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Wir können Biopics! Nun also auch noch Romy Schneider: Künstlerbiografien sind so etwas wie die Literaturverfilmungen unserer Zeit geworden, wobei speziell die deutschen Biopics den Hang haben, die Idole konsensfähig zu verflachen Von Claudia Lenssen
Uns Deutschen sagt man ja nach, wir liebten unsere Stars nicht. Aber das sind Gerüchte aus einer anderen Zeit. Romy Schneider, Hildegard Knef und Marlene Dietrich sind vielleicht keine Lieblinge der Massen, dafür aber als Kulturgüter nobilitiert. Ihre Filme sind aus den Kinos verschwunden, doch ihr Ruhm schlägt sich in Fotos, Büchern, Ausstellungen und TV-Serien à la »Legenden«, »Idole« und »History« nieder. Dieses gut beackerte mediale Umfeld überzeugte in den letzten Jahren auch deutsche Filmförderer und Fernsehmacher: Marlene (Josef Vilsmeier, 2000), Hilde (Kai Wessel, 2009) und jetzt »Romy« (Torsten C. Fischer), zwei Kinofilme und ein Fernsehfilm, locken als Beweise: Wir können auch Biopics. Wir haben ja eigentlich so wenig international erfolgreiche Stars. Und Romy Schneider, Hildegard Knef und Marlene Dietrich lassen sich ohne argumentative Schwerarbeit in die große Erzählung über starke Frauen und ihre leidvolle Emanzipation einbinden, Konsens garantiert. Mit ihren anbiedernden Filmtiteln (lauter Vornamen!) bekunden die deutsche Biopics Nähe, anstatt durch entschiedene Erzählhaltungen zu glänzen und ihr Interesse an den Figuren und deren historischer Bedingtheit zur Diskussion zu stellen. Oberflächliche Fülle ersetzt das Gespür für die filmischen Mittel, um Geschichte zu interpretieren.
Dietrich, Knef und Schneider waren einmal Hassobjekte der jungen Bundesrepublik. In einem Klima bigotter Restauration und entfesselter Pressekampagnen wurden sie als fahnenflüchtig vor Hitler und Sissi-Land, frivol, undeutsch und nestbeschmutzerisch gebrandmarkt. Josef Vilsmeier glättete den Dissenz, indem er in Marlene einen Wehrmachtsoffizier als heimliche große Liebe der Dietrich hinzu erfand. Hilde galoppierte atemlos und einfallslos von Knefs Liaison mit einem Nazi-Filmfunktionär zu ihrer Ehe mit einem jüdisch-amerikanischen Filmoffizier. »Romy« hätte vielleicht durch die Konzentration auf das komplexe Thema der Ehe zwischen Romy Schneider und dem Theaterregisseur Harry Meyen, der ebenso traumatisiertes Nazi-Opfer wie patriarchalischer Tyrann war, an überzeugender Dichte gewonnen. Aber lieber verschenkt der Film seine Themen an ein Ornament unbegriffener Schlaglichter. Die deutschen Biopics stellen den Stolz aus, mondäne Milieus nachzubauen und auszustatten, gar eine nächtliche Paris-Tour in Champagnerlaune an Originalschauplätzen zu drehen. Immer neue Begegnungen in neuen Dekors und Kostümen, eilige Dialoge und Stimmungsumschwünge reihen sich, aufdringlich um Bedeutung bemüht. Ohne Kenntnis der biografischen Literatur zu Romy Schneider kann man beispielsweise dem Personenreigen in Torsten C. Fischers Film »Romy« kaum folgen. Die illustrierende Funktion des »Reenactment« historischer Szenen aus dem Doku-Fiction-Gewerbe hat das Regiment über die Dramaturgie übernommen. Vielleicht kaschiert die Reizüberflutung das unwohle Gefühl, mit Schauspielerinnen der Jetzt-Zeit nicht an den Glamour einstiger Stars heranzureichen. Katja Flint war als Marlene nie mondän, Heike Makatsch berührte eher mit ihrem Ehrgeiz, den plebejischen Broadwaystar Knef zu imitieren, Jessica Schwarz trifft vor lauter Ehrfurcht vor Romy Schneider weder den Ton rückhaltlosen Überschwangs und wienerisch-melodiöser Sprachlust noch die Aura fragiler Anmut, die Romy Schneider so einzigartig machte. »Romy« läuft am 11.11. um 20.15 in der ARD epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Dabei hat das internationale Arthouse- und Independent-Kino die Formensprache der Biopics inzwischen recht virtuos differenziert: Zuletzt sah man Experimentelles wie Todd Haynes’ Bob-Dylan-Biografie I’m Not There, Episches wie Stephen Soderberghs Che-Filme oder die zuspitzende Schlüsselerzählung eines Lebenswegs wie Anne Fontaines Chanel-Geschichte Coco – Der Beginn einer Leidenschaft. Doch der Blick ins Weltkino überfordert offenbar das Fantasiepotenzial deutscher Filmemacher. Torsten C. Fischers Fernsehspiel über Romy Schneiders Leben zeigt, kaum anders als Hilde, dass sechs Redakteure, acht koproduzierende Institutionen und fünf Fördergremien mit geballter Mainstream-Ambition der Meinung aufsitzen, eine verhaspelte Chronik ihres Lebenslaufs könne eine ernstzunehmende Hommage von eigener Aussagekraft hergeben. 