Im Wendekreis der Frittenbuden



Von Birgit Roschy


  

Dort, wo kein Wein mehr angebaut werden kann, wo die Grenze zwischen grauer Nordsee und bedecktem Himmel verschwimmt, wo die Haare heller, die Bäuche größer, die Stimmen lauter werden: von dort kommen in den letzten Jahren zusehends ungehobelte Arthouse-Komödien, die allen mediterranen Bella-Figura-Posen Hohn sprechen. Birgit Roschy über das Phänomen der französisch-belgischen »Asso-Komödie«

Die Pioniere dieses filmischen Interesses am Unschönen auf der belgischen Seite waren die Dardenne-Brüder, die mit ihren ruhig beobachtenden, dabei fast religiösen Sozialdramen auf europäischen Festivals Furore machten. Um die Dardennes ist es mittlerweile stiller geworden. Stattdessen gelangen aus Nordfrankreich und Belgien schwarzhumorige Prolokomödien ins hiesige Kino. Sie haben mit dem strengen »Neorealismo« der Dardennes so viel zu tun wie die pingelig realistischen Barock-Stillleben verfaulender, verwurmter Früchte, die einst die Vergänglichkeit alles irdischen Seins bedeuten sollten – und die von flämischen Malern in handfest-fleischeslustige Genrebilder volkstümlichen Alltags umgedreht wurden.

Carpe diem: Der Gipfel, oder, vom Standpunkt eines belgischen Fremdenverkehrsamtes betrachtet, eher der Tiefpunkt dieser filmischen Sittengemälde, ist nun Die Beschissenheit der Dinge, die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Dimitri Verhulst. Die Tragikomödie schildert ebenso zärtlich wie drastisch seine Schmuddelkindheit in einer asozialen Sippe, bestehend aus vier erwachsenen Loserbrüdern, die im Hotel Mama dahinvegetieren. Als einziger Sohn versucht die Hauptfigur im Rückblick schreibend den infektiösen Kreislauf von hemmungslosem Dauerkarneval und aggressiver Katerstimmung zu durchbrechen und zugleich verständlich zu machen, wie die Macho-Muttersöhnchen saufend ihre Psychosen überdecken und wie ihre anarchische Kindlichkeit samt Pipi-Kaka-Humor in selbstzerstörerische Randale kippt. Im Nachhinein aber vermisst der angehende Schriftsteller den Stallgeruch und die amoralische Lebenslust seiner Onkel. Felix van Groeningens Film erinnert mal an die niederländischen Flodders, mal an die französische Erfolgskomödie Willkommen bei den Sch’tis, in der ein Südfranzose bibbernd die rustikalen Gepflogenheiten der Nordfranzosen lernt, und auch an Frank McCourts Die Asche meiner Mutter.

Dieses Belgien der Plumpsklos, Krakeeler und Rohe-Wurst-Fresser »repräsentiert nur einen winzigen Teil der Bevölkerung«, beeilte sich der belgische Außenminister zu erklären. Allerdings zog sich die Erfüllung eines primären Bier-Fritten-Ficken-Triebs schon durch Jan Bucquoys einstigen Festivalhit von 1994, La vie sexuelle des Belges 1950-1978. Ebenso lakonisch wie Groeningen das flämische White-Trash-Milieu der Achtziger beschreibt, so porträtierte der Wallone Jan Bucquoy das kleinbürgerlich-katholische Milieu seiner Kindheit, dem er als ewiger Science-Politique-Student zu entkommen suchte. Statt aber seinen großen Roman zustande zu bringen, beschäftigt er sich mit drallen Frauen im Minirock, die aussehen wie aus einem Robert-Crumb-Comic entsprungen, und macht auch in Kneipen und an Frittenbuden Pausen von der Weltrevolution.

