| |
»Ich bin ein Besucher in der Welt des Films«

Interview mit Ian McKellen über das Kino, das Internet und die Rechte der Mutanten
von Gerhard Midding
 |
|
Er war Gandalf im Herrn der Ringe und kehrt jetzt als Superschurke Magneto mit der neuen »X-Men«-Verfilmung auf die Leinwand zurück. Zählt man die Zuschauer der beiden SErien zusammen und addiert noch die des Thrillers Sakrileg hinzu - Dann ist Ian McKellen wahrscheinlich der Meistgesehene Schauspieler der letzten zehn Jahre. Das war nicht immer so: Früher wurde Sir Ian vor allem mit dem klassischen Theater und ambitionierten Autorenfilmen in Verbindung gebracht. Gerhard Midding hat den Darsteller vor dem Start von X-Men: Der letzte Widerstand in London interviewt.
Wir sollen über einen Film sprechen, den wir beide noch nicht kennen. Wie fangen wir das am besten an? +++ Ich glaube, keiner hat X-Men 3 bislang ganz gesehen. Ich kenne immerhin einige Szenen, denn Anfang der Woche musste ich ein paar Stellen nachsynchronisieren, weil die Dialoge nachträglich umgeschrieben wurden. Das passiert heutzutage häufig bei diesen logistisch komplizierten Blockbustern, weil ein ungeheurer Druck auf den Regisseuren lastet und die Studios in jeder Phase mitreden wollen. Aber die besagten Szenen sehen sehr aufregend aus. Und das Publikum geht beim Trailer ganz begeistert mit.
Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Ihre Figur in letzter Minute womöglich noch verändert wird? Welche Kontrolle haben Sie da noch über deren Gestaltung? +++ Was soll man dagegen machen? Das Kino ist ein Medium der Regisseure, das ist uns doch allen klar … Im Gegensatz zum Theater, wo ein Schauspieler mehr Geltung besitzt. Das ist gewiss auch der Grund dafür, weshalb so viele Schauspieler Regie führen wollen. Mir bedeutet das nicht so sehr viel. Ich bin ein Besucher in dieser Welt, ich freue mich, gelegentlich durch die Tür ins Kino hineinschlüpfen zu dürfen.
Hat sich die Figur Magneto für Sie im Laufe der Arbeit verändert? Gehen Sie anders an sie heran? +++ Nein. Den Comic gibt es seit 30 Jahren. Da gibt’s also nicht viel Neues über die Figuren zu sagen. Sie verändern, entwickeln sich nicht. Ihr Drama wiederholt sich immer von Neuem; das ist das Wesen von Comic Strips. Ihre Lebensanschauung hat sich nicht geändert. Es herrscht immer noch der gleiche Kampf zwischen Magneto, der davon überzeugt ist, dass Mutanten der Menschheit überlegen sind, und Professor X, der die Ansicht vertritt, dass sie integriert werden sollten. Im neuen Film gibt es nun ein „Heilmittel“, das man injiziert bekommt, so dass man fortan kein Mutant mehr ist. Magneto findet das abscheulich – das ist so, als würde man einem Schwulen sagen: „Hier ist ein Mittel gegen deine sexuelle Ausrichtung.“ Oder einem Farbigen: „Hier, das hilft gegen deine Hautfarbe.“
Eigentlich erschien das Mutanten-Sein in den Filmen, bei aller Ambivalenz, immer auch als eine Gabe, ein Talent. +++ So ist es. Darin besteht der Konflikt des dritten Teils. Eigentlich gilt das für alle Filme und für die Comics ebenso.
Der Titel deutet darauf hin, dass dies der letzte Teil einer Trilogie ist. Andererseits sah ich in Ihrer Filmografie einen Film namens Magneto, der für das nächste Jahr angekündigt ist. +++ Das höre ich zum ersten Mal. Das wird wohl ein Spin-off. Vielleicht wird darin die Vorgeschichte meiner Figur erzählt, mit einem jüngeren Darsteller in der Rolle.
