Von Jörg Buttgereit
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Sam Worthington © Warner |
Remakes wollen immer spektakulärer, aktueller, bunter, blutiger und neuerdings auch dreidimensionaler sein als das Original. Wenn man das Kino als Jahrmarktsattraktion begreift, macht das sicher Sinn. Zumal es meist populäre Genreproduktionen sind, die einer Frischzellenkur unterzogen werden. Aber Remakes haben, wie die artverwandten Sequels, einen schlechten Ruf. Sie gefährden die Unantastbarkeit von Filmklassikern und gelten als wenig originell. Besonders bei der Kritik macht sich Unruhe breit, wenn sich die Neuversion eines Meilensteins ankündigt. Für die Filmkunst war das 1998 von Gus Van Sant Einstellung für Einstellung nachgedrehtes Remake von Hitchcocks Psycho nicht wirklich vonnöten. Auch die werktreue Rekonstruktion seiner Funny Games mit Stars in englischer Sprache kann eher als zynischer Kommentar des Filmemachers Michael Haneke auf die amerikanische Filmindustrie mit ihrer globalen Verwertungsmaschinerie betrachtet werden. Was reizt Filmemacher dennoch immer wieder, sich an Remakes die Finger zu verbrennen? Oft ist es die Verehrung für das Original, die Regisseure dazu bringt, eine Neuversion zu verfertigen.
Besonders remakegefährdet sind Monsterfilme: Sämtliche Klassiker des Subgenres werden in regelmäßigen Abständen recycelt. 1976 wurde die herzergreifende Geschichte vom verliebten Riesenaffen King Kong, der sich dieses Mal auf den Türmen des World Trade Centers mit Jeff Bridges um Jessica Lange streiten musste, von John Guillermin neu inszeniert. Das putzige Affenkostüm wurde von dem jungen Monstermacher Rick Baker geschneidert, der darin auch den Affen machen musste. An den klassischen Universal-Monstern, die in den Dreißigern von großartigen Mimen wir Boris Karloff, Bela Lugosi und Lon Chaney Jr. personifiziert wurden, haben sich schon viele namhafte Regisseure vergriffen, die mit diesen Filmen aufgewachsen sind. Francis Ford Coppola ließ 1992 Gary Oldman im opulenten Bram Stokers Dracula frisches Blut lecken. Gleich ein Jahr später inszenierte Kenneth Branagh sich selbst als Frankenstein und Robert De Niro als sein trauriges, aus Leichenteilen zusammengeflicktes Geschöpf. Aus dem tragischen Liebeshorrorfilm Die Mumie wurde 1999 unter der Regie von Stephen Sommers ein schrecklich vergnüglicher Abenteuerfilm mit inzwischen drei Fortsetzungen. Mit besonders hohlen Spezialeffekten versuchte sich im Jahr 2000 Paul Verhoeven in Hollow Man an einer Neuinterpretation von Der Unsichtbare und ließ Kevin Bacon von der Leinwand verschwinden. 2004 holte wiederum Stephen Sommers zu einem Rundumschlag aus. In der seelenlosen Nummernrevue Van Helsing missbrauchte er gleich alle Universal-Monster für einen mit digitalen Effekten überfrachteten Actionfilm. Nur King Kong wurde von dem Neuseeländer Peter Jackson gerettet, der 2005 eine richtig schöne und teure Liebeserklärung an sein Lieblingsfilmmonster vorlegte. Bei der neuen bluttriefenden Variante des Wolfman durfte man sich in diesem Jahr über schön altmodische Make-up-Effekte vom ehemaligen Kong-Darsteller Rick Baker freuen.
Doch nicht nur die Universal-Monster wurden reanimiert. Der für intellektuelles Körperkino bekannte Kanadier David Cronenberg transformierte 1986 in seiner Neufassung des 50er-Jahre-Mad-Scientist-Schockers Die Fliege Jeff Goldblum in einen mannshohen Brummer mit Beziehungsproblemen und abscheulichen Essgewohnheiten. Besonders respektlos sprang 1998 Roland Emmerich mit der Monsterikone Godzilla um. Die in Japan als Metapher für das Atombombentrauma fungierende Riesenechse wurde von Emmerich, der offensichtlich kein Godzilla-Fan war, runderneuert. Bei ihm stapft kein schwitzender Stuntman mehr im Latex-Kostüm durch eine Miniaturversion von Tokio, sondern es flitzt ein lebensechter, digital animierter Leguan durch ein verregnetes New York, bis er auf der Brooklyn Bridge von amerikanischen Raketen erlegt wird. Emmerich schien, Camp-Appeal hin oder her, nicht verstanden zu haben, dass Godzilla für seine weltweite Anhängerschaft längst ein Sympathieträger war, der in seiner Heimat wie eine göttliche Naturgewalt gehandhabt wird und gefälligst unbesiegbar zu sein hat.
