Von Frank Arnold
 |
Caroline Bottaro © Concorde |
Im Herbst eröffnete der Film die Französischen Filmtage Tübingen, jetzt läuft er in den Kinos: „Die Schachspielerin“ ist das Langfilmdebüt der Regisseurin Caroline Bottaro, die 1969 als Tochter deutsch-italienischer Eltern in Bielefeld geboren wurde und zwischen 1993 und 2001 mehrere Filme für den Regisseur Jean-Pierre Améris schrieb. Frank Arnold sprach mit ihr und ihrer Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire in Tübingen.
Caroline Bottaro
Madame Bottaro, was hat Sie an der Romanvorlage von Bertina Heimrichs fasziniert?
Die Figur der Frau, deren Leben ein wenig langweilig ist und die dann etwas aus sich selber macht durch ihre Faszination vom Schachspiel.
Ist das Schachspiel austauschbar?
Es hätte auch etwas anderes sein können als Schach, damit sie sich selber findet. Interessant ist, dass Schach eher als Spiel für Männer und für Intellektuelle gilt – hier ist es eine Putzfrau, die plötzlich Schach spielt. Was mir gefiel, war diese Sinnlichkeit, die sie erlebt auf dem Balkon des Hotels. Das war für mich die Herausforderung, aus Schach etwas Sinnliches zu machen.
Dies ist Ihr Regiedebüt, vorher waren Sie als Drehbuchautorin tätig…
Eigentlich wollte ich immer Regisseurin werden. Aber ich fühlte mich davor noch nicht bereit dafür. Als ich den Roman las, wusste ich gleich, das ist die richtige Geschichte. Dann hat es aber fünf Jahre gedauert, um die Finanzierung hinzubekommen. Aber da war ich wie Hélène im Film – wenn alle gesagt haben, „mach’ etwas anderes!“, dann blieb ich stur und habe geantwortet: „Ich weiß, dass ich diese Geschichte zu meinem Regiedebüt machen will.“
Sie haben gesagt, dass Sie die Hauptrolle für Sandrine Bonnaire geschrieben haben. Wie hat sich das bemerkbar gemacht beim Schreiben?
Ich kannte Sandrine ein bisschen durch den Film „C’est la vie“ (2001) von Jean-Pierre Améris, für den ich das Drehbuch schrieb und in dem sie zusammen mit Jacques Dutronc spielte. In den fünf Jahren der Finanzierung von „Die Schachspielerin“ hat sich diese Freundschaft entwickelt. Sandrine beeindruckt mich als Person sehr und ich wollte, dass mein Blick auf sie als Person auch im Film ist. Das zeigt sich an vielen kleinen und größeren Sachen. Ihre Figur ist meine Vision von Sandrine. Ich habe immer zu ihr gesagt, „Ich möchte nicht, dass Du etwas besser machst in meinem Film, ich möchte, dass Du du bist.“ In den fünf Jahren gab es achtzehn Drehbuchfassungen, da ist immer wieder auch von ihr etwas Neues eingeflossen.
Ich stelle mir vor, dass Sandrine Bonnaire eine sehr akribische Arbeiterin ist…
Sie und Kevin Kline sind zwei Schauspieler, die vollkommen verschieden arbeiten. Sie sagt immer, sie habe nicht viel Imagination, sie habe eine Idee von ihrer Figur und die sei sehr präzise, deshalb gäbe es keine großen Unterschiede zwischen einem Take und einem anderen Take. Bei Kevin war das ganz anders: er sagte immer, „I’m going to do something very different, so you can choose.“ Für ihn war das wirklich eine Herausforderung, er musste Französisch sprechen und Schachspielen. Ich sagte zu ihm, „Du spielst sonst immer sehr physisch. Aber diese Figur ist krank, Du musst also alles ein bisschen weniger machen.“ Er hatte immer die Befürchtung, „Glaubst Du nicht, dass das Publikum sich dann langweilt?“ Da musste ich ihm sagen: „Vertrau’ mir!“
Wie sind Sie denn überhaupt auf Kevin Kline gekommen?
