Einer wartet immer

Die tragische Liebe zweier Cowboys in Ang Lees »Brokeback Mountain«

von Elisabeth Bronfen

Brokeback Mountain ist der Gewinner des amerikanischen Filmjahrs: überhäuft mit Festival- und Kritikerpreisen, mit acht Nominierungen der Spitzenkandidat für die Oscar-Verleihung am 5. März. Ein überraschender Siegeszug, denn das Drehbuch – nach einer Short Story der mit „Schiffsmeldungen“ bekannt gewordenen Schriftstellerin E. Annie Proulx – war jahrelang vergeblich in Hollywood herumgereicht worden. Und der für Filme wie Sense and Sensibility oder Tiger & Dragon gefeierte Regisseur Ang Lee hatte zuletzt mit der Comicverfilmung Hulk einen rechten Flop inszeniert. Erinnert man sich aber an seine frühe Komödie Hochzeitsbankett, in der ein schwuler taiwanesischer New Yorker zwischen Konvention und Coming-out laviert, kommt Brokeback Mountain nicht ganz unerwartet. Als Geschichte zweier Cowboys, die ihre „unaussprechliche“ Liebe zueinander entdecken, hat der neue Ang Lee in konservativen US-Staaten Irritation ausgelöst. Das Etikett „schwuler Western“ greift indes zu kurz. Und von einer universellen Liebesgeschichte kann auch nicht die Rede sein. Über die Geheimnisse eines großen Films und seiner wortkargen Helden.

Als Meister des Melodrams hat Ang Lee in seinen Filmen schon immer Menschen dargestellt, die gegen die Beschränkungen von Verhaltenscodes ankämpfen. Bei diesem Konflikt zwischen Anpassung und Ausbruch läuft es zudem oft auf die Unmöglichkeit hinaus, für Gefühle eine angemessene Sprache zu entwickeln, die nicht ins Schweigen läuft. So hatte der Regisseur in Der Eissturm bereits die Erstarrung der 68er-Revolte in leeren Gesten einer sexuellen Befreiung gezeichnet, die an einem Thanksgiving-Wochenende die Carvers und Hoods zum emotionalen Stillstand bringt. Der Tod des älteren Carver-Sohns Mickey bewirkt zwar ein Auftauen der emotionalen Vereisung dieser beiden Familien, doch die menschliche Zuneigung verläuft wortlos. In Tränen beugt sich am Ende der fatalen Nacht der Vater über die Leiche seines Sohns und versucht vergeblich, ihn wiederzubeleben. Erschüttert bleibt die Mutter in ihrem Bett liegen, obgleich sie das Schluchzen ihres Mannes hört – als wolle sie mit ihrem Schmerz allein gelassen werden. Verwirrt bricht der Nachbar, der den toten Jungen auf der Straße gefunden hatte, in seinem Auto zusammen, umgeben von seiner erstaunt schweigenden Familie. Einzig Paul Hood findet Worte, um die beklemmende Kraft, die von seinem Zuhause ausgeht, zu beschreiben. Dabei orientiert er sich an einem Heft aus der Comicserie „Die fantastischen Vier“. Dort heißt es: „Die Familie ist die Leere, aus der du kommst, und der Ort, an den Du zurückkehrst, wenn du stirbst. Und das ist das Paradox. Je tiefer du wieder hineingezogen wirst, umso tiefer gerätst du in die Leere.“

Auch in Ang Lees jüngstem Film Brokeback Mountain finden die beiden Helden Ennis Del Mar (Heath Ledger) und Jack Twist (Jake Gyllenhaal) Halt in einem Stereotyp: dem des einsamen, wortkargen Marlboro-Manns mit seiner obligatorischen Zigarette und dem Cowboy-Hut, den er tief ins Gesicht zieht, um sich bedeckt zu halten. Auch Ennis und Jack wollen einer tristen Realität entkommen und haben ihrerseits als Orientierung jenen Westernmythos, der als Flucht vor dem Heim die einsame Weite der Prärie anbietet. Die ergreifende Dramatik ihrer Geschichte besteht auch in ihrem Fall in einem Paradox. Weil sie sich den Macho-Werten des amerikanischen Westens beugen, der ihnen auferlegt, ihre Gefühle für sich zu behalten, werden diese zu etwas Wertvollem. Das intime Begehren bezieht seine Kraft also daraus, dass es dem Alltagsleben nicht angepasst werden kann.

