»Wir sind sehr expressiv«

Gespräch mit Karan Johar, dem Regisseur von „Mein Name ist Khan“

Von Dorothea Heintze

Karan Johar
© Rapid Eye Movies

Karan Johar gilt als begabtester ­Regisseur der Bollywood­szene. Seinen ersten Blockbuster drehte der damals 25-Jährige schon 1997 mit Shah Rukh Khan und Kajol

epd film: Karan Johar, im Westen ist Bollywood immer noch ein Synonym für Kitsch und Schmonzette – tatsächlich behandeln zahllose aktuelle Bollywoodfilme sehr ernsthafte Themen. Fühlen Sie sich missverstanden?
Karan Johar: Bollywood  ist eine mock terminology. Man denkt, es ginge um einen merkwürdigen Cousin von Hollywood. Dabei sind wir vollkommen unabhängig und haben unseren eigenen Stil entwickelt.

Und dieser Stil heißt: tanzen, singen, Schweizer Berge, Happy End?
Was viele im Westen und was auch wir zeitweise vergessen haben: Das indische Kino hat eine lange Tradition, beginnend mit den vierziger Jahren bis in die Sechziger hinein. Da gab es bei uns das ganz große Kino. Wichtige Botschaf­ten zu den großen sozialen Themen des Landes: ­Armut, Stadt und Land, Generationen­konflikte. Doch dann kamen die siebziger und achtziger Jahre, mit dem Farbfilm. Bunte und rohe Tanzfilme, mit lauten Farben und wenig Handlung. Dieses Image als Tanz- und Musikfilmnation ist an uns haften geblieben.

Es stimmt nicht mehr?
Nein – in den Neunzigern kam es zu einem langsamen Wandel, der dann ab 2000/2001 mit so entscheidenden Filmen wie Lagaan ein kompletter Kurswechsel wurde.

Bollywood hat also im Westen ein Image, das nicht mehr stimmt. Was können Sie gegen diese Fehleinschätzung tun?
Ach wissen Sie – das brauchen wir gar nicht. Es ist wirklich nicht so wichtig, was die anderen von uns denken, solange unsere Filme in unseren Ländern vor unserem Publikum funktionieren – und das tun sie ganz fantastisch. Nicht nur in Indien, sondern im ganzen asia­tischen Raum. Und übrigens auch in Deutschland: Hier empfängt man uns mit bedingungsloser Liebe. Also, warum soll uns kümmern, was Hollywood von uns denkt?

Wer ist arroganter: Bollywood oder Hollywood?
Ich würde sagen, das sind zwei getrennte, ganz verschiedene Machtzentren. Arrogant finde ich uns beide nicht. Im Gegenteil: Die indische Filmindustrie tritt sehr bescheiden auf. Hollywood ist vielleicht noch etwas selbstzufriedener. Weil man frü­her ganz allein so mächtig war, denkt man dort immer noch, man könne sich alles kaufen.

Ganz anderes Thema: Für westliche Zuschauer immer wieder befremdlich ist, wie viele Tränen in indischen Filmen fließen.
Wir Inder tragen unsere Emotionen nach außen, auch als Filme­macher sind wir sehr emotional.

Aber muss man dann immer gleich losschluchzen – vor allem die Männer?
Ja, natürlich, denn so ist es ja auch im Alltag. Wir sind sehr expressiv, wir halten unsere Emotionen nie zurück. Nie.

Und Sie?
Das gilt auch für mich. Ich weine sehr häufig. Warum auch nicht?

 


 


 


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