Auch die verhärmte, alleinerziehende Mutter in Neulich in Belgien rafft sich auf und geht in die Eckkneipe, um mit einem jüngeren Lastwagenfahrer ein paar Bierchen zu zischen. So erblüht eine unromantische Romanze, in der Unterhemd-Männer zu begreifen versuchen, warum Frauen manchmal so zornig sind. Wie bei den Sch’tis gilt hier das Anraunzen als Sympathiebeweis. Und das Happy End, ehrlich wie das wahre Leben, stellt die Heldin vor die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die kleine Debütkomödie von Christophe van Rompaey, mit der er das Arbeiterviertel Moscou in Gent porträtiert und dabei ganz auf den Mutterwitz dialektaler Dialoge setzt, wurde ebenso wie Die Beschissenheit der Dinge zum belgischen Kassen­schlager.

Einer der originellsten Akteure dieser flämisch-wallonischen Schelmengeschichten ist der Belgier Bouli Lanners, Schauspieler und Regisseur der Tragikomödie Eldorado. Er spielt die Hauptfigur, einen eigenbrötlerischen Amischlittenverkäufer mit dem Flair eines bärbeißigen Hobbits. In seiner vermüllten Bude entdeckt er eines Tages einen jungen Einbrecher unter seinem Bett und chauffiert den armseligen Junkie zu dessen Eltern. Belgiens Landstraßen wirken in diesem Road-movie texanisch weitläufig, und die surrealste Episode findet in einem verlassenen Wohnwagenpark im Nirgendwo statt.

Auch in Louise Hires a Contract Killer von Benoît Delépine und Gustave de Kervern spielt Lanners eine der Hauptrollen. Diese beiden französischen Filmemacher wiederum, die auch Aaltra drehten, und deren neuer Film Mammuth seine Premiere im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale hatte und im Juni ins Kino kommt, führen uns auf die Spur des stilbildenden »Groland Magzine«. Seit 1992 wöchentlich auf Canal+ ausgestrahlt, besitzt diese satirische Nachrichtensendung, für die Kervern und Delépine die Gags schreiben, inzwischen Kultstatus.

Das titelgebende »Groland« ist ein fiktives Land, eine voll ausgestattete Parodie auf europäische Kleinstaaten. Mit ihren kauzigen Charakteren, absurden Geschichten und ihrer fiktionalen Geografie à la Reetvergedeeem (Arschdammichhausen), wie die Wirkungsstätte des Strobbe-Clans aus Die Beschissenheit der Dinge heißt, hat sich die Fantasie­republik allmählich zur Inspirationsquelle französisch-belgischer Offbeatkomödien entwickelt. So findet im Badeort Quend-Plage-les-Pins in der den Ch’tis benachbarten Region Picardie seit vier Jahren das »Festival du Film Grolandais« statt, das sich als Gegenveranstaltung zum schicken Cannes versteht. Das dreitägige Festival ist ein Treffpunkt belgisch-französischer Independent-Filmemacher und Schauspieler wie etwa Benoît Poelvoorde aus Mann beißt Hund, Jan Bucquoy, Marc Caro (Delicatessen) oder auch Louise-Darstellerin Yolande Moreau.

Die belgische Komödiantin, hierzulande als Concierge in Die fabelhafte Welt der Amélie bekanntgeworden, heimste zuletzt einen der sieben Césars für Séraphine, die Biografie der Außenseiter-Malerin Séraphine de Senlis, ein. In Wenn die Flut kommt spielt Moreau eine Kleinkünstlerin auf Tournee in der Picardie, die sich eine Affäre mit einem jungen Zausel, Typ Schiffschaukelbremser, leistet. Der Filmtitel spielt auf den Chanson Quand la mer monte vom pikardischen Sänger Raoul de Godewarsvelde an. Das melancholische Lied über Lieben und Entlieben wird in der Kneipe, begleitet von Bieren, gesungen. In Die Beschissenheit der Dinge übrigens werden die obszönen Lieder der besoffenen Strobbe-Brüder und ihres Kumpans, der beim Saufen in der Stammkneipe das Funktionieren seines künstlichen Darmausgangs vorführt (fragen Sie nicht!), am Ende sogar Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. Und in Eldorado singt der Junkie die belgische Nationalhymne »Lied von Brabant«, obwohl die »niemand kennt«, wie sich die Hauptfigur wundert.

