Mein Spezialeffekt sind die Schauspieler

Interview mit James Mangold.

Von Anke Sterneborg

Tom Cruise und James Mangold
© Fox

Sein neuer Film Knight and Day startet in diesem Monat. Aber James Mangold, der Regisseur von Cop Land und 3:10 to Yuma, interessiert uns schon lange: ein merkwürdiger Einzelgänger im Publikumskino. Deshalb einfach drauflosfragen.
Fürs Gespräch mit Anke Sterneborg hat sich Mangold dann auch viel Zeit genommen: »Hi, this is Jim, what can I tell you?«

epd Film: Nach 3:10 to Yuma, der ein leiser, ernster Film in der Weite der Landschaft war, scheint Ihr neuer Film eher fast and furious in the city zu sein...
James Mangold: Ja, und komödiantisch ist er auch noch. Ich suche mir immer ein Projekt, das sich möglichst stark von meinem letzten Film unterscheidet. Nach einem sehr maskulinen Polizeifilm [Copland] kam ein femininer Psychiatriefilm [Girl, Interrupted], dann eine romantische Komödie [Kate & Leopold]. Knight and Day hat sehr viel mit meiner Bewunderung für großartige Filme wie North by Northwest oder Charade zu tun, diese ausgelassenen Abenteuerfilme, die zugleich komisch und mörderisch und sehr romantisch sind, mit spannenden Actionszenen, in denen  die Charaktere durch die Welt gewirbelt werden – und sich zugleich noch verlieben.

Wenn es in Ihren Filmen ein wiederkehrendes Thema gibt, dann ist das die Frage nach der Identität: Die Helden kommen an einen Punkt, an dem sie sich fragen, wer sie sind und wie weit sie gehen können, ohne ihre Ideale und Überzeugungen zu verraten. Gilt das auch für Knight and Day?
Ja, für Camerons Figur gilt das ganz sicher. Sie findet heraus, was sie wirklich vom Leben will und aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Und in einem sehr viel tieferen Sinn wird auch die Figur von Tom Cruise langsam entblättert, bis man weiß, wer er wirklich ist, wovor er wegläuft und wo er in seinem Leben steht. Mich interessieren immer die Schwächen der Charaktere, ihre Verwundbarkeit. Und wenn ich mit solchen Superstars arbeite, dann nur, wenn ich sicher bin, dass sie sich auf diese Makel einlassen.
In 3:10 to Yuma spielt Russell Crowe einen unglaublich charismatischen Mann; darum war mir die Szene so wichtig, in der man seinen Schmerz spürt, weil seine Mutter ihn am Bahnhof zurückgelassen hat. So versteht man,  woher die Wut kommt, die ihn antreibt. Ähnlich ist es mit Angelina Jolies Figur in Girl, Interrupted – sie entscheidet sich nicht für ihren provokanten Lebensstil, er ist eine Konsequenz ihres Schmerzes.

Und wie viel von diesem Schmerz ist auch Ihr eigener?
Oh, Jeez, mein Job als Regisseur besteht darin, so viel wie möglich von dem, was ich über die Welt denke, in meine Filme zu packen. Insofern ist das ganz sicher mein eigener Schmerz. Ich möchte keine Filme sehen, in denen das Leben der Helden perfekt aussieht und nichts damit zu tun hat, wie ich lebe. Wir alle ringen jeden Tag mit der Frage, wer wir sind und wie wir unsere Träume realisieren können, ohne andere zu verletzen. Das ist es, was ich auf der Leinwand reflektiert sehen möchte.

