von Anke Sterneborg
Auf dem Festival von Toronto sind die Reihen mit heimischen Filmen immer gut für überraschende Entdeckungen, allzu selten aber finden diese kleine Juwelen dann auch den Weg ins überfüllte europäische Kinoprogramm. Abhilfe schafft die von der Kinemathek Hamburg organisierte Reihe „Maple Movies“, die abseits international bekannter Regiegrößen wie Atom Egoyan oder David Cronenberg eine Auswahl kanadischer Filme vorstellt.
Wie nahezu alle Filmkulturen der Welt muss sich auch die kanadische gegen die US-amerikanische Übermacht zur Wehr setzen, eine Konkurrenz, die durch die unmittelbare Nachbarschaft noch verschärft wird. Die Waffen der kanadischen Filmemacher im Kampf gegen den übermächtigen Gegner sind Witz und Esprit, eine lockere Mischung aus stoischer Gelassenheit, zäher Entschlossenheit und subversiver Aufmüpfigkeit. Vordergründig mögen es die Helden der kanadischen Filme mit alltäglichen Problemen in merkwürdigen Familien, zerrütteten Ehen und skurrilen Dorfgemeinschaften zu tun haben, unterschwellig aber führen sie immer auch einen Guerillakrieg gegen die Unterhaltungspropagandamaschine der USA, gegen die überwältigenden Multimillionen-Dollar-Action-Blockbuster des Nachbarlandes.
Fremd im eigenen Leben
Und das tun sie auf ihre ganz eigene, schrullige Art, die David Cronenberg einmal als „sick and twisted“ bezeichnet hat, zum Beispiel in Bruce McDonalds frühem Werk Roadkill (1989), in dem der von Don McKellar gespielte Russell in Ermangelung anderer Berufsaussichten eine Karriere als Serienkiller anstrebt: „That’s more of an American tradition“, merkt er mit trockener Lakonie an, „but I’m going to change all that“, was einer durchaus vieldeutig angelegten Kampfansage gleichkommt. In Erik Canuels Polizeithriller Bon Cop, Bad Cop (2006) bekommen es die beiden Cops dann mit einem Serienmörder zu tun, der mit zielstrebig grausamer Finesse Rache nimmt an den skrupellosen Sportfunktionären, die einst ein Quebecer Team nach Amerika verkauft haben, wobei die Mordserie durchaus als ironische Variation auf David Finchers Sieben zu lesen ist: „Hey, was Ihr könnt, können wir schon lange!“ Gleichzeitig gehen die kanadischen Filmemacher aber auch mit einer gewitzten Energie ans Werk, die dem amerikanischen Ernst des Genres durchaus zuwider läuft.
„Sometimes I feel like an alien“, sagt der 25-jährige Mann in Stéphane Lapointes The Secret Life of Happy People (2006) stellvertretend für viele Helden kanadischer Filme, die darin durchaus den australischen Filmemachern verwandt sind. Sie genießen allerdings mit der geografischen Distanz von vornherein einen größeren Abstand und eine größere Freiheit. Die Fremdheit im eigenen Leben ist das allgegenwärtige Lebensgefühl kanadischer Helden, doch aus der absurden Zuspitzung dieses universellen Gefühls destillieren die Filme einen immer wieder geradezu märchenhaften Schimmer. Aus den Frustrationen des Alltags schlagen sie Funken und überziehen auch trostlose Orte mit einer verwunschenen Magie, zum Beispiel im Chaos der Festvorbereitungen an einem Tag im kleinen 4.200-Seelen-Dorf Wilby: Der Schauspieler, Autor und Regisseur Daniel MacIvor legt in Wilby Wonderful (2004) ein wucherndes Netz von Geschichten um dörfliche Intrigen, private Geschäftsinteressen und intime Affären aus, in das kleine und große Absurditäten mit lakonischer Beiläufigkeit eingewoben sind, wie der Plakatmaler Duck, der statt „Wonderful Wilby“ allen Ernstes „Wilby Wonderful“ aufs Transparent schreibt, oder der regelmäßig auftauchende Selbstmörder, der sich ebenso unverdrossen wie vergeblich an immer neuen Todesszenarien versucht, mit Steinen in der Jackentasche am Fluss, mit einem morschen Strick am Dachpfeiler, mit dem Kopf im Gasofen. Als ihm sein Vorhaben dann doch zu gelingen scheint, übersieht die ehrgeizige Maklerin (Sandra Oh) vor lauter Geschäftstüchtigkeit seinen mitten im Raum baumelnden Körper. Das Business will sie sich durch diese kleine Unannehmlichkeit nicht verderben lassen und stopft darum den leblosen Körper kurzerhand in den Raum unter der Treppe. Dabei mutet es an wie ein Wunder, dass bei der Fülle des involvierten Personals Raum bleibt für individuelle Charaktere und ihre widersprüchlichen Gefühle, dass niemals ein billiger Scherz auf ihre Kosten gemacht wird.
Zu den eigenwillig stoischen Helden dieser Filme gehört auch Ramona, die Angestellte einer Konzertagentur, die in McDonalds Roadkill die mysteriös verschollene Band „Children of Paradise“ aufspüren soll, ein Unterfangen, das nicht unerheblich erschwert wird durch die Tatsache, dass sie weder ein Auto noch einen Führerschein hat. Nicht nur ihrem Chef gegenüber ist sie machtlos, sondern auch gegenüber dem Taxifahrer, der sie eigentlich nur zum Bahnhof bringen sollte, sie aber kurzerhand für hunderte von Dollars 18 Stunden lang quer durch Kanada kutschiert. So beginnt eine bizarre Odyssee durch das weite, zugleich unwirtliche und magische Land, in dem sich noch allerlei andere merkwürdige und eigenwillige Gestalten tummeln.