Die Erfahrung des Anderen
Für die beiden Jungs, die im Jahre 1963 einen Sommer lang gemeinsam auf Brokeback Mountain Schafe hüten und dort von einer leidenschaftlichen Liebe überfallen werden, die sie nie wieder loslassen wird, bedeutet dies aber auch: Sie können ihre Gefühle nur in einem Ausnahmezustand leben, in den sie 20 Jahre lang immer wieder flüchten. Während Jack sofort ein Verlangen nach dem schweigsamen Ennis empfindet, antwortet dieser nur zögerlich mit einer Liebe, die er weder erwartet hat noch erklären kann. Am Ende des Sommers ist er es, der eine Fortsetzung verbietet. Denn so unwohl er sich in seiner Haut auch fühlen mag, bleibt er einem Bild amerikanischer Männlichkeit verhaftet, die offen ausgelebte Homosexualität nicht erlaubt. In den vier Jahren, die daraufhin verstreichen, heiraten beide und gründen Familien. Dann erhält Ennis eines Tages eine Postkarte von Brokeback Mountain: Chiffre für die Freiheit der Wildnis, wo man für eine begrenzte Zeit aus den Beschränkungen der Häuslichkeit wie der gesellschaftlichen Vorurteile ausbrechen kann.

 

Geschickt entlarvt Ang Lee die Vorstellung des Cowboys, der sich in seinem Heim nie wohlfühlen kann, und die Vorstellung einer verbotenen Liebe, deren Namen man dort nicht aussprechen darf, als zwei sich gegenseitig entsprechende Fantasien. Beide können nur ausgelebt werden, wenn man diesem Zuhause den Rücken zuwendet. Brokeback Mountain wird zum Bild, an dem die beiden Männer ihre Fantasie von unbeschränkter Freiheit festmachen, und fungiert somit zugleich als Chiffre für Kino schlechthin. Denn wie John Fords Monument Valley wird diese offene Landschaft in Wyoming mythisch erhöht zur imaginären Bühne für jene epischen Gefühle, die eine Erfahrung des Anderen erlaubt und deshalb dem entspricht, was auch wir vor der Kinoleinwand erleben. Als Gegenplatzierung zu den verwahrlosten, staubigen Kleinstädten des amerikanischen Westens erinnert die Berglandschaft zugleich auch an das jianhu der Martial-Arts-Tradition, dem Ang Lee in Tiger & Dragon huldigte: die von geheimen Mächten geprägte Unterwelt der Geister und Gangster, in der Schwertkämpfer den inneren Tiger aus sich herauslassen und die Gesetze der Schwerkraft wie die der normalen Gesetzbarkeit überwinden. Auf Brokeback Mountain können auch Ennis und Jack moralische Verbote und Vorurteile von sich streifen und sich einer Liebe hingeben, die auch bei ihnen einem gewaltsamen Kampf ähnelt; bilden doch für den wortkargen Cowboy Lieben und Schlagen zwei Seiten der gleichen Medaille.

Kein Ort, draußen
Fängt Ang Lee mit der ersten Einstellung von Brokeback Mountain die Bergkette des Titels als märchenhafte Geografie ein, so lässt er seinen Film auch auf jene Postkarte hinauslaufen, die Jack als Lockruf losgeschickt hatte. Wie in einem Schrein hat Ennis sie in seinem Schrank aufgehängt: neben der Jeansjacke seines verbotenen Geliebten und dem Hemd, das er selbst in dem Sommer getragen hatte, als sie sich zum ersten Mal trafen. Mit dieser stringenten Rahmung bringt Ang Lee zugleich den tragischen Kern seiner Liebesgeschichte auf einen Punkt. Ist der Ort, an dem die beiden Männer ihre Leidenschaft ausleben dürfen, als jianghu konzipiert, dann deshalb, weil ihr Begehren selbst im Bereich des Wunschtraums bleiben soll. Als Ort, an dem sich ihre Fantasie des Ausbruchs orientiert, muss dieser ein Draußen bleiben. Was die beiden Männer verbindet, sind Brokeback Mountain und die Möglichkeiten eines anderen Lebens, für die er einsteht. Sie haben aber auch nur diesen Ort – und zwar als miteinander geteilten Traum – gemein. So lässt sich der Umstand, dass Ennis überlebt, während Jack auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, nicht nur als Hinweis auf die tragischen Umstände dieser verbotenen Liebe lesen. Wenn Ennis am Ende glücklich auf die Postkarte blickt, verweist dies auch auf jene emotional verklemmte Männlichkeit, die in der amerikanischen Literatur zuhauf zu finden ist. Die zur Reliquie erhobene Postkarte erlaubt es Ennis nicht nur, des verlorenen Geliebten zu gedenken und ihn so am Leben zu halten. Sie entspricht auch der Angst vor Nähe, die diesen Eigenbrötler ausmacht. In der Erinnerung stellt Jacks forsche Forderung nach Liebe keine Gefahr mehr dar. Die Fantasie der Liebe funktioniert am besten, wenn sie sich an der Nostalgie für einen Ort festmachen lässt, zu dem man immer zurückkehren will – im Wissen, dass eine Rückkehr unmöglich ist.

