Der nächste Film ist immer der schwerste

Junge Regisseure in Deutschland

Von Margrit Frölich

Novemberkind
  

Zwei Drittel aller deutschen Kinofilme werden von Nachwuchsregisseuren gemacht, sind Debüts oder Zweitlinge. Eine ungeheure Chance, sollte man meinen. Ein Versprechen auf die Zukunft. Aber es ist ein hartes Stück Arbeit, bis aus einem Talent ein Professional wird. Margrit Frölich hat mit Filmemachern und Filmemacherinnen über Höhenflüge und Tiefschläge gesprochen

Jeder neue Film ist ein Anfang bei Null, findet der 1978 geborene ­Regisseur Christian Schwochow. Mit Novemberkind, seiner Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg, gelang ihm vor einem Jahr ein eindrucksvoller Start. Mehr als 180.000 Zuschauer sahen den Film im Kino – das schafft kaum ein Debüt. Beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken, dem wichtigsten Festival für Nachwuchsregisseure in Deutschland, gewann Novemberkind 2008 den Publikumspreis. Noch vor der Premiere hatte sich herumgesprochen, dass der Film das gewisse Etwas hat. In diesem Herbst wurde Novemberkind auf zahlreichen Veranstaltungen zum Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren gezeigt. Sogar in Neuseeland war der Regisseur kürzlich zu Gast. Novemberkind erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die bei ihren Großeltern in Mecklenburg aufwuchs, nachdem ihre Mutter in den Westen geflüchtet war. Davon erfährt die Protagonistin erst, als der Konstanzer Literaturprofessor Robert in ihrem Dorf auftaucht. Für Anna Maria Mühe, die hier eine Doppelrolle spielt, ist der Film geschrieben, erzählt Schwochow. Dass er sein Debüt mit so prominenten Schauspielern wie Mühe und Ulrich Matthes besetzen konnte, scheint leichter gewesen zu sein, als man vermutet: »Ich glaube, dass Schauspieler sich einfach freuen, wenn sie ein gutes Buch angeboten bekommen«, sagt der Regisseur selbstbewusst. Auf das Drehbuch, das er mit seiner Mutter geschrieben hat, kann er mit Recht stolz sein. Immerhin wurde es für den Deutschen Filmpreis nominiert. Über der Geschichte hätten sie nicht lange brüten müssen. Sie sei einfach aus ihnen herausgekommen, erzählt er. Die Auseinandersetzung mit dem Land, in dem er aufgewachsen sei, hätte er allerdings schon lange mit sich herumgetragen. Durch die Kinoauswertung von Novemberkind hat er Referenzgelder, die seine Filmproduktion in das nächste Projekt einbringen kann. Die Finanzierung steht, aber das Skript wird nicht fertig – eine paradoxe Situation.

Der Zweifel ist Teil des Berufs, meint Robert Thalheim, Jahrgang 1974. »Wenn ich in eine Videothek komme und da stehen meine Filme, denk ich: O Mann, du bist ja echt Regisseur. Aber wenn ich dann wieder zu Hause allein vor meinem Computer sitze, frag’ ich mich, ob aus dem, was ich konkret mache, wieder etwas wird«. Er hat bisher viel Glück gehabt, glaubt er. Zwei Filme hat Thalheim schon gedreht. Wenn alles klappt, kann er nächstes Frühjahr den dritten machen. Es war ein hartes Stück Arbeit, dahin zu kommen, räumt er ein. Sein Erstling, Netto (2004), war ein Überraschungserfolg, entstanden als Semes­terübung an der HFF »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg, auf ­Mini-DV und ohne Geld. Dass der Film dann gleich auf die Berlinale eingeladen wurde, mehrere Festivalpreise gewann und ins Kino kam, ist ungewöhnlich. Doch offenbar hat Thalheim mit der tragikomischen Vater-Sohn-Geschichte aus der Berliner Gegenwart einen Nerv getroffen. Sein ursprünglich als Debüt geplanter Film Am Ende kommen Touristen (2007) wurde so sein zweiter. Auch dieser Film, der nach Cannes eingeladen wurde, gewann Festivalpreise und fand gute Resonanz bei Publikum und Kritik. Die Grundidee – ein deutscher Zivi in der Gedenkstätte in Auschwitz – gab es schon vor Netto; frühzeitig hatte er damit auch das Interesse des Kleinen Fernsehspiels geweckt. Dass sein erster Film so erfolgreich war, hat Thalheim zweifellos geholfen. Aber entscheidend war, meint er, dass er eine genaue Vorstellung von seinem zweiten Film hatte. Auch seinen dritten Film (Arbeitstitel: »Zwillinge«) – eine deutsch-deutsche Geschichte, die 1988 am Balaton spielt, wo Zwillingsschwestern aus der DDR in einem Ferienlager auf eine Gruppe aus Hamburg treffen – wird Thalheim wieder mit dem Kleinen Fernsehspiel machen.

