Die Kinoanarchistin

Wahnsinnig komisch, wahnsinnig rührend, wahnsinnig charmant: Die belgische Schauspielerin Yolande Moreau spielt reife Frauen mit dem Verve einer Newcomerin

Von Marli Feldvoß

Yolande Moreau in "Louise Hires a Contract Killer"
© Kool

Schwerfälliger Schritt, gedeckte dunkle Kleidung, zu der die hellblauen Katzenaugen einen eigenwilligen Kontrast bilden und manchmal kurze Blitze aussenden, die man nicht vergisst: Yolande Moreau als Séraphine de Senlis, die spät entdeckte naive Malerin, die lange als Dienstmädchen und Wäscherin ihr Geld verdiente, ist eine Idealbesetzung und die bisher dankbarste Rolle für diese außergewöhnliche Schauspielerin. Moreau ist keine Schönheit, außerdem auch ziemlich mollig. Aber da ist dieses Leuchten, das von ganz innen kommt, das ihren marginalen Figuren zu unvergesslichen Auftritten verhilft.

Die 1953 in Brüssel geborene Moreau ist eine Ausnahmeschauspielerin. Sie arbeitete zunächst als Erzieherin, fand Geschmack am experimentellen und am Kindertheater und wagte erst dann den Sprung zur Komödiantin. Wichtigste Lehrstätte war die Brüsseler Clownschule von Jacques Lecoq. »Das war wie eine Offenbarung. Hat nichts mit Grimassieren zu tun. Dort habe ich gelernt, wie man die Dinge tief aus dem Innern herausholt.« Am Anfang standen ihre Fünfminutenauftritte in Cafés und das Versprechen, die Gäste – ohne das Geringste zu tun – zum Lachen zu bringen. Und es funktionierte. Bald darauf schrieb sie ihre One-Woman-Show »Sale Affaire, du sexe et du crime« (»Eine schmutzige Affäre über Sex und Verbrechen«), die Geschichte einer Frau, die aus Enttäuschung ihren Liebhaber umbringt, die Suche nach der großen Liebe jedoch nie aufgibt. Mit diesem Stück tourte Yolande Moreau höchst erfolgreich durch Belgien, Frankreich und Kanada. 25 Jahre später wurde der Plot zur Basis ihres ersten Regiefilms Quand la mer monte (2004), der ihr gleich zwei Césars einbrachte und ihren späten Durchbruch als Schauspielerin und Allroundkünstlerin besiegelte. Wie Moreau selbst ist die Kleinkünstlerin unterwegs, macht täglich woanders Station, schminkt sich jeden Abend die Arme blutrot, zieht ein gestreiftes Kleid über und setzt eine groteske gockelartige Maske vors Gesicht, um sich ein neues Opfer, genannt »Kücken«, aus dem Publikum zu holen.

Fünf Jahre hat Yolande Moreau daran gesessen, um diese »wahnsinige Hausfrau« für die Leinwand wiederzubeleben und doch noch mehr hineinzutragen. All die Jahre hat sie immer wieder gesellschaftliche Randfiguren gespielt, wunderliche Zeitgenossen, die, wie in Vogelfrei (1985) von Agnès Varda – sie hat die Kleinkünstlerin fürs Kino entdeckt – in ihrer eigenen Welt leben und von der ganz besonderen Aura dieser Darstellerin profitieren. In Vogelfrei spielt sie eine einfache junge Frau vom Land, die sich mit begierigem Blick an die Liebespaare – Hippies und Herumtreiber wie Hauptfigur Mona (Sandrine Bonnaire) – in der leerstehenden Villa nebenan heranschleicht. Eine besondere Herausforderung waren die Dreharbeiten mit Dominique Cabrera, mit dem sie Milch der Zärtlichkeit (2001) und Folle Embellie (2004) drehte, den Vorläuferfilm zu Séraphine. Yolande Moreau stellt sich in ihren Rollen oft dem Balanceakt zwischen Wahn und Wirklichkeit, den sie irgendwann nicht mehr aushält, weshalb sie in die Psychiatrie flüchtet. Das ist schon die ganze Geschichte von Séraphine, der fast stummen Künstlerin aus Besessenheit, die nachts in ihrer Dachkammer auf dem Fußboden ihre großformatigen Bilder malt. Da kann Moreau ihr ganzes Können austoben: leidenschaftliche Selbstentäußerung, subtilste Körperarbeit, gestisches Gespür, wenig Worte, wie sie es als jahrelanges Mitglied der legendären Schauspieltruppe von Jerôme Deschamps und Macha Makeïeff gelernt hat.

Heute kann sie sich vor Rollenangeboten nicht mehr retten und ist nach der Rolle der Concierge in Die fabelhafte Welt der Amélie wieder in Micmacs. Der große Coup der kleinen Leute, dem neuesten Wurf Jean-Pierre Jeunets, als anarchische Köchin Cassoulet zu sehen. Nicht zu vergessen Louise hires  a Contract Killer, das verrückte Roadmovie des französischen Humortandems Gustave Kervern und Benoît Delépine: Yolande Moreau in der Titelrolle und im Wettstreit mit dem hochkarätigen Komiker Bouli Lanners. Beide dilettieren mit ihren Deadpan-Gesichern und Körpermassen um die Wette. Der nächste Film mit einem Auftritt als Vampir ist bereits abgedreht. Yolande Moreau rangiert mit ihren zwei Césars mittlerweile neben Stars wie Sandrine Bonnaire, Sabine Azéma oder Catherine Deneuve. Ihr Geheimnis? »Glück haben und die richtigen Leute treffen. Man muss aber auch eine Portion Frechheit an den Tag legen. Das hilft.«

Séraphine startet am 17.12.


 


 


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