Und in welchem Maße ist diese Herangehensweise Ihrer Herkunft aus einem New Yorker Künstlerhaushalt geschuldet?
Was mich sehr geprägt hat, war – neben der Tatsache, dass mein Vater das Kino liebte –, dass ich gesehen habe, dass er als Maler mit seinen Bildern nur ein sehr kleines Publikum erreichte. Für mich war es extrem frustrierend, dass er so hart gearbeitet hat und diese Bilder dann in den Galerien nur von so wenigen Menschen gesehen wurden. Mir ging es immer darum, Kunst und Handwerk an ein sehr viel breiteres Publikum zu bringen.
Als jemand, der in der Reagan-Ära aufgewachsen ist, war ich sehr fasziniert von der Idee, Menschen nicht auf der politischen Bühne, sondern über ein Massenmedium zu erreichen. Das Independent Cinema hat mich immer gelangweilt, weil es dazu tendiert, offene Türen einzurennen. Da reden sie darüber, wie verrückt die Welt ist, und wie klug sie sind, aber nur zu Leuten, die ohnehin genauso denken. Die Herausforderung ist es doch, die Leute in der Shopping Mall zu erreichen – mit einem Film, der ihnen gefällt, der sie aber auch ein bisschen aufrüttelt.

Gibt es auch positive Eindrücke von der Künstlerexistenz Ihrer Eltern?
Sie haben mich unheimlich inspiriert, als Kind war ich sehr stolz darauf, dass meine Eltern diese riesigen Leinwände bemalten und Ausstellungen auf die Beine stellten. Dieser Aspekt des Künstlerlebens erschien mir sehr verführerisch. Meine Arbeit als Regisseur ist viel kollaborativer. Zwischen den Schauspielern und mir, dem Kameramann und mir gibt es sehr viel mehr Dialog als zwischen einem Maler und der Leinwand. Das ist nicht besser oder schlechter, nur anders.

Mit einigen Ihrer Teammitglieder arbeiten Sie immer wieder zusammen. Wie früh schalten Sie beispielsweise Ihren Kameramann Phedon Papamichael ein?
Er ist einer meiner besten Freunde, das heißt, dass er viele Monate vor allen anderen von einem Film erfährt. Er ist ein brillanter Kamera­mann, der auch noch im Blick hat, wie sich eine Szene entwickelt und wie sie sich später schneiden lässt. Ein Film bedeutet eine unglaubliche zeitliche Verpflichtung; man sollte also keine Filme mit Leuten machen, mit denen man nicht auch essen gehen würde.

Nachdem Sie mit Schauspielern wie Russell Crowe und Tom Cruise gearbeitet haben, kann man wohl davon ausgehen, dass Sie keine Angst vor großen Egos haben?
Ich würde sagen, ich habe keine Angst vor großem Talent. Wenn zwei Schauspieler in Filmen so gut aussehen wie diese beiden, dann bedeutet es, dass sie mit ihren Regisseuren zusammenarbeiten. Für ein gutes Ergebnis muss man alle Energien nutzen, die zur Verfügung stehen.

Wie hat sich denn Tom Cruise in so einer komischen Rolle bewährt?
Ich habe gar keine Komiker besetzt. Ich bin da eher so herangegangen wie Billy Wilder an Das Appartement und Some Like It Hot oder Sydney Pollack an Tootsie – das war eine Komödie, die von richtigen Schauspielern gespielt ist. Und in meinen Augen haben einige der besten Filme in Toms Karriere zumindest komödiantische Untertöne. In Rain Man ist es doch lustig, wie er mit Dustin Hoffman als Autist ringt. Auch in Jerry Maguire wird er mit einer ganzen Menge komischer Energie bombardiert. Was die Leute an Tom lieben, ist genau diese Art von Humor, und eine  Verwundbarkeit, die er eben auch verströmt.

Sie sind meist Autor oder Koautor ihrer Filme. Und sie sind bekannt für Ihren besonderen Touch bei Schauspielern. Angelina Jolie und  Reese Witherspoon haben Sie Oscars verschafft. Wie können Sie Ihren Darstellern beistehen?
Keine Ahnung. Indem ich ihnen viel Aufmerksamkeit gebe. Ich weiß, dass es nicht das gute Drehbuch ist, das einen Film groß macht, sondern die Schauspieler. Wenn ein Film auch nach 25 Jahren standhält, liegt das immer daran, dass er gut gespielt ist. Mein Number One Special Effect in jedem Film sind die Schauspieler, ist die Art, wie sie ihre innersten Gedanken auf die Leinwand bringen, so dass die Zuschauer ihnen ganz nah kommen, in gewisser Weise mit ihnen leben.

