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Wenn die Gitarre aus der Leinwand ragt Dreidimensionaler als die Wirklichkeit: Die Kinoindustrie setzt verstärkt auf 3-D und spricht von einem Wandel, den man mit dem Übergang von Schwarz-Weiß zum Farbfilm vergleichen könnte Von Helmut Merschmann
Wer sich früher zum Potsdamer Platz aufmachte, um im dortigen IMAX-Kino einen 3-D-Film zu sehen, gehörte entweder einer Schulklasse auf Berlinbesuch an oder erlaubte sich einen Spaß. Filme wie Matrix Revolutions oder New York 3D gönnte man sich hin und wieder, ähnlich wie den alljährlichen Besuch im Zoo. Geht es nach Hollywood, wird die dreidimensionale Seherfahrung künftig zum normalen Kinoerlebnis. Die amerikanische Filmindustrie investiert zurzeit Milliardenbeträge in die Etablierung des digitalen 3-D-Kinos. Zum geflügelten Wort ist bereits der Vergleich mit der Einführung des Ton- und Farbfilms von Dreamworks-Chef Jerry Katzenberg geworden. Ob die »Ankunft von 3-D den dritten Abschnitt eines revolutionären Wandels« tatsächlich einleitet, ist indes noch nicht ausgemacht. Mit Animationsfilmen wie Monsters vs. Aliens, Ice Age 3 und Bolt oder Spielfilmen wie Die Reise zum Mittelpunkt der Erde tritt Hollywood seinen 3-D-Feldzug an. Allein dieses Jahr sollen noch weitere sechzehn stereoskopische Filme in die Kinos gelangen. Über sechzig Produktionen befinden sich in Vorbereitung, darunter einige um die dritte Dimension erweiterte Remakes und Serials (Toy Story, Nightmare before Christmas, Shrek 4). Auch TV-Serien wie »Chuck« gibt es bereits in 3-D, und die entsprechenden Fernsehgeräte, stehen in amerikanischen Medienmärkten im Regal. Man sollte meinen, wenn sich Filmstudios, Produzenten, Fernsehsender, Verleiher und Kinoketten in konzertierter Aktion auf ein neues Format einigen, führt ein solcher technologischer Imperativ normalerweise zum Marktdurchbruch. Zumindest auf die USA mit 1.500 digitalen 3-D-Kinosälen scheint dies zuzutreffen. Hierzulande aber ist man vom angekündigten »Rollout«, einer flächendeckenden Einführung des neuen digitalen 3-D-Standards, noch weit entfernt. Zählt man die kürzlich vorgenommene Umrüstung von zwanzig Kinosälen der UCI-Kette mit, sind momentan gerade einmal rund hundert deutsche Kinos in der Lage, eines der vier neuen digitalen 3-D-Formate vorzuführen. Angesichts von 4.800 Leinwänden in Deutschland erscheint das gering. Ob daher die Hoffnung in Erfüllung geht, 3-D verhelfe dem digitalen Kino insgesamt zum Aufschwung, ist fraglich. Digitalprojektoren in Kinoqualität (mindestens 2048 x 1080 Pixel) kosten um 65.000 Euro, eine 3-D-Ausstattung mindestens 20.000 Euro zusätzlich. Und noch immer herrscht Uneinigkeit darüber, wer die Kosten tragen darf, ob Filmverleiher oder Kinobesitzer. Von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg (HFF) ist im Auftrag des Prime-Konsortiums – das ist ein Zusammenschluss technischer Dienstleister und 3-D-Entwickler (www.prime3d.de) – eine repräsentative Umfrage durchgeführt worden. Demzufolge hält sich das Zuschauerinteresse am 3-D-Kino in Deutschland in Grenzen. 53 Prozent der Befragten interessiert sich sehr für 3-D, der fast ebenso große Rest überhaupt nicht. Erwartungsgemäß ist die Zustimmung bei Jugendlichen unter 19 Jahren besonders hoch. 59 Prozent dieser Altersgruppe würden bis zu zwei Euro pro Kinobesuch mehr ausgeben. An diese junge Kinogängergeneration richtet sich die Offensive der Filmindustrie.