Das geht natürlich nicht von einem Tag auf den nächsten, wenn man als Französin in Paris sitzt und sein Regiedebüt gibt. Das ergab sich ziemlich spät, erst als wir den Produzenten hatten, Dominique Besnehard, der war zuvor nämlich Schauspieler - in „A Nos Amours“ spielte er den Bruder von Sandrine Bonnaire – und er war mein Agent. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren. Ich sagte zu ihm, „Ich möchte, dass Kroeger ein Ausländer ist, dass er einen Akzent hat.“ Denn ich selber habe in meinem Leben immer mit Akzent gesprochen. Ich habe gesagt, warum nicht ein Amerikaner? Da war die Frage, wer von denen Französisch sprechen kann. Jemand erzählte uns, Kevin Kline spräche Französisch. Kline hat einen Agenten in Paris, dem habe ich das Drehbuch geschickt. Der rief mich am nächsten Tag an, sagte, dass er mein Drehbuch liebe und es nach Amerika schicken würde. Vier Tage später klingelt um 1 Uhr nachts das Telefon und eine Stimme sagt, „Hallo, c’est Kevin Kline.“ Danach haben wir eine Stunde lang am Telefon gesprochen, später bin ich mit Sandrine und Dominique nach New York geflogen, wo wir einen Abend zu viert verbrachen und den nächsten Tag hatte ich ihn ganz allein. Das war für mich wie die Erfüllung eines Traumes, der Blick auf den Central Park von seiner Wohnung und das Gefühl, dass es klappen würde. Er ist immer aufgestanden, hat verschiedene Hosen angezogen und fragte mich, „meinst Du, dass er so aussehen könnte?“ Nach einer halben Stunden meinte er, „We are on the same page, Caroline.“
Die Rolle der Frau auf dem Balkon haben Sie mit Jennifer Beals besetzt...
Das war eine Kindheitserinnerung, ich war vierzehn Jahre alt, als ich „Flashdance“ gesehen habe. Das ist eine kleine, aber für mich wichtige Rolle, diese Szene ist auch nicht in der Romanvorlage enthalten. Ich war mir sicher, wenn diese Szene nicht funktioniert, funktioniert die ganze Schachebene nicht. Ich habe Jennifer in der Fernsehserie, „The L-Word“ gesehen und fand, sie sieht immer noch so gut aus. Hélène im Film ist so alt wie ich, und sie hat bestimmt auch „Flashdance“ gesehen. „Flashdance“ erzählte ja auch eine Geschichte, wo sich die Protagonistin aus engen Verhältnissen löste. Sie war Fabrikarbeiterin und wurde dann Tänzerin.
Jack Londons Roman „Martin Eden“ kommt auch in der Romanvorlage vor?
Nein, das ist eines meiner Lieblingsbücher.
Sind Sie erst beim Schreiben des Drehbuches auf die Parallele gekommen?
Nein, denn das ist wirklich ein Buch, das mir sehr wichtig ist. Und ich dachte mir, das ist kein Zufall, dass jetzt diesen Film mache. In meinem Film endet die Geschichte besser als in „Martin Eden“, aber es sind beides Entwicklungsromane.
Spielt der Schauplatz Korsika für Sie eine besondere Rolle?
Im Buch ist das eine griechische Insel, aber da kenne ich mich nicht aus. Ich kenne dagegen Italien und wollte es zuerst dort machen, ihr Mann wäre dann Italiener gewesen, dem sie dorthin gefolgt ist. Aber in Frankreich ist es schwierig, Geld zu finden, wenn nicht alles auf Französisch gesprochen ist. Und den Film auf Französisch in Italien zu drehen, fand ich als Italienerin blöd. So kam ich auf Korsika.
Sandrine Bonnaire
Madame Bonnaire, was gab den Ausschlag für Sie, diesen Film zu machen?
Die Dialogzeile „Wenn wir ein Risiko eingehen, können wir verlieren, aber wenn wir kein Risiko eingehen, verlieren wir immer.“
Ein Risiko einzugehen: besteht das auch, wenn man mit einem Schauspieler arbeitet, der aus einer andern Tradition, einer anderen Kultur kommt, wie Kevin Kline?
Mit Kevin Kline zu arbeiten, war kein Riskio (lacht). Es stimmt, wir haben zwei unterschiedliche Arten zu arbeiten Er ist sehr präzise und liebt es, kleine Dinge zu erfinden. Ich bin mehr wie ein Traktorfahrer, ziemlich spontan. Diese Kombination funktionierte im Film. Spielen hat viel mit Zuhören und Reagieren auf andere zu tun.
Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo sich eine Szene beim Dreh verändert hat?
Die lässige Art, wie er beim Schachspiel die Zeituhr betätigt - daraus spricht ein großes Selbstvertrauen dieser Figur
Sie mussten selber Schachspielen lernen für den Film?
Ja, mit einem Coach. Aber das wichtigste waren die Gesten. Am Anfang ist Hélène sehr langsam und zögerlich. Dann wird sie schneller, selbstsicherer, präziser.
Die Regisseurin zieht eine Parallele zwischen Hélène und der Hauptfigur aus Jack Londons Roman “Martin Eden“. Haben Sie den zur Vorbereitung auch gelesen?
