TOBIS
  Traumfabrik Indien

Das Bollywood-Kino ist erwachsener geworden

von Ralph Umard


  

Grell und bunt, melodramatisch und actionreich, mit poppigem Soundtrack und aufwendig choreografierten Tanznummern: Mit einer Melange aus verlässlichen Bestandteilen hat sich das kommerzielle indische Kino in den letzten Jahren einen festen Platz auch in Europa erobert. „Bollywood“-Filme, früher eher belächelt, kommen mittlerweile ganz regulär in die Kinos. Indien, im Oktober Gastland der Frankfurter Buchmesse, ist die produktivste Filmnation der Welt, mit einer Jahresproduktion von rund 900 Filmen, die seit den Dreißigerjahren vor den Toren der Hauptstadt Bombay ihre überlangen Epen produziert. Den Stand der Dinge im Mainstream zeichnet Ralph Umard, der sich mit dem Regisseur und Produzenten Yash Chopra unterhalten hat, und Helmut Merschmann besuchte die Dreharbeiten eines Bollywoodfilms.

Zerborstener Stahl, zerfetzte Menschen – am Ende wurden 183 Tote und mehr als 700 zum Teil schwer Verletzte gezählt nach den sieben Bombenanschlägen auf Züge in Bombay am 11. Juli dieses Jahres. Indien hat mit so vielen militanten Gruppen und terroristischen Zellen zu kämpfen wie kaum ein anderes Land. Sie beschäftigen nicht nur Heere von Geheimdienstlern, sondern inzwischen auch die Fantasie von Drehbuchautoren in Bombays „Bollywood“ genannter Filmindustrie.

Bekannt ist die Traumfabrik der Metropole, in deren Großraum rund 20 Millionen Menschen leben, für die Massenproduktion von eskapistischen Melodramen mit Gesangs- und Tanzeinlagen, die mit leuchtender Farbenpracht Frohsinn verbreiten. Wenn glückselige Liebespaare in extravaganten Kostümen vor abrupt wechselnden malerischen Schauplätzen rund um den Globus inbrünstig in der Sonne turteln, werden Träume und Sehnsüchte visualisiert – Schweben im siebten Himmel, entrückt von Zeit und Raum. Die Leinwand wird zur Augenweide, angesichts fast überirdisch schön erscheinender Stars wie Sushmita Sen, eine ehemalige Miss Universe, bei deren atemberaubendem Anblick attraktive Filmhelden wie Shah Rukh Khan Liebesschwüre stammelnd in die Knie gehen und Balzgesänge anstimmen (siehe Main Hoon Na – Ich bin immer für Dich da von Farah Khan). Kassenknüller wie Karan Johars Sometimes Happy, Sometimes Sad – In guten wie in schweren Tagen bieten eine Art „Regenbogen-Kino“, das Freud und Leid der Glamourösen und maharadschahaft Reichen dramatisiert, die im Privatjet oder Helikopter reisen und ihre Luxusautos wechseln wie andere Leute ihre Oberhemden.

Eskapismus pur
Mehr als anderswo dient Kino in Indien als Opium fürs Volk, zur Realitätsflucht in einem Land, in dem Millionen von Menschen in extremer Armut leben, in dem Jahr für Jahr Abertausende an Hunger oder durch Gewaltakte von Fanatikern sterben, in dem ein archaisches Kastensystem „mindergeborenen“ Menschen kaum den gesellschaftlichen Aufstieg erlaubt, in dem Nepotismus und Korruption für schreiende soziale Ungerechtigkeit sorgen. „Da brauchen die Leute etwas Erleichterung, einen Ort, an dem sie für zwei, drei Stunden ihre Probleme, ihre tägliche Mühsal vergessen können“, meint Yash Chopra, in Bollywood als „King of Romance“ bekannt. Der 1932 im punjabischen Jalandhar geborene Regisseur und Produzent zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Filmemachern Indiens. Er begann seine rund 50-jährige Kinokarriere als Regieassistent von I.S. Johar und von B.R. Chopra, seinem inzwischen verstorbenen älteren Bruder. 1959 kam sein Regiedebüt Dhool Ka Phool in die Kinos. „Wenn ich Leute für ein paar Stunden glücklich machen kann – nicht nur mit Komödie, auch mit Tragik, denn die berührt Menschen tiefer als Komödie und kann ihnen ein Gefühl, ein Verständnis für Menschlichkeit vermitteln –, dann, denke ich, habe ich meinen Job richtig gemacht.“