Bruce McDonald hat im Laufe der Jahre eine besondere Art des Widerstandes kultiviert, eine ebenso experimentelle wie poetische Art, mit Bildern und Geschichten umzugehen. Während er 1989 in Roadkill die Oberflächen noch mit dem rauen Korn des Super-8-Materials an den Rand der Auflösung treibt, muss man den Titel seines neuesten Film durchaus wörtlich nehmen: In The Tracey Fragments (2007) zersprengt er die bewegte Geschichte der fünfzehnjährigen Tracey Berkowitz in eine explosive Flut von Splitscreenbildern, die in einer filmischen Annäherung an den Kubismus eine Situation gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven zeigen. Dabei erschöpft sich der Film nicht in selbstzweckhaft stilistischen Spielereien, sondern entwickelt einen delirierend hypnotischen Rhythmus und eine ergreifend melancholische Poesie, die dem zerrissenen Lebensgefühl seiner Heldin entspricht, die zwischen Angst, Unruhe, Verlorenheit und Sehnsucht schwankt. Gespielt wird diese Tracey von Ellen Page, die ihre besondere Mischung von mädchenhafter Unschuld und mysteriöser Durchtriebenheit schon in Hard Candy und X-Men ausgespielt hat, also längst auch vom amerikanischen Kino vereinnahmt ist, wie so viele Kanadier zuvor, von Norman Jewison bis James Cameron, von Mary Pickford bis Jim Carrey.
Spannungen und kreative Impulse
Kanada ist ein von kulturellen Widersprüchen zerrissenes Land, doch die sich daraus ergebenden Spannungen sind zugleich auch sein konstruktiv kreatives Potenzial, angefangen bei den zweisprachigen – französischen und englischen – Wurzeln bis hin zu den vielschichtigen Impulsen eingeborener Inuit und einer Fülle von Einwanderern, unter anderem aus Indien und China. Schon im Titel spielt der Polizeithriller Bon Cop, Bad Cop auf die Animositäten zwischen französischen und englischen Kanadiern an, die im weiteren Verlauf dieses widerspenstig amüsanten buddy movie ganz in der Tradition ungleicher Paarungen ebenso schlagfertig wie schlagkräftig ausgetragen werden. Das fängt schon mit einem Streit über die Zuständigkeit für eine Leiche an, die am Anfang des Films genau auf der Grenze zwischen Quebec und Ontario gefunden wird. Widerwillig müssen sich der raue französische Cop und sein distinguierter englischer Kollege miteinander arrangieren.
Wobei der Frankokanadier, wie so viele andere Helden dieser Reihe, einige Probleme damit hat, erwachsen zu werden: Auf weniger aggressive Weise geht es auch in Eve and the Fire Horse (2005) von Julia Kwan um die Unvereinbarkeit der Gegensätze: Die beiden Töchter chinesischer Einwanderer machen sich auf das neu entdeckte Christentum ihren eigenen, zugleich phantasievoll naiven und wortwörtlich fundamentalistischen Reim. Während der Vater den Einzug der Kruzifixe misstrauisch beäugt, entscheidet die Mutter pragmatisch, dass zwei Religionen im Haus allemal besser sind als eine, und in der Imagination der Mädchen tanzen Buddha und Jesus Hand in Hand durchs Zimmer. Wie so oft in den kanadischen Filmen treibt auch hier die Realität bizarre Blüten in einer wuchernden Fantasie.
In den neuen Filmen von Zacharias Kunuk und Catherine Martin sind die Spannungen zwischen Tradition und Moderne der Motor eines poetisch zurückhaltenden Erzählens. Während Kunuk nach seinem viel beachteten Debüt Atanarjuat in The Journals of Knud Rasmussen (2006) die einschneidende Begegnung zwischen den Inuit und dänischen Forschern rekapituliert, folgt Catherine Martin in L’Esprit des Lieux den Spuren eines Fotografen, der vor 35 Jahren die gefährdeten Reste ländlicher Tradition dokumentierte. Wenn die Landschaften im dunstigen Nebel verblassen, dann ist das ein schönes Bild für das Entschwinden von Erinnerungen, und wenn Martin die Zeitzeugen noch einmal vor denselben Motiven posieren lässt, dann gefrieren die bewegten Bilder zu Momentaufnahmen, die in späteren Jahrzehnten der Ausgangspunkt einer weiteren Recherche sein könnten. „If you see where you come from“, heißt es in Wilby Wonderful, „you can remember what you wanted“. Zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt es in den „Maple Movies“ allemal viel zu entdecken.
Maple Movies
3. Festival des kanadischen Films. Filme: Eve and the Fire Horse ( 2005, Julia Kwan), La vie secrète des gens heureux/The Secret Life of Happy People (2006, Stéphane Lapointe), Roadkill (1989, Bruce McDonald), The Tracey Fragments (2007, Bruce McDonald), Bon Cop, Bad Cop (2006, Erik Canuel). Monkey Warfare (2006, Reginald Harkema), La vraie nature de Bernadette (1972, Gilles Carle), The Rowdyman (1972, Peter Carter), Wilby Wonderful (2004, Daniel MacIvor).
Das Programm läuft bis 7.7. im Deutschen Filmmuseum Frankfurt, bis 22.7. im Metropolis-Kino Hamburg, bis 11.7. im Werkstattkino München und bis 26.7. im Arsenal Berlin. Weitere Stationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind geplant.


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