Nein, den habe ich gelesen, als ich zwanzig war – und ich erinnerte mich noch gut daran.
Gab es eine Szene in „Die Schachspielerin“, die für die Entwicklung Ihrer Figur besonders wichtig war?
Die Liebeserklärung in Schachzügen mit Kevin Kline am Ende!
Nicht wenige Ihrer Kollegen sind sehr viel öfter auf der Leinwand zu sehen. Bedeutet das, dass Sie viele Angebote ablehnen?
Durchaus. In diesem Monat habe ich sieben Projekte abgelehnt, weil sie mir nicht gut genug schienen. Bei einem war die Geschichte nett, aber die Figur gab nicht viel her. Ich habe keine Probleme damit, nicht zu arbeiten. Ich kann ein, auch zwei Jahre leben ohne einen Film zu drehen – ich bin eine faule Frau (lacht). Aber das passt, ich habe Zeit, Menschen und das Leben zu beobachten. Das ist ja unsere Tätigkeit als Schauspieler, dass wir Menschen beobachten müssen um vorgeben zu können, sie zu sein. Also nicht zu arbeiten ist für mich ein Teil der Arbeit.
Ich mag es auch, Zeit zu haben – für mich selber, meine Kinder, meinen Mann.
Vor drei Jahren haben Sie einen Dokumentarfilm über Ihre autistische Schwester gemacht, „Elle s’appelle Sabine“. Das war ein sehr persönlicher Film. Können Sie Sich auch vorstellen, bei anderen Stoffen hinter die Kamera zu wechseln?
Ja, das war sehr einzigartig, auch weil ich ihn aus politischen Gründen gemacht habe. Aber jetzt würde ich gerne wieder hinter der Kamera stehen, denn Spielen ist ziemlich passiv, man hängt vom Verlangen der anderen ab, man muss warten. Deshalb möchte ich einen weiteren Film machen, allerdings einen Spielfilm. Ich werde ihn machen.
Sie haben auch schon auf Englisch gedreht…
Sogar dreimal: „Prague“, „La Peste“ (die sind beide nicht sehr gut und ich war auch nicht gut) und „Never Ever“.
Fühlten Sie Sich eher unwohl mit der Sprache oder mit den Projekten?
Beides. Beim ersten hatte ich große Probleme mit der Sprache und dann sollte ich auch noch mit einem tschechischen Akzent sprechen. Beim zweiten fühlte ich mich schon sicherer, aber der Film war sehr schwerfällig. Der Regisseur Luis Puenzo war sehr nett, aber er hatte Schwierigkeiten zu unterscheiden zwischen Camus’ „Die Pest“ und der Situation in Argentinien. Das wurde eine schlechte Mischung. Beim dritten fühlte ich mich wohl, aber der Film wurde nicht sehr gut.
Bekommen Sie Angebote aus Hollywood?
Gelegentlich schon. Es ist interessant in einer anderen Sprache zu arbeiten. Das ist wie das erste Mal, man kann nicht improvisieren, es ist wie ein Laufen auf rohen Eiern.
Ihre erste Rolle spielten Sie 1983 in „A Nos Amours“. Würden Sie sagen, dass dessen Regisseur Maurice Pialat einen nachhaltigen Einfluss auf Sie hatte?
Damals wusste ich noch nicht, wer er war, ich war damals 15 und in jeder Hinsicht unschuldig. In meiner Familie gingen wir nicht ins Kino, so blieb für mich nur das Fernsehen, das damals allerdings ziemlich gut war, ich habe da viele gute Filme gesehen. Dass ich nichts über Pialat wusste, hat mich gerettet, alle sagten, „Du arbeitest mit einem gro0en Regisseur!“ Ich erwiderte nur, „Aha.“
Hatte er eine spezielle Art zu arbeiten?
Er mochte keine Schauspieler.
Auch noch, als Sie mit ihm 1987 „Die Sonne Satans“ drehten?
Ja, da sagte er, „Jetzt bist Du eine Schauspielerin geworden. Und das ist nicht gut.“ Er hat Recht, wir haben bestimmte Angewohnheiten.
Was dürfen wir von Ihnen als nächstes erwarten?
Im März werde ich mit Gerard Depardieu einen Film über das Leben von Claude Monet drehen, ich spiele eine Schriftstellerin, die ihm am Ende seines Lebens sehr nahe stand. Außerdem schreibe ich an meinem eigenen Drehbuch und arbeite mit zwei Journalisten an einem Buch über mich, einem umfangreichen Gesprächsband.


epd Film Abonnement
© epd Hinweis zum Urheberrecht