In Deutschland entstehen jedes Jahr viele Nachwuchsfilme. Laut einer Studie von Julia von Heinz macht der Anteil der Debüt- und Zweitfilme etwa zwei Drittel der gesamten Kinofilmproduktion eines Jahres aus. Derzeit scheint dieser Anteil rückläufig zu sein, sagt die Autorin. Nachwuchsfilme finden eine Plattform auf Festivals, gewinnen Preise und werden von kleinen Verleihern in die Kinos gebracht. ­Diverse Fördermodelle unterstützen die Newcomer. Dabei spielen die Fernsehsender eine wichtige Rolle (Debüt im Dritten, Kleines Fernsehspiel). Doch der Weg ins Filmgeschäft ist mühsam. Zu viele potenzielle Regisseure werden ausgebildet, nur wenige können sich durchsetzen. Der Output an Filmen sei über die Jahre enorm gewachsen, sagt der Produzent Ernst Szebedits (Neue Pegasos), aber der deutsche Markt ist begrenzt. Ein guter Debütfilm ist noch keine Garantie, dass man einen zweiten Film realisieren kann. Doch wer keinen wirklich guten ersten Film vorweisen kann, hat schlechte Karten, meint Szebedits. Die Risikobereitschaft der Produzenten, mit jungen Talenten zusammenzuarbeiten, ist seiner Ansicht nach nicht sehr ausgeprägt. Schließlich geht es um eine Menge Geld. Mindestens ein oder zwei Millionen Euro braucht man für einen Film, und für die haftet der Produzent. Beim zweiten Film wisse zudem keiner, was herauskommt. Oft bleibe er hinter der Qualität des ersten zurück. Tatsächlich haben Debütfilme bei Fördergremien und Fernsehsendern bessere Aussichten, realisiert zu werden, als Zweitfilme. Dies belegen die Daten, die Julia von Heinz zusammengetragen hat. Im Vorteil sind Erstlingsfilme außerdem bei der Verwertung, bei Festivaleinladungen und Preisen. Viele Zweitfilme können noch über die Nachwuchsförderung ­finanziert werden, wenn auch ihr Anteil gegenüber den Erstfilmen deutlich geringer ist. Daher kommt Julia von Heinz zu dem Schluss, dass die große Hürde darin besteht, nach dem zweiten einen dritten Film zu realisieren.

Zu den strukturellen Bedingungen, die es den jungen Regisseuren schwer machen, Fuß zu fassen, tritt das Persönliche. Wenn man den ersten Film macht, erklärt Robert Thalheim, hat man eine Idee, für die man sich verausgabt. Der erste oder vielleicht auch noch der zweite Film komme meist ganz tief aus einem heraus; dann hat man plötzlich einen Beruf und muss erst einmal verstehen, in welcher Welt man da arbeitet, wie man damit auch langfristig eine Familie ernähren kann und wie man sich darin weiter als Künstler und Filmemacher definieren möchte.

