Held mit Herzschmerz

"Iron Man", die Zweite: Robert Downeys düsengetriebener Superheld ist der coolste Typ dieses Blockbustersommers. Aber was macht ihn eigentlich so attraktiv, dass Diesel jetzt sogar ein Parfüm für ihn auflegt?

Von Sabine Horst

Robert Downey Jr.
© Concorde

Also, eigentlich ist Iron Man, mit bürgerlichem Namen Anthony Stark, ein Blödmann. Ein Erzkapitalist, der Waffen produziert und in alle Welt liefert. Ein Trinker, ein Spieler, ein Supermacho. Einer, der ohne seine Sekretärin den Ausgang seiner Villa nicht finden würde und sich nicht mal alleine anziehen kann. Selbst im Comicuniversum, in dem erhabene Kerle wie Superman schon lange nichts mehr zu melden haben, ist Iron Man eine dubiose Erscheinung. Und es hätte vor zwei Jahren, als der Marvel-Verlag die Kinobearbeitung seiner Heldengeschichten in die eigenen Hände nahm, wohl auch niemand ernsthaft gewettet, dass sich auf diesen angerosteten Klassiker eine neue Produktlinie gründen lassen würde. Aber Iron Man, der Film, spielte fast 600 Millionen Dollar ein, machte Robert Downey Jr. zum heißesten Star der Jetztzeit und hat nun ein Sequel hervorgebracht, das sich immer noch auf das zweifelhafte Charisma der Hauptfigur stützt – obwohl doch im Abspann des ersten Teils bereits ein gleitender Übergang zur »Rächer«-Serie avisiert war. Erst recht zu denken gibt, dass das Modelabel Diesel im Mai sein »Only the Brave«-Parfüm in einer limitierten »Iron Man«-Variante auflegt. Mit dem bewährten Faustflakon in Rot und Comicbildchen auf der Schachtel. ­Riechen wie Tony Stark? Wieso ist ausgerechnet der Typ in der düsengetriebenen Blechbüchse so hip geworden?

Nun hat das Team um den Schauspieler und Regisseur Jon Favreau (Elf) im ersten Film seine Sache nicht schlecht gemacht. Das Skript hatte Schärfe und Witz, die Besetzung war gut gewählt, das Technodesign schlank und smart – und Robert Downeys Superheld sah zur Abwechslung mal nicht so aus, als brauche er die Maske, um eine Pubertätsakne zu camouflieren. »Ich habe mir immer gedacht: Wir wissen, dass Tony ein bisschen irre ist. Warum also nicht mit den Erwartungen spielen?«, sagte der Schauspieler in einem Interview mit dem britischen Magazin »Empire«. Tatsächlich ist Downeys manchmal ­zickiger, meist wegwerfender Ton der Schlüssel zur modernen Iron-Man-Experience: Man kann das alles nur distanziert betrachten.

Und im Grunde galt das für diese Figur schon immer. Stan Lee, der Mann, der Marvel zu einem Imperium machte und den Superhelden in eine neue Ära des Kollektivgeistes und der Akzeptanz abweichender Lebensstile führte, erfand Iron Man 1963, mitten im Kalten Krieg, angeblich als Provokation für seine Kundschaft. Jedenfalls hat Lee rückblickend behauptet: »Ich glaube, es war eine Herausforderung für mich selbst... Wenn unsere jungen Leser etwas hassten, dann war es der Krieg, war es das Militär. Also habe ich einen Helden geschaffen, der das zu hundert Prozent repräsentierte. Ich dachte, es könnte unterhaltend sein, einen Charakter zu nehmen, den unsere Leser nicht mögen würden, und ihn ihnen in den Rachen zu stopfen.« Iron Man wurde tatsächlich populär. Und er machte die typischen Mutationen des sozusagen per Job-Description wandlungsfähigen Superhelden durch. Anfangs noch ein geradliniger Kämpfer gegen die »Kommies«, wurde er im und mit dem Lauf der Geschichte immer komplizierter, immer problematischer, angreifbarer.

Sollten Sie irgendwie zum Masochismus neigen, dann ist Tony Stark ihr Held. Der Mann war, mehr noch als seine auch immer vom Schicksal geschlagenen Kollegen, ein Leidender, mit schweren Gesundheitsproblemen behaftet, abhängig von seiner selbst erfundenen cyborgischen Technologie und vom »Dämon« Alkohol – ein ganz großes Thema der Serie. In einer jüngeren Phase scheint auch »bondage« eines gewesen zu sein, zumindest erinnere ich mich vage, dass Tony überdurchschnittlich oft in peinigende Situationen geriet, gefesselt, gefoltert, hilflos und schwach in der Hand eines seiner Gegner.