War die Figur in Ihrer Vorstellung von Anfang an Magneto oder doch eher sein jugendliches Ich, der jugendliche KZ-Überlebende Eric Lensherr? +++ (Lacht) Da muss ich etwas überlegen. Ich denke Magneto, denn das ist seine angenommene Identität. Für ihn ist es das Wichtigste, dass er diese außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt und einsetzen kann. Er möchte sicher vergessen, dass er als Eric Lensherr geboren wurde. Ich definiere ihn so, weil es meine Figur auch tut. Sie konstituiert sich in ihren Kräften, im Umgang mit dem, was Sie eben Talent genannt haben. Viele Leute halten Magneto für einen Schurken. Er begeht tatsächlich verbrecherische Akte. Er führt Krieg gegen die Menschheit. Aber nicht, um die Welt zu unterwerfen, sondern aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber seiner „Rasse“.
War das Thema der Toleranz für Sie ein Grund, einen solchen Genrefilm zu machen? +++ Bryan Singer, der die ersten beiden Teile inszeniert hat und mit dem ich schon bei Der Musterschüler zusammengearbeitet habe, ist ebenso wie ich schwul. Er sagte mir vor Beginn des ersten Teils: „Darum geht es eigentlich: Wie man sich als Schwuler in einer Gesellschaft fühlt, die einen nicht mag, weil man anders ist. Trittst du für deine besonderen Eigenschaften ein oder nicht?“ Das ist das konstante Dilemma. Im zweiten Teil gibt es ja eine Szene, in der ein junger Mutant seinen Eltern eröffnet, dass er ein Mutant ist. Die Szene ist wie ein Coming-out inszeniert. Seine Mutter fragt ihn: „Hast du schon immer gewusst, dass du ein Mutant bist?“ Das ist eine ebenso dumme Frage wie: „Hast du schon immer gewusst, ob du schwul oder heterosexuell bist?“ Man ist es einfach.
Die Leute von Marvel Comics haben mir bestätigt, dass „X-Men“ ihr Lieblingstitel ist – viel mehr noch als „Spider-Man“ oder „Hulk“, die ja stets die gleiche Geschichte erzählen, nämlich, wie sich ein Versager in einen Superhelden verwandelt. Da geht es nicht einfach nur um Fantasy und Eskapismus. Das Dilemma der Figuren hat viel mit der menschlichen Natur zu tun. Und mit dem politischen Klima. Marvel hat demoskopische Untersuchungen in Auftrag gegeben, um herauszufinden, worin hauptsächlich die Leserschaft der Comics besteht. Es sind junge Schwarze, junge Juden und junge Schwule. Dieser Aspekt gefällt mir, denn die Comics scheinen ihnen etwas Wichtiges über ihre eigene Welt, ihr eigenes Leben zu erzählen.
Was hat sich durch den Wechsel der Regisseure geändert? +++ Nicht viel. Es wird die Fans gewiss beruhigen, dass wir dem Stil der ersten Teile treu geblieben sind. Es gibt keinen Bruch, der Look des Films ist gleich geblieben. Brett Ratner hat sich stets auf Bryan Singers Arbeit bezogen, er bewundert die Kameraarbeit in den ersten beiden Folgen. Aber ich denke, man merkt schon, dass er einen anderen Stil hat. Weil er eine andere Persönlichkeit besitzt.
Magneto ist, ebenso wie Gandalf aus Herr der Ringe, eine Ikone der Popkultur. Haben sich die Erwartungen an die Arbeit eines Schauspielers eigentlich gewandelt in Zeiten, wo eine große Fangemeinschaft im Internet ihre Ansprüche formulieren kann? +++ Sie haben Recht, das ist ein neues Phänomen. Als wir Herr der Ringe vorbereiteten, gab es eine lange Debatte unter den Filmemachern, ob und wie man das Internet für das Marketing nutzt. Das Studio war sehr misstrauisch; denen wäre es am liebsten gewesen, wir hätten überhaupt nicht mit dem Publikum im Internet kommuniziert. Peter Jackson und ich waren da ganz anderer Ansicht. Schließlich tummelten sich in den Chatrooms und auf den einschlägigen Seiten Millionen von Leuten, die neugierig auf den Film waren. Die standen doch auf unserer Seite und wollten, dass unser Film gemacht wird. Die durfte man nicht vor den Kopf stoßen. Wenn man ihre Fragen beantwortet, liefert man noch einen viel größeren Anreiz, den fertigen Film zu sehen.