Aber zurück zu Madame Moreau: in Wenn die Flut steigt steht sie als Komödiantin allabendlich mit einer grotesken James-Ensor-Vogelmaske auf der Bühne und spielt eine grenzdebile Gattenmörderin, die ebenso banale wie treffende Phrasen über die Liebe, das Alter und die Sehnsucht zum Besten gibt. In Louise Hires a Contract Killer spielt sie diese Dumpfbacke als reale Figur: ihre analphabetische Fabrikarbeiterin Louise schlägt ihren Kolleginnen vor, das Abfindungsgeld, das sie erhalten haben, nachdem der Chef die Firma über Nacht dichtgemacht hat, dafür zu verwenden, einen Auftragskiller zu engagieren, um eben jenen Chef umbringen zu lassen. Was als grimmige »Germinal«- und Klassenkampf-Mär mit Amok laufenden Arbeitern beginnt, endet weit abgründiger als erwartet. Das buchstäbliche Mannweib Louise, ein lumpenproletarisches Urviech mit verfilzter Mähne und schleppendem Zombieschritt, und Lanners als verdruckster Killer sind ein Paar, das in die Annalen der Filmgeschichte eingehen dürfte. In Mammuth wiederum spielt Yolande Moreau die Ehefrau von Gérard Depardieu, der mit einer noch wilderen Langhaarmähne als Louise als unterbelichteter Rentner mit dem Motorrad, auf der Suche nach Belegen für die Rentenversicherung, durch Frankreich fährt.

Diese Komödien, so unterschiedlich sie sind, haben neben dem Faible für Singen, Abfeiern und grauenhafte Tapetenmuster noch mehr Details gemein. Campingwagen, Symbole kleinbürgerlicher Urlaubsfreuden und Dauerprovisorien randständiger Existenzen, sind neben Eldorado auch in Das wahre Sexualleben der Belgier, im Dardenne-Drama Rosetta (1999) und in Louise Hires a Contract Killer von Gustave de Kervern und Benoît Delépine sehr wichtig. Und natürlich die Haare: vom »Vokuhila« über Stoppeln und Schnauzbärte aller Formate bis zu wild wuchernden Langhaarmatten sind Männerhaare ein untrüglicher Milieucode. Präzise, liebevoll gezeichnete Charaktere, die Darstellung lokaler Nestwärme, der Blick in Nischen und das Kleinklein alltäglichen Wurstelns erheben diese Komödien, die eigentlich Dramen sind, jedoch über bloßen Klamauk hinaus.

Und zumindest den grolandisch inspirierten Komödien dienen neben Aki Kaurismäki und Ken Loach auch Michael Moore und die Monty Pythons als Schutzherren. Nicht umsonst zählt schließlich neben Borat zu den Favoriten der Grolandais die Anarchokomödie Themroc von 1973, mit der die Achtundsechziger zumindest virtuell die Zwänge ihrer bürgerlichen Herkunft abschütteln konnten. Es geht darin um einen Pariser Proletarier (Michel Piccoli mit eindrucksvoller Brustbehaarung), der sich radikal befreit: von Stechuhr, Chefs und Manieren, von der Tretmühle Metro-Boulot-Dodo. Er mauert sich in seinem Zimmer ein, schlägt ein Loch in die Hauswand und liegt darin herum wie ein träger Löwe; ab und zu brüllt er ein bisschen.

Dieses Individuum ist Urvater der schnauzbärtigen Trolle, sorglosen Säufer, An-die-Wand-Pisser und Vermeider bürgerlicher Sublimierung. Doch anders als in der Themroc-Entstehungszeit wissen heutige Regisseure, dass unterm Pflaster kein Strand liegt, sondern ein Affenfelsen.

Die Beschissenheit der Dinge startet am 20. Mai.


 


 


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