Das ist alles ziemlich unangenehm für einen, der glanzvoll das MIT absolviert und einen fantastischen IQ hat, der Firmen verliert und wieder aufbaut wie Nordseeurlauber Sandburgen, der als Sponsor einer Superpolizeitruppe, der Rächer eben, und Berater der US-Regierung Weltpolitik macht. Ein Interpret hat mal gemutmaßt, hinter Tony Starks Herzfehler stecke die Kastrationsangst des kapitalistischen Alphamännchens. Tatsächlich geht die Metapher noch tiefer; sie zielt ins Innere des Systems, rührt an seine dreckigsten Geheimnisse. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Demokratie und Kapitalismus keine wirklich haltbare Verbindung darstellen, weil sich immer auch mit der Gegenseite Geschäfte machen lassen: Das Unternehmen Stark Industries folgt derselben uralten, unhintergehbaren Profitlogik wie die Ford Company und General Motors, die im Zweiten Weltkrieg zu Hause die Rüstung besorgten, während in Europa die Nazis in Produkten ihrer Tochterfirmen Richtung Polen rollten.

Tony Stark aber, darin ist er eben doch ein Kind der liberalen Nerdkultur des Comics, büßt dafür am eigenen Körper: ein Kapitalist mit wundem Herzen, buchstäblich. Der erste Iron-Man-Film verwendet denn auch weniger Energie auf Tonys Abwehrschlachten – klar findet sich am Ende immer ein aus dem Ruder gelaufener CEO, der für die Verbrechen des Systems haftbar gemacht werden kann – als auf die süffisante Ausbeutung von Iron Mans »Passion«. Das Minikraftwerk in Tonys Brust, das einen Haufen Schrapnellsplitter aus einer seiner eigenen Waffen daran hindert, sein Herz zu durchbohren, die Technik, die sein Leben speist, ist das leuchtende Zentrum des Films – selbst die verschwitzten Shirts, die der Mann beim Basteln im Basement trägt, sind ganz darauf zugeschnitten. Einmal muss das Ding von Tonys Sekretärin ersetzt werden. Uuuh, da sei Eiter drin, meint Pepper Potts, als sie ihrem Chef zu Leibe rückt. Und es stinke. Das ausgemusterte Gerät wird sie ihm später in einer Schachtel verehren, mit einer Gravur: »Proof that Tony Stark has a heart.«

Der Film weiß sehr genau, dass es diese Schwäche ist, die die Figur heute »stark« macht. Und er platziert Iron Man mit Bedacht nicht in eine stilisierte, entrückte, an seine Entstehungszeit erinnernde Kunstwelt wie die von Sam Raimis Spider-Man. Vielmehr aktualisiert er das Setting, hievt seinen Helden in moderne News- und Zeitschriftenformate, auf den Titel des »Rolling Stone«, an die Seite von Bill Gates. Tony Stark ist im Film ganz offenkundig der Vertreter eines zeitgenössischen Kapitalistentyps, einer Kaste neuer Superreicher, die mit dem Dotcom-Boom aufgestiegen sind und der Christian Coalition den Kampf angesagt haben, die ihr Geld »gewissenhaft« in ökologische oder bürgerrechtsbewegte Projekte stecken und Kampagnen wie die von Barack Obama finanzieren. Der Appeal von Iron Man bestünde dann nicht in dem ewigen Jungstraum von schnellen Autos, tollen Frauen und unbegrenztem Kredit. Vielmehr wäre er die Verkörperung der Hoffnung, unser marodes System könnte von innen he­raus die Kraft aufbringen, sich zu reformieren. Das würde man allerdings gerne mal sehen, wie das geht.

Robert Downey, der diesen Blockbuster wahrhaftig gestemmt hat und mit Recht sagen kann: »I am Iron Man«, findet, dass man dem Ganzen nicht zu viel Subtext anhängen sollte: »Ich sehe hier keine Limousinen-Liberalen am Werk, die den Bad Guys einen mitgeben wollen. Aber wenn es zu hart wird, kann ich einfach sagen: Leute, es ist ein Comic. Würdet ihr Euch mal entspannen?« Im Trailer zum neuen Film, der als Sequel wohl die Schlagzahl erhöhen wird – drei Schurken sind im Angebot –, ist Tony tatsächlich auch back in business und wieder ganz auf der Höhe seines arroganten Industriellenselbst. Auf die Zumutung, er solle seine Superwaffen verstaatlichen lassen, tönt er: »You want my property? You can’t have it. But I did you a big favour: I have successfully privatized world peace.« Das fehlte noch.

Iron Man 2 startet am 6. Mai

 


 


 


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