Als Theaterschauspieler liebe ich den Kontakt zum Publikum. Das ist einer der Gründe, weshalb ich diesen Beruf gewählt habe. Wenn ich auf die Bühne komme, und die Stühle sind leer, ist meine Arbeit sinnlos. Filmschauspieler vergessen manchmal, dass es Zuschauer gibt, die man ein bisschen beschnüffeln sollte: Wie alt sind sie, woher stammen sie, womit können sie sich identifizieren? Das Internet war für mich so, als würde ich vor der Vorstellung durch den Vorhang schauen. Peter und ich fanden den Enthusiasmus, mit dem das Projekt von Anfang an im Netz begleitet wurde, wirklich ermutigend. Die Leute bei New Line verstanden das nicht. Deren PR-Abteilung fürchtete bestimmt, überflüssig zu werden. Ich war einer der ersten Schauspieler, die auf ihrer Seite einen Weblog führten. Die Resonanz war wirklich erstaunlich. Das war zeitweilig eine der drei meistbesuchten Seiten weltweit! Millionen von Leuten haben sie täglich angeklickt, um herauszufinden, was bei unserem Dreh in Neuseeland passierte. Einmal rief mich einer von der Studioleitung an und beschwerte sich, ich hätte das Ende des Films verraten. Ich erwiderte, die Vorlage gehöre zu den populärsten Büchern der letzten fünf Jahrzehnte. Wie könnte ich da noch etwas verraten?
Dennoch: Wie gehen Sie damit um, wenn die Fans ein genau konturiertes Bild haben von einer solchen Figur? +++ Wir drehen den Film, nicht sie. Wir sind keine Politiker, die nie eine eigene Position beziehen, um wiedergewählt zu werden. Wir haben Gandalf nicht auf eine mögliche Zielgruppe hin angelegt. Aber das Publikum hat unseren Gandalf völlig akzeptiert. Viele hatten sich ihn genau so vorgestellt, obwohl er überhaupt nicht Tolkiens Beschreibung entspricht, sondern vielmehr den Buchillustrationen, mit denen die Leser seit Generationen vertraut sind. In Tolkiens Prosa sind seine Augenbrauen länger als seine Hutkrempe. Das ist ein schönes Bild, aber im Kino kann man das nicht machen, da lachen einen die Zuschauer aus. Und schauen Sie sich Magneto in den Comics an: Er ist so groß wie das Sofa, auf dem Sie sitzen. Er wird immer in Untersicht gezeigt, mit anschwellenden Muskeln. Das entspricht nun überhaupt nicht meiner Erscheinung. Ich habe versucht, ihn auf menschliche Proportionen zurückzubringen. Kein Comic-Leser hat sich je beschwert, im Gegenteil. Als ich mir das letzte Heft geholt habe, fiel mir auf, dass Magneto mir immer ähnlicher wird. Er wird schlanker, menschlicher. Wenn man im Kino etwas mit Überzeugung macht und zugleich versucht, den Geist der Vorlage zu übertragen, dann weiß das Publikum das zu würdigen.