Matthias Luthardt, geboren 1972, hat auch an der HFF in Potsdam-Babelsberg studiert. In seinem Jahrgang war er der Einzige, der einen Langfilm als Abschlussfilm drehte. Ihnen sei immer gesagt worden: »versucht, einen langen Film als Abschlussfilm zu machen«. Aber das war nicht leicht, erinnert er sich. Im Rahmen einer Vereinbarung zwischen der Filmhochschule und der Medienboard Berlin-Brandenburg wurden pro Jahr zwei lange Hochschulfilme gefördert. Matthias Luthardt hatte Glück: Sein Filmprojekt wurde ausgewählt. »Da musste ich vor einem Gremium meinen Stoff verteidigen. Das war wie eine Aufnahmeprüfung.« Als dann auch der MDR die Förderung bewilligte, kamen 580.000 Euro zusammen. Die Produktion übernahm Junifilm, eine kleinere Berliner Produktionsfirma. Nicht einen Moment lang hat er darüber nachgedacht, wie es mit seinem Abschlussfilm weitergehen würde. Er war froh, ihn überhaupt machen zu können. Pingpong (2006) ist ein bemerkenswertes Debüt. Der Film setzt sich mit dem Begehren, mit Gefühlen von Einsamkeit und Zurückweisung auseinander. Er schildert, wie das Gefüge familiärer Beziehungen durcheinandergerät, als der 16-jährige Paul nach der Beerdigung seines Vaters unangemeldet bei der Familie seines Onkels auftaucht. Das entstehende Liebesverhältnis zwischen ihm und Anna, seiner Tante und der Mutter seines Cousins, entfacht eine gefährliche Dynamik, der die Figuren nicht gewachsen sind. In der Festival-Sektion »Semaine Internationale de la Critique« in Cannes gewann Pingpong den Drehbuchpreis des Verbandes französischer Autoren und Komponisten sowie den Preis der Schüler- und Studentenjury. Zudem wurde er beim Filmfest München mit dem Förderpreis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Dass sein Erstlingsfilm überhaupt ins Kino kommen würde, hatte Luthardt nicht erwartet. Er freut sich, dass Pingpong in Frankreich aufmerksam wahrgenommen wurde und dort immerhin 33.000 Zuschauer fand, weit mehr als in Deutschland, wo der Film mit einer geringeren Kopienzahl startete. Der Erfolg seines Debüts hat Matthias Luthardt geholfen, einen Fuß in die Tür der Filmbranche zu bekommen. Bald fand er die Stoffidee für ein zweites Filmprojekt. »Merhaba« (Willkommen), so der Arbeitstitel, erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, dessen Leben durch eine Grenz­erfahrung aus den Fugen gerät, die ihn zum Glaubenseiferer werden lässt. Mit Karl Baumgartner (Pandora) hat Luthardt einen Produzenten gefunden, der sich Zeit für die Projektentwicklung nimmt. Am Drehbuch arbeitet er zusammen mit dem Autor Ole Giec nun schon seit zweieinhalb Jahren. Der Stoff muss reifen wie ein guter Käse, sagt er, bis man guten Gewissens in die Produktion gehen kann.

Ein Regisseur werde immer so hoch gehandelt wie sein letzter Film, meint Robert Thalheim. Doch der ist schnell wieder vergessen, sobald das nächste Festival beginnt. Wenn dann der nächste Film misslingt, ist man weg vom Fenster, erklärt er nüchtern. Das Festivalsystem erscheint ihm wie eine große Blase. Dieser Ansicht ist auch Matthias Luthardt. Unmittelbar nach dem Erfolg seines Debüts in Cannes fuhr er nach Bayern, um einen Dokumentarfilm zu drehen (Jesus liebt Dich, 2008). Das hat ihm geholfen, wieder auf den Boden zu kommen.Thalheim ist davon überzeugt, dass die größte Falle, in die man als Nachwuchsregisseur tappen kann, darin besteht, sich von Festivals und Presse blenden zu lassen. Man liest seinen Namen in der Zeitung und glaubt, es geschafft zu haben. Aber das habe nichts mit der realen Arbeit und der Filmwirtschaft zu tun. Wie gering die Berührungspunkte sind, merkt er jetzt. Nur weil man auf einem Festival gewonnen hat, würde einem niemand die Regie bei einem Film im kommerziellen Bereich anvertrauen. Viele seiner Kommilitonen hätten schon mit Kurzfilmen Erfolge gefeiert, erzählt er. Sie seien mit ihren Zehnminütern durch die ganze Welt gereist, wo sie von allen beglückwünscht wurden. Das sei zwar großartig, räumt er ein, aber es bringe einen nicht voran, weil man seine Stoffe nicht weiterentwickelt. Dass Festivalerfolge für den Regienachwuchs gerade am Anfang jedoch eine große Bedeutung haben, zeigen die folgenden Beispiele.

Friederike Jehn, geboren 1977, gewann im Juni dieses Jahres beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen für Weitertanzen, ihren ersten langen Film, den mit 50.000 Euro dotierten Filmkunstpreis 2009. Zuvor war die Produktion bei den Filmtagen in Hof mit dem Eastman Förderpreis ausgezeichnet worden. Der Film erzählt von den Ängsten einer jungen Frau, deren Überzeugung, sich für den richtigen Mann entschieden zu haben, im Verlauf der Hochzeitsfeier ins Wanken gerät. Der Film entstand nach Abschluss ihres Regiestudiums an der Filmakademie in Ludwigsburg. Bei der Entstehung hat Jehn die Debütfilmberatung der Filmakademie in Anspruch genommen. Zudem interessierte sich Sabine Holtgreve, seinerzeit SWR-Redakteurin von »Debüt im Dritten«, für ihren Filmstoff. Finanziert wurde Weitertanzen nach klassischem 50/50-Modell der Nachwuchsförderung: SWR und MFG Baden-Württemberg übernahmen je die Hälfte des Budgets. Die Anerkennung durch den Filmkunstpreis hat der Regisseurin enor­men Auftrieb gegeben. Man hat einen großen Drang weiterzumachen, sagt sie, um dieses Geschäft auch irgendwann seinen Beruf nennen zu können. Einen Teil des Preisgeldes hat sie mit ihrer Produktionsfirma dafür verwendet, den Film in Eigenregie in die Kinos zu bringen, nachdem sich kein Verleih fand. Als digitale Projektion startete Weitertanzen im Oktober in ausgewählten Städten. Die andere Hälfte des Preisgeldes wird Jehn für die Entwicklung eines Drehbuchs nach eigener Idee nutzen. Unterdessen arbeitet sie mit einer Co-Autorin an einem Stoff, der ihr angeboten wurde (Arbeitstitel: »Der Klang der Stille«). Jetzt hofft sie, dass die Finanzierung zustande kommt.