Eskapismus pur für das unterprivilegierte Publikum, das laut Chopra „an sozialkritischen Problemfilmen kaum interessiert ist, die spielen an der Kinokasse nicht viel ein“. Auch die strenge staatliche Zensur hat lange Zeit dafür gesorgt, dass sozial, politisch oder konfessionell brisante Inhalte im Mainstreamkino nicht explizit dramatisiert werden. „Die Zensurbehörde achtet darauf, ob ein Film politisch korrekt ist, ob es grauenhafte Gewaltdarstellungen oder obszöne Sexszenen gibt“, erklärt Chopra. „Küsse sind inzwischen erlaubt, wenn sie nicht auf obszöne Weise gezeigt werden.“ Aber auch explosive Themen wie Terrorismus können neuerdings im Kino behandelt werden.

Rang de Basanti – Die Farbe Safran (2006, Regie: Rakesh O. Mehra) beginnt bollywood-typisch: eine überdrehte College-komödie mit herumalbernden Studenten, die spaßeshalber beim Dreh eines Dokudramas mitspielen; es geht um eine Gruppe heroischer Freiheitskämpfer gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im zweiten Filmteil dann ein krasser Stimmungs- und Genrewechsel: Der Film wird zu einer frappierenden Actiontragödie, in der die Studenten ihre historischen Filmrollen verinnerlichen und Ernst machen. Als ein eng befreundeter Air-Force-Pilot durch die Schuld des korrupten Verteidigungsministers tödlich verunglückt und eine friedliche Demonstration zu Ehren des Toten blutig von der Polizei niedergeknüppelt wird, greifen die Studenten zur Waffe und erschießen den Minister in Delhi auf offener Straße. Erstaunlich, wie radikal dieser Film das politische System in Indien kritisiert, Mord als Mittel zum Kampf gegen das korrupte Regime propagiert und die Täter zu Helden hochstilisiert. Kaum denkbar, dass so etwas im deutschen Sprachraum möglich wäre.

Auch Main Hoon Na (2004) ist ein Genremix aus Collegekomödie und Terroristenkrimi, dazu gibt es noch ein herzzerreißendes Familienmelodram. Der Filmschurke ist ein hasserfüllter indischer Terroristenführer, der die friedenspolitische Annäherung zwischen Pakistan und Indien mit aller Gewalt zu sabotieren versucht – wie die Bombenanschläge vom 11. Juli, die vermutlich von Attentätern verübt wurden, die den Friedensprozess hintertreiben wollten. Bereits 1998 war der Terrorismus ein Thema in Dil Se – Von ganzem Herzen von Mani Ratnam, in dem sich Filmheld Shah Rukh Khan in eine Terroristin verliebt und sich am Ende mit ihr in die Luft sprengt – kein Happy End also, ganz untypisch für Bollywood und kassenmäßig ein Misserfolg.

Realistische Ansätze
Freilich gilt auch für diese politisch heiklen Produktionen ein viel zitiertes Motto von Billy Wilder: „Gebt mir keine Logik, gebt mir Gefühl.“ Bollywood trägt dem wie keine andere Kinematografie auf der Welt Rechnung. Es sind Filme mit hochgeputschter Emotionalität, unrealistischer Handlung, krassen Wechseln von Komik und Tragik; eine rationale Auseinandersetzung mit dem Thema Terrorismus bleibt aus. Weit ernsthafter wird es in Black Friday (2004) von Anurag Kashyap behandelt. Er beleuchtet gewissenhaft die Hintergründe für die mörderischen Attentate bei den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems 1993 in Bombay – auf so realitätsnahe, bemerkenswert gesellschaftskritische Art und Weise, dass der Film erst nach vielen Bedenken von der Zensur freigegeben wurde.

Naturalistisch in der Darstellung modernen urbanen Lebens in Delhi und regierungskritisch in der Aufarbeitung eines Tabuthemas ist auch Amu (2004) von Shonali Bose. Eine junge Inderin aus Los Angeles kehrt in die Heimat zurück, wo sie ihre familiären Wurzeln sucht. Dabei deckt sie Lügen und Geheimnisse auf im Zusammenhang mit dem Massaker 1984 an Sikhs, als mehrere Tausend Menschen vom Hindu-Mob gelyncht wurden, nachdem Indira Gandhi von zwei Sikh-Leibwächtern ermordet worden war.

