereignis: Selten sah man einen grandioseren Umgang mit der Skyscraper-Architektur des urbanen Molochs, und das faszinierende Production Design veredelt jede Innenaufnahme zur abstrakten Komposition aus Licht und Linie.

Bis hin zu Dark Knight genoss die schiere Bilderwucht für Nolan keineswegs oberste Priorität. Er ist eher ein Regisseur des Schnitts, einer, der die Geschichten aus ihrer Chronologie reißt und sie kunstvoll verschachtelt neu zusammensetzt. Anfang, Mitte und Ende sind äußerst dehnbare Begriffe in Following, Memento und The Prestige. Nolan betreibt »ein Versuchslabor, in dem der lineare Lauf der Zeit zerstört wird« (Rudolf Worschech): am radikalsten in Memento, wo eine vorwärts und eine rückwärts laufende Zeit­ebene alternieren und der Film endet, wenn beide zusammentreffen – mit einem Schluss, der zugleich ein Anfang ist. The Prestige ist kaum weniger enigmatisch mit seinen multiplen Rückblenden, Perspektiven und Verschachtelungen.

Das daraus resultierende Gefühl der Desorientierung versetzt den Zuschauer in einen Zustand, der der Hilflosigkeit des an Amnesie leidenden Protagonisten aus Memento nicht unähnlich ist. Permanent fragt man sich, wo man sich gerade befindet, zuweilen auch, wer eigentlich gerade erzählt und wessen Version »die Wahrheit« ist. Selbstverständlich gewinnen Nolans Werke mit jedem Sehen, weil immer neue Versionen und Aspekte der Geschichten zum Vorschein kommen. Zugleich sind sie so schlau und vielschichtig konzipiert, dass selbst die akribischste Analyse keine endgültigen Wahrheiten ans Licht bringt. Ein Resträtsel bleibt immer; wer die chronologisch geschnittene Fassung von Memento betrachtet (als ließe ein Möbiusband sich an den Anfang spulen!), ist am Ende genauso ratlos wie nach der Originalversion.

Abrakadabra
Noch ein schönes, durchgehendes Motiv in Nolans Werk: die Zauberei. Schon der Dieb aus Following, der mit Damenunterwäsche Schicksal spielt, vollführt die große Geste eines Magiers auf der Bühne, als er seinem Kompagnon erklärt, was er da gerade macht. Er lasse Dinge verschwinden, erklärt er selbstzufrieden, damit den Leuten klar wird, was sie an ihnen hatten. Auch Al Pacino gebärdet sich ein wenig als Zauberkünstler, wenn er in Insomnia bei der Untersuchung einer Leiche in die forensische Trickkiste greift. Der Joker in The Dark Knight, von Heath Ledger zum hyper-charismatischen Bösewicht stilisiert, gebärdet sich als Zauberer, wenn er einen Stift in eine Tischplatte bohrt und ihn kurz darauf im Kopf eines Gangsters »verschwinden« lässt. Und sein Gegenspieler, Batman höchstselbst, ist ohenhin ein Illusionist, nicht nur wegen der Maskerade. Wenn es im Gespräch nichts mehr zu sagen gibt, löst er sich blitzschnell in Luft auf und lässt sein Gegenüber verdattert zurück.

Damit ist er auf einem Niveau mit den »echten« Magiern aus The Prestige, die solche Tricks bis zum Exzess perfektionieren. »Beinahe satanisch«, nannte Roger Ebert den Film, weil er das manipulative Spiel auf neue diabolische Spitzen treibt und uns den Kopf ähnlich verdreht wie einst die mindfucks von Lynch, Fincher und Singer. Allerdings geht The Prestige in einer Hinsicht noch weiter: Sein Finale rückt die Welt nicht wieder zurecht, sondern kippt sie vollends aus der Balance, wenn die Zauberei plötzlich nicht mehr als knallhartes Handwerk beschrieben, sondern als fantastische, übersinnliche Kraft charakterisiert wird. Vielleicht geht Nolan da zu weit. Am besten ist er, der große Magier und Manipulator, wenn seine Täuschungen erahnbar sind, ihr Geheimnis aber trotzdem bewahren.

 "Inception" startet am 29. Juli

 

Die Filme von Christopher Nolan

Inception (USA/GB, 2010)
The Dark Knight (USA/GB, 2008)
The Prestige (Prestige – Die Meister der Magie, USA/GB, 2006)
Batman Begins (USA/GB, 2005)
Cinema 16: British Short Films  (GB, 2003, Kompilationsfilm)
Insomnia (Insomnia – Schlaflos, USA/Kanada, 2002)
Memento (USA, 2000)
Following (GB, 1998)
Doodlebug (GB, 1997, Kurzfilm)


 


 


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