Auch Ann-Kristin Reyels, Jahrgang 1976, hatte Glück mit ihrem Erstling. Jagdhunde, zugleich ihr Abschlussfilm an der HFF in Potsdam, lief 2007 im Internationalen Forum der Berlinale. Dort gewann die lakonisch erzählte Geschichte des 16-jährigen Lars, der mit seinem Vater in ein Dorf in der Uckermark zieht und sich in die gehörlose Marie verliebt, den Preis der FIPRESCI-Jury. Die Auszeichnung habe sie in einen Höhenflug versetzt, erzählt die Regisseurin. Sie konnte es gar nicht glauben, wie viele Zuschauer gekommen waren, um ihren Film zu sehen. Und wie das ganze Kino an den richtigen Stellen gelacht hat. Das war für sie und das Team eine einzigartige Erfahrung. Die Realisierung des Films beschreibt die Regisseurin als unkompliziert. Nur ein Jahr habe es gedauert vom ersten Treffen mit dem Redakteur des Kleinen Fernsehspiels, Christian Cloos, bis zum Drehbeginn. Das war wahnsinniges Glück, meint sie rückblickend. Auch ein Kinostart gelang. Ann-Kristin Reyels sieht eine Hauptschwierigkeit darin, wie es einem gelingt, die Zeit zwischen erstem und zweitem Film zu überstehen. Weil man ganz auf sich selbst gestellt ist. Da muss man aufpassen, sagt sie, dass man Mut und Selbstbewusstsein behält. Nachdem sich ein Projekt zerschlagen hat, zeichnet sich langsam eine neue Perspektive für sie ab. Es geht um einen Stoff, bei dem ein junges Paar im Urlaub auf Formentera Aussteiger der Hippiegeneration trifft. Die erste Drehbuchfassung ist schon geschrieben. Jetzt ist die Regisseurin gespannt, wie es mit der Finanzierung klappt. Viele Projekte, so heißt es derzeit in der Branche, würden aufs nächste Jahr verschoben. Doch sie ist optimistisch. Beim Film, sagt sie, bewegt man sich ständig zwischen Machbarkeit und Möglichkeit.

Es gibt manche Drehbücher, bei denen dauert es einfach länger, erklärt Christian Schwochow. Möglicherweise ist auch der Erwartungsdruck beim zweiten Film hoch, zumal seine eigenen Ansprüche nach dem Erfolg von Novemberkind gestiegen sind: »Ich weiß nicht, ob meine Fallhöhe jetzt eine andere ist, wenn der erste Film 180.000 Zuschauer hatte und der zweite vielleicht nur noch 30.000. Das sind Gesetze, die kann ich jetzt noch gar nicht überblicken.«