Weniger dominant, aber doch offensichtlich werden unterschiedliche sozialkritische Motive in anderen zeitgenössischen Produktionen dargestellt: In Swades – Heimat (2004) wird die erschütternde Armut auf dem Lande gezeigt, in Water (2005), im letzten Monat in unseren Kinos gestartet (epd Film 9/06), entlarvt die Regisseurin Deepa Mehta angesehene Oberschichts-Brahmanen als dekadente sexuelle Wüstlinge voller Kastendünkel. Ein kritisches Jugendporträt zeichnet Mani Ratnam in Yuva (Youth, 2004) anhand drei junger Männer: ein politisch engagierter Student, ein politischer Gangster und ein Streber, der von Erfolg in der Liebe und Karriere träumt.

Bombay (offiziell: Mumbai) ist das Zentrum der Hindi-Filmproduktion, 2004 wurden von insgesamt 934 Filmen in ganz Indien 244 in dieser Sprache hergestellt. „Große Blockbuster-Produktionen werden für vier bis acht Millionen Dollar gemacht. Normale Produktionen kosten um die zwei Millionen“, sagt Yash Chopra. Die Masse der Produktionen in Indien hat ein viel geringeres Budget, billige B- und C-Pictures, die „für eine Handvoll Dollars“ gedreht werden und oft nur in Provinzkinos laufen. Der Besuch einer solchen Vorstellung ist für Zuschauer aus dem Westen ein unvergessliches Erlebnis: Das Publikum geht extrem lautstark, wild gestikulierend und immer wieder aufspringend bei den Vorstellungen mit; bei Schlägereien auf der Leinwand muss man achtgeben, dass man nicht von schattenboxenden Sitznachbarn im Parkett getroffen wird. Kino ist für viele arme Inder die einzige Möglichkeit zum kollektiven Rauscherlebnis, wo sie brüllen, feiern und leiden wie die Fans bei uns auf dem Fußballplatz.

Auch die sexuelle Schaulust wird bedient. In einem Land, in dem Pornohefte oder nackte Liebesspiele auf der Leinwand verboten sind, wirken die sexy kostümierten, aufreizenden Tänzerinnen in den Musicalsequenzen der Bollywood-Melodramen hocherotisch. Zuweilen werden vom Zensor beanstandete, geschnittene Sexszenen für den Verleih in der Provinz einfach heimlich wieder eingeklebt, manchmal fügt man sogar „heiße“ Szenen aus ganz anderen Produktionen ein, um das Filmerlebnis pikanter zu gestalten.

„Bis vor einigen Jahren wurden viele Spielfilme von Gangstern finanziert, sie wollten Geld verdienen oder Geld waschen“, berichtet Chopra. „Aber seit vier oder fünf Jahren fließen keine Gelder mehr aus der Unterwelt in die Filmproduktion. Denn die Polizei hat scharf durchgegriffen. Wenn man Kontakte zur Unterwelt hatte, bekam man Ärger. Außerdem kommt man heute leichter an Geld für Filmproduktionen, von Banken oder anderen Quellen, seit die Filmindustrie durch die Regierung offiziell als Wirtschaftszweig anerkannt wurde.“ Diese Regelung vereinfacht nicht nur panasiatische Koproduktionen, sondern auch die Bildung von Joint Ventures wie den gemeinsamen Finanzierungs- und Koproduktions-Vertrag, den die Hyde Park Entertainment Group des Hollywood-Produzenten Ashok Amritraj im Juni dieses Jahres mit der Filmfirma Adlabs in Bombay schloss.

Auch in Indien kämpfen die Kinomacher mit sinkenden Zuschauerzahlen und Videoraubkopierern, dabei sind Eintrittskarten vergleichsweise preiswert und kosten im Schnitt 20 Cent, in modernen Großstadtkinos deutlich mehr. Der Bau von Multiplexkinos bietet auch unabhängigen Filmemachern, die künstlerische Ausdrucksformen jenseits des Bollywoodmainstreams ausprobieren, mehr Abspielmöglichkeiten. Noch immer werden in Indien rund 70 Prozent aller Kinotickets in der asien-pazifischen Region abgesetzt, die Gesamteinnahmen aus Kartenverkauf, Videokopien und Fernsehverwertung belaufen sich auf mehr als 1,5 Milliarden Dollar jährlich.