»3-D funktioniert erst jetzt richtig, weil es digital geworden ist«, verkündete Steve Schklair, Gründer der Filmproduktionsfirma 3ality Digital, auf dem InsightOut-Symposium an der HFF in Potsdam-Babelsberg. Dort waren Ende März Produzenten, Techniker, Visual Artists und Regisseure, die sich in ihrer Arbeit mit dem 3-D-Kino befassen, zusammengekommen. Schklair hatte 2007 einen Konzertfilm mit der Rockband U2 in Dolby Digital 3-D gedreht. Mehrere Konzerte in Lateinamerika wurden mit stereoskopischen Kamerasystemen gefilmt und anschließend bearbeitet. 3-D-Filme erfordern eine andere Dramaturgie. »Es entsteht eine neue Filmsprache, die wir gerade erst entwickeln«, sagt Schklair. Wichtig bei den Dreharbeiten ist beispielsweise, dass die Kameras alle einen bestimmten Fluchtpunkt fokussieren, damit beim Schnitt die Entfernungen zueinander passen und die Proportionen stimmen. Der Zuschauer soll vergessen, dass er eine Brille trägt Besonders der Disney-Film Bolt führt vor Augen, wie sorgsam im 3-D-Kino, das früher einfach nur effektlastig war, inzwischen gearbeitet wird. »Gimmicks ziehen den Zuschauer aus der 3-D-Erfahrung heraus«, sagte Robert Neumann, 3-D-Supervisor bei den Disney Studios, auf dem InsightOut-Symposium. Stattdessen sei es wichtig, Immersion zu erzeugen. Der Zuschauer soll in das narrative Kontinuum eintauchen, ohne sich ständig der Künstlichkeit des Dargestellten bewusst zu werden. Er soll sozusagen vergessen, dass er eine Brille trägt. So wie der klassische Mainstream-film darauf bedacht ist, seine formalen Mittel zu kaschieren, ordnet auch Bolt alle Effekte der Story unter. Ein sogenanntes Tiefenskript trägt dafür Sorge, dass sich die dreidimensionalen Effekte – egal, ob sie im Proszenium spielen oder im Postszenium– allein an der emotionalen Tiefe bemessen. Die räumliche Distanz soll der emotionalen Distanz entsprechen. Mit anderen Worten: Dem Zuschauer auf den Leib zu rücken, ist nur in aufwühlenden Momenten erlaubt. Dass dies einem Animationsfilm besser gelingt als einem Spielfilm wie Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, liegt vielleicht daran, dass Trickfilme der Künstlichkeit des 3-D-Kinos mehr entsprechen. Für die charmante Unwahrscheinlichkeit des Dargestellten, die sich ein Animationsfilm erlauben kann, stehen uns beim Spielfilm viel strengere Vergleichsparameter zur Verfügung. Zu den seltsamsten Erscheinungen des 3-D-Spielfilms zählt etwa, dass die Darsteller, selbst der hünenhafte Brandon Fraser, irgendwie geschrumpft erscheinen, als wären sie zu heiß gewaschen worden und um einige Größen eingelaufen. Vermutlich resultiert dieser Effekt daraus, dass wir die Körper in Relation zur Raumtiefe erfahren, sie gleichzeitig aber auch in ihrer Dreidimensionalität berechnen und zu einem »falschen« Ergebnis kommen. Fest steht: Ganz so einfach, wie sich die Filmindustrie den kinematografischen Paradigmenwechsel vorstellt, lassen sich kulturgeschichtlich geschulte Seherfahrungen nicht hintergehen. Das 3-D-Kino wirkt einfach dreidimensionaler als die Wirklichkeit. Mitnichten steht es unserer Realität ontologisch näher als der konventionelle Film. 3-D ist ein anderes semiotisches System, das jedoch gleichfalls auf Zeichen beruht, auch wenn diese den Zuschauer zu berühren scheinen. Möglicherweise wird der Kinogänger sich daran gewöhnen. Vielleicht aber auch nicht. Ein weiteres Ergebnis der HFF-Umfrage besagt, dass sich 73 Prozent der Befragten an der Brille auf dem Kopf stören. Sie vergessen zu machen, bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe für das Kino der Attraktionen.
Digitale 3-D-Filme sind gegenwärtig nur in etwa hundert deutschen Kinos zu sehen. Darunter: »Astor Filmlounge« Berlin (RealD), »Cinemagnum« Dresden (Doppelprojektion), »UCI Kinowelt« Hamburg Mundsburg (RealD), »Atelier-Kino im Savoy« Düsseldorf (Dolby Digital 3D), »Berger Kinos« Frankfurt (XpanD), »Gloria« Stuttgart (RealD), »Cinema« München (RealD) und »Cinecittá« Nürnberg (Imax 3D). epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Technisch tritt das digitale 3-D-Kino avanciert auf. Alle vier neuen Digitalverfahren lassen die Schwächen des analogen 3-D-Kinos – Kopfschmerzen und maue 3-D-Effekte – hinter sich. Vor allem der absolut ruhige Bildlauf einer digitalen Projektion begünstigt die stereoskopische Wirkung. Ob nun mittels Polarisation, einer silbern beschichteten Leinwand und Wegwerf-Polfilterbrillen wie beim Marktführer RealD. Ob durch teure, wiederverwendbare Interferenzfilterbrillen, die das auf eine normale Leinwand projizierte Doppelbild für jedes Auge aufsplitten, wie bei Dolby Digital 3-D. Ob durch batteriebetriebene Shutterbrillen, die sich per Infrarot mit dem Projektionssystem synchronisieren und abwechselnd Halbbilder für das linke und das rechte Auge zeigen, wie beim XpanD-Verfahren. Oder ob mit zwei Digitalprojektoren und Shutter-Brillen, wie beim neuen Digital IMAX 3-D – die räumliche Illusion ist bei allen Verfahren überzeugend.