Tim Burton, selbst Regisseur des umstrittenen Remakes von Planet der Affen, hat mir vor zehn Jahren in einem Interview gesagt, er hätte nie eine amerikanische Version von Godzilla machen wollen. Schließlich seien die japanischen Originalfilme schon perfekt. Dem hätte er einfach nichts hinzuzufügen. Doch um Neues und um Originalität geht es beim Geschäft mit Remakes nicht vorrangig. Bei der jetzt anlaufenden Neuversion von Kampf der Titanen sehen die digitalen Monster auch nicht realer aus als die 1981 per Hand von Stop-Motion-Pionier Ray Harryhausen animierten Monsterpüppchen. Auch die Gestaltwerdung der griechischen Götter wirkt nicht unbedingt seriöser als die damals von Laurence Olivier und Ursula Andress im Nachtgewand dargestellten Zeus und Aphrodite.
Als Erfolgsproduzent Michael Bay 2003 ein Remake des Horrorklassikers The Texas Chainsaw Massacre aus dem Jahr 1974 produzierte, schlugen die sonst nicht so sensiblen Horrorfans die Hände über dem Kopf zusammen. Da engagierte Bay den Kameramann des Originals, Daniel C. Pearl, der nun mit hohem technischem Aufwand und im herkömmlichen 35-mm-Kinoformat die grobkörnig authentischen Horrorbilder rekonstruieren sollte, die er 30 Jahre zuvor ohne besondere Lichtquellen auf 16-mm-Schmalfilm gebannt hatte. Obwohl das originale Texas Chainsaw Massacre in seiner ungekürzten Fassung in Deutschland noch immer auf der Liste der jugendgefährdenden Medien steht, ist die aufpolierte und selbstverständlich viel blutiger ausgefallene Neuversion in jedem Medienkaufhaus günstig zu haben. Ebenso verhält es sich bei Wes Cravens Erstlingswerk, dem unschönen Rape-and-Revenge-Film Last House on the Left. Das Original von 1972 schmort schon lange auf dem Index – der neue, ebenfalls von Craven produzierte Film aus dem letzten Jahr ist ab 18 Jahren frei verfügbar. George A. Romero, der Großvater des Zombie-Films, hätte nie Geld für Land..., Diary... und Survival of the Dead bekommen, wenn nicht ein talentierter Blockbustergarant wie Zack Snyder mit seinem Remake von Dawn of the Dead im Jahre 2004 das Zombie-Genre wiederbelebt hätte. Remakes von vermeintlich bösen Filmen können nebenbei zu einer positiven Neubewertung der alten Filme führen. Zudem können Produktionsfirmen bei Neuverfilmungen beliebter Stoffe die Einspielergebnisse vorab genauer kalkulieren. Für sie ist absehbar, dass man sich als gebeutelter Fan genötigt sieht, auch die neueste Version eines geschätzten Films anzusehen. Deshalb rechnen sich Remakes in der Regel immer.
Selbst ein im kollektiven Bewusstsein der Filmfans als Flop abgespeicherter Film wie Emmerichs 130-Millionen-Dollar-Spektakel Godzilla hat laut boxofficemojo.com weltweit 379#014#294 Dollar in den Kinos eingespielt. Das ist mehr Profit, als jeder japanische Godzilla-Film je machen wird. Hinzu kommen die längst viel lukrativeren DVD-Verkäufe und TV-Ausstrahlungen. Der Originalfilm tritt wieder ins Bewusstsein des Konsumenten und kann erneut vermarktet werden. Wer die VHS- Kassette hatte, brauchte später die Laser Disc, dann die DVD und jetzt die Blu-Ray. Deshalb wird es Remakes immer geben. Inzwischen hat man dem verpönten Produkt auch einen schönen neuen Namen spendiert: Relaunch.
Nicht unerwähnt bleiben darf hier natürlich Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, einer der absoluten Kritikerfavoriten des letzten Jahres. Bei dem hochgelobten Film handelt es sich schließlich auch um ein frei angelegtes Remake von Enzo G. Castellaris unbeholfenem Kriegsschinken Ein Haufen verwegener Hunde/Inglorious Bastards aus dem Jahr 1977. Remakes machen eben manchmal Sinn und Wiedersehen doch Freude. Das heißt aber nicht, dass ich mir eine farbige Imax-3-D-Version von Metropolis unter der Regie von Herrn Cameron wünsche. Auch an einer neuen Reifeprüfung, die in Robert Altmans The Player angedroht wird, habe ich kein gesteigertes Interesse.
"Kampf der Titanen" startet am 8. April.


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