Von Rudolf Worschech
Im deutschen Kino führt der Krimi eher ein Schattendasein. Rainer Kaufmann hat in den neunziger Jahren, mehr oder weniger in Folge, drei gedreht, Die Apothekerin (1997), The Long Hello And Short Goodbye (1999) und Kalt ist der Abendhauch (1999/2000). Zuletzt war er mit der Martin-Walser-Verfilmung Ein fliehendes Pferd (2007) im Kino und bereitet gerade eine Folge »Bella Block« vor.
Die Apothekerin war durchaus ungewöhnlich für die damalige Filmlandschaft, böse und dennoch leicht. Wie kam die Verfilmung dieses Romans von Ingrid Noll zustande?
Ich hatte das große Glück, dass ich nach dem Erfolg von Stadtgespräch Dr. Günter Rohrbach kennengelernt habe. Er war damals mit Senator Film verbunden und gab mir »Die Apothekerin« zu lesen. Als wir anfingen, uns mit dem Roman zu beschäftigen, war uns noch nicht bewusst, was für eine Art von Film das werden würde. Ich finde den Film auch heute noch ungewöhnlich für den deutschen Kinomarkt. Eine schwarze Komödie. Es ist die Odyssee einer ikonenhaften Frau, die man nie so richtig kennenlernt. Wir haben damals viel intuitiv richtig gemacht, um den publikumswirksam zu machen. Katja Riemann war die perfekte Besetzung, sie ist eine begnadete Schauspielerin, und sie war nach Stadtgespräch am Anfang ihrer Karriere. Hinzu kam, dass Ingrid Noll eine feste Lesergemeinde besitzt, und das hat, zusammen mit dem Humor des Films, zu seinem Erfolg geführt.
Mochten Sie den Roman von Ingrid Noll?
Ich bin immer schon ein Fan von Claude Chabrol gewesen, weil er es schafft, gerade in seinen Krimis, der Gesellschaft, in der er lebt, ein Spiegelbild vorzuhalten. Und das habe ich in dem Roman von Ingrid Noll auch gesehen, wenn es auch kein klassisches Gesellschaftsstück ist – aber der Roman handelt doch von einer sehr deutschen Situation. Der spezielle Humor des Films war natürlich auch schon im Roman.Mutig war, dass der Produzent mit meiner Vision der filmischen Umsetzung des Romans einverstanden war, denn für eine solche schwarze Krimikomödie gab es bei uns kein Vorbild oder Beispiel.
Lesen Sie gerne Krimis?
Ich schaue lieber welche. Ich finde, es entspannt einen, weil die Leute im Krimi all die Dinge durchmachen, die man sich nicht traut selbst zu tun oder von denen man hofft, dass man sie nicht erleben muss, sie leben stellvertretend für einen das schlimme Leben. An der Apothekerin hat mich auch weniger der Krimi gereizt als die Frauenfigur.
Sie haben versucht, in dieser »schwarzen« Richtung weiterzumachen, mit The Long Hello And Short Goodbye.
Der entstand nach einem amerikanischen Drehbuch. Es sollte etwas Postmodernes werden. Ich wollte mit Krimielementen arbeiten und dennoch eine künstliche Welt, eine Filmwelt, schaffen. Die Figuren sind überzeichnet, er ist manchmal wie in Zeitlupe, hat einen schrägen Humor. Deshalb habe ich auch gesagt, es ist ein Neo-Noir-Film.
Wie erklären Sie sich, dass es heutzutage so wenig Krimis gibt?
Es gibt ja nur im Kino so wenige. Im Fernsehen laufen sie massenhaft. Wenn es so viele Kommissare gäbe wie im Fernsehen, dann wäre ja jeder fünfte Deutsche einer. Und da ist die Menge an Krimis für den deutschen Zuschauer einfach gedeckt.
Sie haben auch Krimis fürs Fernsehen gedreht, »Bella Block« zum Beispiel, wie sind da Ihre Erfahrungen?
Den Charakter von »Bella Bock« finde ich sehr besonders. Ich glaube, so etwas kann man auch nur im Fernsehen realisieren: eine Hauptfigur, die älter als fünfzig ist und dann auch noch ziemlich skurril – dafür würde man heutzutage sehr schwer einen Verleih finden. Das durchschnittliche Kinopublikum ist viel zu jung.
»Bella Block« ist ein festes Format. Welche Experimentier- und Spielmöglichkeiten hat man innerhalb dieses Formats?
Das Konzept ist ja, dass jeder Film mit eigener Handschrift für sich steht. Das Publikum macht das voll mit. Das würde bei anderen Serien nicht gehen. Damit hat man viel Gestaltungsfreiheit als Regisseur. Der neue »Bella Block«, an dem ich arbeite, wird in Schweden spielen.
Braucht man fürs Kino andere Geschichten als im Fernsehen?
Schwierige Frage. Ich habe jetzt für das Fernsehen eine Allgäu-Krimikomödie gemacht, »Erntedank«, nach einem Roman von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Der ist extrem gut angekommen, und ich denke, er würde auch im Kino funktionieren. Aber es ist schwierig geworden, einen Fernsehfilm ins Kino zu bringen, was an der immer geringeren Risikobereitschaft der Verleiher und auch des Publikums liegt. Als Filmemacher liebe ich das Kino, man hat mehr Zeit, mehr Genauigkeit und das Produkt mehr Aufmerksamkeit. Aber wenn man sich überlegt, warum die Leute sich Krimis lieber im Fernsehen anschauen, kann man auch boshaft sagen: vielleicht ist das Fernsehen zu gut.


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