In Ihrer Filmografie haben Sie eine ganze Galerie von Schurken angelegt. Ich frage mich, was Schauspieler allgemein am Bösen fasziniert. In der klassischen Philosophie steht es für einen Mangel an Sein, an Wesenhaftigkeit. Ist es verführerisch, diese Leere zu füllen? +++ Man müsste vielleicht eher die Autoren fragen, warum sie diese Rollen interessanter schreiben. Ich glaube, Schauspieler bevorzugen Bösewichte, sie merken, das ist die bessere Rolle. Man erscheint nicht als erster Name im Vorspann, aber man hat den besseren Part. Die Guten sind meist langweilig. Das gilt ebenso für die Bühne. Gibt es in der Literatur einen Charakter, der üblere, destruktivere Motive hat als Othellos Gegenspieler Jago? Vielen Schauspielern fällt allerdings ein wichtiger Aspekt nicht auf: Er erklärt dem Publikum ständig, weshalb er sich so verhält. Er hat seine Gründe. Und wenn Sie sich als Schauspieler auf diese Gründe einlassen, dann entwickelt der Zuschauer nicht unbedingt Sympathie, aber Verständnis. Das ist ein viel reizvollerer Prozess, als zu erklären, weshalb jemand gut ist. Ich habe mich auf der Bühne und im Film eingehend mit Richard III. auseinander gesetzt. Ich denke nicht, dass er nur ein böser Charakter ist. Ich habe ihn als jemanden gespielt, der Ehrgeiz und Willensstärke verkörpert. Hinter seiner Böswilligkeit hat Shakespeare eine psychologische Wahrheit verborgen. Er wurde stets von allen abgelehnt, angefangen bei seiner Mutter. Natürlich übt er Vergeltung für den Spott, der ihn wegen seiner körperlichen Entstellung stets traf.
Widerspricht Gandalf nicht dieser Theorie? +++ Aber er ist eines der ganz wenigen Beispiele, nicht wahr?
Vielleicht, weil er ein Zauberer ist – und damit eine Vaterfigur wie Shakespeares Prospero? +++ Einerseits deshalb. Aber er hat auch seine eigenen Ängste. Das Leben war nicht leicht für ihn. Er lebt auch schon beklagenswert lang, viel zu lange. Er macht Fehler, er ist ein Zauberer auf menschlichem Maß. Das widerspricht allem, was ich zuvor gesagt habe. Aber es stimmt.
Ian McKellen ist aktuell in zwei Filmen zu sehen: The Da Vinci Code – Sakrileg, gestartet am 18.5., Kritik auf S. 32 und X-Men: Der letzte Widerstand, Start am 25.5., Kritik auf S. 46. McKellens Website: http://www.mckellen.com/
Biografisches
Für die Briten ist Ian McKellen längst der legitime Erbe von Laurence Olivier. Dem internationalen Publikum wurde sein Name Mitte der neunziger Jahre ein Begriff – mit der Hauptrolle in Richard Loncraines Richard III, einer modernisierender Adaption von Shakespeares Drama. Der 1939 in Nordengland geborene McKellen zeigte schon früh eine Passion für die Bühne und widmete sich nach einem Literaturstudium Anfang der sechziger Jahre ernsthaft einer Karriere als Schauspieler, wobei das Theater – mit großen Shakespeare-Parts und der Rolle des Salieri in der Original-Broadway-Produktion von „Amadeus“ – seine größte Liebe geblieben ist. 1988 machte McKellen von sich reden, als er sich während einer TV-Diskussion um eine offen homophobe Gesetzesinitiative der Thatcher-Regierung outete; seit damals ist er im Gay Rights Movement aktiv. Margaret Thatcher scheint nicht beleidigt gewesen zu sein: Sie schlug McKellen, wie er in einem Interview sagte, schließlich für den Adelstitel vor. Den bekam er auch. Der Oscar dagegen ging an ihm vorbei: McKellen war für die intensive Darstellung des unglücklichen Regisseurs James Whale in Bill Condons Drama Gods and Monsters von 1998 nominiert worden. Von eher kleinen Filmen wie Gods and Monsters, Bent (Sean Mathias, 1997) oder Der Musterschüler (Bryan Singer, 1998) führt der Weg von Sir Ian, der seit den Sechzigern in London lebt, immer öfter zum ganz großen Publikum: sei es in einer Fernsehserie wie „Coronation Street“ oder in Blockbustern wie Der Herr der Ringe, X-Men und Sakrileg.



epd Film Abonnement
© epd Hinweis zum Urheberrecht
|
|