Märkte jenseits von Indien
Viel Geld fließt auch aus dem Ausland auf die Konten erfolgreicher Produzenten wie Yash Chopra. „Vor ungefähr zwölf Jahren begannen wir, uns intensiver um unsere Diaspora zu kümmern. Wir wollten Filme machen, die auch unsere im Ausland lebenden Landsleute ansprechen. Dazu mussten wir den Look der Filme für sie attraktiver gestalten, glanzvoller, mit schicken Kostümen, wir mussten ihrem Musikgeschmack, ihren Vorstellungen von Schönheit entgegenkommen und alles mit unseren Traditionen und unserer Kultur verbinden. Vorher war der Markt für indische Filme beschränkt, auch wegen der Sprachbarriere. Also beschlossen wir vor zwölf Jahren, unsere Filme mit englischen Untertiteln zu versehen. Das führte dazu, dass indische Jungs oder Mädchen in Übersee auch ihre ausländischen Freunde dort ins Kino mitnahmen, um indische Filme mit englischen Untertiteln zu sehen. So fanden Amerikaner oder Europäer allmählich Geschmack an indischen Filmen und spürten ihre emotionale Kraft. Wir begannen, auch thematisch auf Befindlichkeiten oder Vorlieben von Familien in Übersee einzugehen. Das kommerzielle Potenzial in Übersee ist sehr groß, die Deviseneinnahmen sind hoch, jeder Dollar bringt umgerechnet 54 Rupien in Indien, das ist unglaublich viel!“

Weil man Filme in Bollywood längst nicht mehr nur mit Blick auf das Geschäft in der Heimat, sondern auf den Weltmarkt produziert, werden verstärkt Motive und Ästhetik der westlichen Popkultur genutzt, ebenso ausländische Schauspieler und Fachleute. Die Regisseure kombinieren fernöstliche Folkloreballette mit Diskotänzen oder Musiknummern in MTV-Manier. Die brandneue Blockbuster-Produktion Krrish (2006) verbindet Handlungsklischees und Charakteristika von Superhelden des Bollywoodkinos wie Mr. India oder Shaktimaan mit allen möglichen Elementen und Computertrickeffekten aus den heutigen Hollywood-Superheldenspektakeln. Die Kampfkunst-Choreografie besorgte Meister Ching Siu-Tung aus Hongkong, der mit wire work, mit im Film unsichtbaren Drahtseilen, schon den Helden in Zhang Yimous Hero auf die Sprünge geholfen hatte. Der legendäre US-Stuntspezialist Vic Armstrong wurde von Regisseur Farhan Akhtar für seine aktuelle Produktion Don engagiert.

Auch vor der Kamera wirken Gastarbeiter in Indien mit. Alice Patten beispielsweise, die Tochter des ehemaligen britischen Gouverneurs von Hongkong, spielt eine Hauptrolle in Rang de Basanti. Toby Stephens, bekannt als Filmschurke im Bond-Krimi Stirb an einem anderen Tag, trat in Mangal Pandey: The Rising (2005) gegen den indischen Kinostar Aamir Khan an.

Die Gestik und Mimik indischer Filmstars ist in den Big-Budget-Movies nicht mehr so outriert wie früher, weil derart übertriebenes Grimassieren nicht nur auf in England oder Amerika lebende Inder lächerlich wirkt, sondern auch auf Mittelschichtsbürger in Indien selbst, die einen westlich orientierten Lebensstil pflegen, einen indo-englischen Dialekt sprechen und von der Masse der Mittellosen im Land völlig entfremdet sind. Sie sind ein Zielpublikum für die kürzlich fertiggestellte Luxusproduktion Kabhi Alvida Naa Kehna von Karan Johar, der indische Superstars wie Shah Rukh Khan, Amitabh Bachchan und Preity Zinta in der Kapitalistenhochburg New York singen und tanzen lässt.

Kulturelles Crossover
Wie sieht es nun mit dem Kinokulturtransfer von Ost nach West aus? Der Leinwand-Starexport nach Amerika ist unterentwickelt, selbst Indiens Top-Idol Shah Rukh Khan ist in Hollywood noch nicht gefragt. Immerhin wurde die bildschöne Bollywood-Diva Aishwarya Rai engagiert: Sie tritt mit Michael Douglas in Racing the Monsoon und mit Colin Firth in The Last Legion auf. Besser läuft das Exportgeschäft mit Bollywood-Filmen, die bekanntlich trendy sind in europäischen Ländern und den USA. In Deutschland wird seit dem 10. August sogar ein Fan-Magazin mit dem Titel „Bollywood“ vertrieben. Es soll vierteljährlich publiziert werden, von der Firma REM, die sich hierzulande bei der Distribution von Bollywood-Filmen verdient gemacht hat.