Ist das der Grund, dass Sie immer am Drehbuch beteiligt sind?
Ehrlich gesagt, ist es, unabhängig davon was die Gewerkschaften sagen, manchmal der Cutter, der das Drehbuch rettet, manchmal ist es  der Kameramann. Das Skript ist nie abgeschlossen, es gibt Dialoge, die uns direkt vor der Kamera eingefallen sind. Ein Teil meines Jobs als Regisseur besteht darin, offen zu sein – der größte Schaden, den man einem Film zufügen kann, ist, mit vorgefassten Ideen heranzugehen. Wenn man Hitchcocks Drehprotokolle studiert, sieht man, dass er zwar schon nach Drehbuch und Storyboard gedreht, dann aber immer noch andere Sachen ausprobiert hat. Wenn es etwas gibt, das die Schauspieler in meinen Filmen wunderbar macht, dann: dass ich auf das schaue, was vor mir liegt.

Womit beginnt ein Film für Sie, mit einer Idee, einer Geschichte, einem Schauplatz?
Dieser Film fing mit Tom Cruise an, und mit einer besonderen Idee von den Actionszenen. Es gibt Momente, in denen Jane bewusstlos ist, und der Film taucht sozusagen in ihr Gehirn ein, man sieht nur, was sie sieht; das heißt, es gibt Ellipsen mit extremen Actionszenen, auf die dann wieder ein Blackout  folgt. Die Idee erschien mir faszinierend und humorvoll.

In Ihren Filmen gibt es sehr viele starke und eigenwillige Frauen; gilt das auch für die Figur von Cameron Diaz?
Das ist kein Wunder, weil Cathy Conrad, meine Produzentin und meine Frau, auch stark und eigenwillig ist und immer zur Entwicklung der Geschichte und des Drehbuchs beiträgt. Beim Schreiben geht es mir wesentlich darum, den Schauspielerinnen richtige Charaktere zum Spielen zu geben.

Sie haben gesagt, dass sie lieber Fragen stellen als Antworten geben. Was wäre die Frage von Knight and Day?
Wozu sind wir fähig? Leben wir das Leben, das wir uns vorgestellt haben? Das Kino wird immer als Wunscherfüllungsmaschine gesehen, doch die Frage, um die es geht ist: Wie viele unserer Wünsche verwirklichen wir? Cruises Figur bringt das auf den Punkt. Wenn June über all die Dinge spricht, die sie irgendwann mal tun möchte, sagt er: »Some day is a dangerous word, to me that means never.«

Und sind Sie dem Geheimnis des Lebens durch Ihre Filme nähergekommen?
Wenn man gute Filme machen will, darf man keine Lösungen bieten, sondern muss Fragen stellen, für die es keine guten Antworten gibt.  Milos Forman hat es wunderbar ausgedrückt: Im Kino soll man dem Publikum niemals sagen, dass zwei und zwei vier ist, das wissen sie. Niemand will im Film sehen, dass es brennt, wenn man ins Feuer fasst. Er sagte: Mach einen Film, in dem zwei und zwei fünf ergibt, weil das nicht bekannt ist. Wenn dann einer sagt, nein, das stimmt nicht, erwidert man: Doch, und hier zeige ich dir, warum.