Den zweiten Film, sagt Maren Ade, geboren 1976, macht man in dem Bewusstsein, dass es um die Wurst geht. Sie hat sich dafür Zeit gelassen. Vier Jahre lang hat sie daran gearbeitet, allein zwei Jahre am Drehbuch. Ihre Ausdauer hat sich gelohnt: Alle Anderen gewann bei der diesjährigen Berlinale den Großen Preis der Jury; die Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr wurde mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Zudem erhielt der Film eine Reihe internationaler Preise. Alle Anderen war Ades erstes voll finanziertes Projekt. Das war auch dringend nötig, sagt sie, denn irgendwann müsse man einfach Geld verdienen. Der Film erzählt von einem jungen Paar, das in den Urlaub in die elterliche Ferienwohnung nach Sardinien fährt, wo es in der Beziehung zu brodeln beginnt. Der Film war nicht nur ein Festivalerfolg, er hat auch 187.000 Zuschauer in die Kinos gelockt. Extrem wichtig für die Finanzierung war, dass schon in der Drehbuchphase ein Verleih (Prokino) mit im Boot war, erklärt die Regisseurin. Die Förderer mochten das Drehbuch, und so kam die Finanzierung relativ schnell zustande. Klar, dass ihr Vorgängerfilm, Der Wald vor lauter Bäumen (2003), dabei eine Rolle gespielt hat. Insbesondere die Nominierung zum Deutschen Filmpreis. Trotzdem sieht Ade, die an der HFF in München studiert hat, es mit Skepsis, dass viele Filmstudenten mit ihrem Abschlussfilm bereits »die perfekte Visitenkarte« produzieren wollen. Ihr Ziel war das nicht. Sie wollte die Freiheit der Filmhochschule noch ein letztes Mal auskosten. »Ich glaube, den ersten Film zu machen, ist einfach leichter, und danach wird aussortiert.« Deswegen fiel es ihr beim zweiten Film auch schwerer, sich für einen Stoff zu entscheiden. Ein neues Filmprojekt hat sie vorerst nicht in Angriff genommen. Dazu, sagt sie, habe sie momentan weder das Bedürfnis noch die Energie. Sie braucht erst mal Abstand. Das hat sie auch beim letzten Film so gemacht. Maren Ade, die sehr gerne Drehbücher schreibt, ist überzeugt, dass sie noch mal die Chance bekommt, einen eigenen Stoff zu realisieren. Nach dem Erfolg von Alle Anderen spricht alles dafür.

Wie sie eigentlich leben, wie sie die Zeit zwischen einem und dem nächsten Filmprojekt überbrücken und wie sie eine wirtschaftliche Basis finden können – diese Fragen beschäftigen alle der hier zu Wort gekommenen Regisseure. Wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen, ist ein Thema für Ann-Kristin Reyels, denn Filme zu machen ist sehr zeitintensiv. Die meisten der Befragten arbeiten an mehreren Projekten parallel. Christian Schwochow sagt, dass er so seine Hoffnungen am besten streuen kann, für den Fall, dass sich eines der Projekte zerschlägt. Dazwischen dreht er Werbefilme, Imagefilme und Musikvideos – weil dies ihm ermöglicht, regelmäßig am Set zu stehen. Auch Matthias Luthardt weiß, dass er von Arthouse-Filmen allein nicht leben kann. Als sich abzeichnete, dass es länger dauern würde, bis er die Fördergelder für seinen nächsten Kinofilm haben wird, nahm er das Regieangebot zu einem Fernsehspielfilm an (»Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf«, 2008). Zugesagt hat er unter der Bedingung, dass er am Drehbuch mitarbeiten und sich von der Romanvorlage entfernen durfte. Ihm geht es vor allem darum, in regelmäßigen Abständen Filme machen zu können und dabei etwas zu finden, was zu ihm passt. Maren Ade hingegen hat ein anderes Standbein: Sie ist im zweiten Beruf Produzentin. Bevor sie ins Regiefach wechselte, studierte sie an der Münchener Filmhochschule Produktion und Medienwirtschaft. Mit Janine Jackowski gründete sie während des Studiums die Firma Komplizen Film, die ihre bisherigen Filme produziert hat. Aber auch Filme anderer Regisseure, darunter Hotel Very Welcome (2007) von Sonja Heiss. Demnächst werden sie Filme von Ulrich Köhler, Valeska Griesebach und wieder Sonja Heiss produzieren. Ade ist auch froh, dass sie ihre eigenen Filme mitproduzieren kann und eine Partnerin hat, mit der die Zusammenarbeit funktioniert. Denn das klassische Regisseur-Produzenten-Verhältnis liegt ihr nicht. Sie braucht Austausch und eine freundschaftliche Ebene, um arbeiten zu können, sagt sie. Außerdem sucht sie beim Filmemachen maximale Unabhängigkeit. »Mir ist wichtig, dass ich einen Überblick habe, weil ich finde, dass Entscheidungen der Produktion – wie man etwas macht und wofür man das Geld ausgibt – auch immer kreative Entscheidungen sind.« Ganz bei sich bleiben – das möchte Matthias Luthardt gerne, wenn er einen Film macht. Man muss sich davor schützen, sagt er, dass zu viele Leute in die Stoffentwicklung hineinreden und man das Gefühl für das verliert, was man eigentlich mal erzählen wollte. Doch in erster Linie, so bekräftigt er, macht sich Beharrlichkeit bezahlt, wenn man in diesem Metier weiterkommen will.


 


 


epd Film Abonnement



© epd Hinweis zum Urheberrecht