Die Popularität indischer Filme beim Publikum im Westen hängt nicht bloß mit der exotischen Reizwirkung oder der allgemeinen Globalisierung des Kulturlebens zusammen. In einer Zeit, in der aus Hollywood kaum noch genuine Inspirationen oder originelle Ideen kommen und stattdessen bekannte Erfolgsformeln recycelt und Remakes fabriziert werden, wirkt das Kino aus Fernost in den Augen von Zuschauern im Westen kreativer, frischer, weniger zynisch. Es stillt den Hunger nach neuen Seherlebnissen, ansprechend auf das MTV-geeichte Publikum wirken besonders die Musiknummern. Wie man weiß, spricht Musik das Gefühlsempfinden der Menschen direkter an als Worte, ohne Rationalisisierung. Die Gesangs- und Revueszenen in den Musical-Melodramen aus Bollywood sind mehr als melodiöse Interludien zum Aufatmen. Sie sind integrale erzählerische Elemente, charakterisieren die Figuren, ihre Gefühle oder Hoffnungen.

Bei einem typischen Soundtrack folgen auf Gesangsnummern, die die Glückseligkeit der Protagonisten vor der Krise ausdrücken, Lieder während der Problembewältigung zum emotionalen Aufruhr und schließlich Songs, die das Happy End zelebrieren.

Nachdem Bollywood jahrzehntelang Vorbilder aus Hollywood nachgeahmt hat, nutzen Filmemacher in Amerika zunehmend den indischen Filmfundus. Nicht nur indische Emigranten wie die Wahlkanadierin Deepa Metha, die in Bollywood Hollywood (2002) Figuren- und Handlungsklischees des Hindi-Kinos parodiert – mittels entlarvender Untertitel oder Verhaltensweisen, die in Hollywood gängig, in Bollywood aber verpönt sind: explizite Zungenküsse, transvestierende Domestiken und eine emanzipierte Prostituierte, die sich zielstrebig einen Millionär angelt und sogar die konservative Schwiegermutter betört.

Auch Filmemacher aus dem Westen versuchen, ihre Produkte durch Legierung von Kinoelementen aus Asien und Amerika zu versilbern – siehe Moulin Rouge von Baz Luhrmann, oder Der Super-Guru von Daisy von Scherler Mayer. Lars von Trier hat seine Musicalszene auf dem Zug für Dancer in the Dark bei Dil Se abgeguckt. Und Komponist Andrew Lloyd Webber arbeitete bei seiner Bühnenproduktion „Bombay Dreams“ mit Allah Rakha Rahman zusammen, dem gefeierten indischen Filmkomponisten.

Am 28. April 2006 wurde zum ersten Mal seit dem Bürgerkrieg 1965 ein Film aus Indien in Pakistan gestartet, auf 20 Leinwänden: Der historische Kostümfilm Taj Mahal – An Eternal Love Story, über den Großmogul Shah Jahan, der zur Erinnerung an seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal das schönste Mausoleum der Welt bauen ließ. Vorher waren Vorführungen von indischen Produktionen in Pakistan verboten. Auch Veer Zaara (2004) von Yash Chopra, ein Melodram, das die Aussöhnung zwischen Indien und Pakistan propagiert und von der grenzüberwindenden Liebe eines indischen Luftwaffenoffiziers zu einer pakistanischen Politikertochter handelt, erhielt keine Spiellizenz in Pakistan und war dort nur illegal als Videokopie auf dem Schwarzmarkt erhältlich.

Im indischen Kino wurde Pakistan üblicherweise als Schurkenstaat diffamiert, bewohnt von fanatischen Bösewichtern. „Da wurde im indischen Kino gegen Pakistan agitiert, auf Pakistan eingeprügelt: Krieg, Terrorismus, Gewalt“, erläutert Chopra. „Es gibt derzeit einen generellen Trend in Pakistan und Indien: Beide versuchen, sich politisch näherzukommen. Ich glaube nicht, dass es zu einer Wiedervereinigung kommt. Aber es wäre schon großartig, wenn es Reisefreiheit zwischen beiden Ländern gäbe, unbeschränkte Wirtschaftsbeziehungen und freien kulturellen Austausch.“

Immerhin wurde die militärisch hochgesicherte Grenze zwischen der indischen Krisenprovinz Kaschmir und Pakistan für eine Linienbusverbindung geöffnet. Und heute ist die Aussöhnungspolitik sogar im Bollywood-Kino ein Thema, in ganz unterschiedlicher Gestaltung, wie in Veer Zaara und Main Hoon Na. Doch durch die Bombenattentate am 11. Juli in Bombay wird die diplomatische Annäherung der traditionell verfeindeten Staaten jetzt wieder gefährdet.

Weitere Texte:

Eine Reise in indische Filmstudios

Jenseits von Bollywood: Indiens Independent


 

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