In 3:10 to Yuma gab es in der Figur des im Bürgerkrieg versehrten Soldaten ein starkes Echo auf den Irakkrieg. Wie wichtig sind Ihnen solche Bezüge zur Wirklichkeit?
Ungeheuer wichtig, es ist meine Verantwortung als Filmemacher, der ein großes Publikum anspricht, etwas mehr auf den Tisch zu bringen als Unterhaltung. Russell Crowe ist in diesem Film ein charismatischer Terrorist. Das Publikum sympathisiert mit ihm und wird auf eine sehr subtile Art auf ihn eingestimmt. Es geht mir nicht darum, einen Terroristen zum Helden zu machen, aber ich sage, wir alle sind schwarz und weiß. In meinem Land gibt es die sehr schlechte Angewohnheit, alles schwarz oder weiß zu sehen. Wenn mich ein Studioboss fragt: »Wer ist der Böse?«, dann sage ich: Den gibt es nicht in meinem Film. Ich habe einen Antagonisten, jemanden, der ganz andere Ziele hat als mein Held, aber er ist nicht böse. Niemand wacht morgens auf und fragt, wem kann ich heute weh tun?

Im Grunde versuchen Sie, etwas Ostküstensensibilität an die Westküste zu bringen?
Interessante Vorstellung, könnte sein. Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit zwei Stunden in Anspruch nehme, muss ich das in irgendeiner Weise relevant machen, relevant für unsere Zeiten. Was den Western in unserem Land so attraktiv macht, ist die Vorstellung, dass die Guten und die Bösen klar definiert sind. Doch, wenn man genau schaut, dann ist das, was das Genre so kraftvoll macht, das genaue Gegenteil: In den ganz großen Klassikern wie Stagecoach sind die Bösen oft richtig charmant, und die Guten haben Fehler; bei Eastwood ist fast jede Rolle belastet mit einer Vergangenheit, in der er Menschen verletzt hat. Das sind Dinge, die in vielen anderen amerikanischen Filmen so gar nicht möglich sind. Eine ikonische Form amerikanischer Filme zu nehmen und sie mit Themen von heute aufzuladen, ist für mich extrem faszinierend.

Sie haben mal gesagt, dass Sie Filme als Fotografie von Gedanken sehen, können Sie das erklären?
Was einen Film zu mehr macht als einer Aufnahme von Schauspielern, die sich bewegen und reden, ist, dass man in den Augen eines Menschen sehen kann, was unbeschreibbar ist. Wenn ich Tom Cruise filme, bin ich manchmal nur 16 Inches von seinem Gesicht entfernt; in einem normalen Gespräch ist man niemals so nah dran, das ist extrem aufdringlich. Die Kamera kommt ihm so nah, dass sie direkt ins Gehirn, hinter die Augen schaut.

Ist das nicht identisch mit der Suche nach Wahrheit?
Ja, man sucht nach der Wahrheit. Das ist eben oft keine Antwort, sondern das Ringen eines Menschen.

Und sind Sie immer sicher, wenn Sie es eingefangen haben?
Ja, das spüre ich instinktiv, man weiß es einfach.

Der Regisseur Alexander Mackendrick war   Ihr Mentor und Lehrer: Was war sein wichtigster Ratschlag?
Das Wichtigste war, dass er mir beigebracht hat zu spielen. Er hat mich dazu gebracht, seinen Kurs zu verlassen und ein Jahr lang auf einer Schauspielschule zu arbeiten. Das hat mir die wichtigsten Fähigkeiten eröffnet, die ein Filmregisseur braucht. Wenn Schauspieler etwas Wahrhaftiges auf die Leinwand zaubern, ist das berauschend und wunderschön. Als Schauspieler weiß man genau, wenn man den Ball auf die richtige Weise geworfen hat, das ist ein sehr unmittelbares Erfolgserlebnis. Beim Filmemachen dauert es sehr viel länger, bis man das Ergebnis vor Augen hat.

Filmografie

Knight and Day (2010)
3:10 to Yuma (2007)
Walk the Line (2005)
Identity (2003)
Kate & Leopold (2001)
Girl, Interrupted (1999)
Cop Land (1997)
Heavy (1995)


 


 


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