So stellt sich das Problem der Sprachlosigkeit in Brokeback Mountain auf differenzierte Weise. Wenn Ennis und Jack mit ihren geheimen Treffen dort eine Lüge leben, dann vielleicht weniger, weil sie im amerikanischen Westen der sechziger und siebziger Jahre keine andere Wahl haben. Die Gewalt der Gefühle, der sie sich nicht entziehen können, deutet auch auf eine emotionale Hilflosigkeit hin, die einem Mangel an Einbildungskraft gleichkommt. In der Haltung des Macho-Mannes fühlen die beiden sich nicht wohl – dennoch sind sie auf dieses Selbstverständnis beschränkt. Die Verschlossenheit, die diese Pose vorgibt, hat zur Folge, dass sie sich ihren Gefühlen nur hingeben können oder sie sich gänzlich verbieten. Sie können nur ein Stück Leben miteinander teilen, das nie ausgesprochen werden darf. Sie können sich aber zugleich auch nicht vorstellen, den Westen mit seinen trostlosen Honky-Tonk-Kneipen, Fourth-of-July-Picknicks und biederen Tanzabenden gemeinsam zu verlassen. Aussichtslos ist diese Situation jedoch vor allem, weil Ennis eine eigene Homophobie im Kopf hat. Er kann seine Gefühle nur als wortlose Gewalt ausdrücken – da ist die Lust, die ihn überfällt, wenn er mit Jack zusammen ist, da ist die Brutalität, mit der er auf alle reagiert, die sein Geheimnis zu lüften drohen. Ennis’ Unfähigkeit, die eigenen Gefühle auszudrücken, entspricht dem Verbot seiner Umwelt, über Homosexualität offen zu sprechen. Weil er sich nicht vorstellen kann, sein Leben als Ranch-Helfer aufzugeben, will er sich auch nur im Bezug zur Doppelmoral dieser Kultur verstehen. Für ihn heißt dies, um jeden Preis ein Doppelleben zwischen Alltag und Brokeback Mountain aufrechtzuerhalten.

Sein Lebensmotto besagt: Wenn du es nicht richten kannst, musst du es ertragen. Darin liegt natürlich ein tiefer Konservatismus, läuft es für Ennis doch grundsätzlich auf das Erdulden eines unzulänglichen Lebens und nicht eine Veränderung hinaus. Das selbst auferlegte Verbot eines glücklichen Ausbruchs lässt sich aber auch als zeitgemäße Analyse der amerikanischen Kultur verstehen. Als wollte Ang Lee, der mit einem hybriden Blick auf die Welt des Westerns blickt, uns zeigen, wie sehr die brutale Starrheit, mit der an konventionellen Rollen von Männlichkeit festgehalten wird, noch immer das Gegenstück zum Traum unbegrenzter Möglichkeiten bildet. Zu erdulden, was man nicht ändern kann, heißt nämlich für Ennis, wie für zahlreiche männliche Figuren des Hollywood-Bildrepertoires: Das Liebesobjekt, das einen in seinem Selbstbild in Frage stellt, muss weg. So hatte Ennis Jack gedroht: Wenn ihm dessen Eskapaden mit anderen Männern zu Ohren kämen, müsse er ihn töten. Als ihm dann Jacks Frau andeutungsreich die merkwürdigen Umstände schildert, die tatsächlich zum Tod ihres Gatten führten, wird Ennis von seinem schrecklichen Urteil eingeholt. Er kann sich Jacks Tod nur als Racheakt gegen einen Mann vorstellen, der offen seine Homosexualität leben wollte. Die meisterhafte Schauspielkunst von Heath Ledger entlarvt subtil zwei Dinge: Der Film, der während seines Telefonats mit der Frau vor seinem Auge abläuft, versichert Ennis, er habe mit seinem Verbot Recht gehabt hat. Immerhin hat er überlebt. Zugleich bietet ihm diese Nachricht das einzige Glück, zu dem er fähig ist. Als Träumender kann er zu dem Geliebten, den er vor seinen Mitmenschen verheimlichen und sich selbst verbieten musste, stehen.

Land der begrenzten Möglichkeiten
Doch Ang Lee bietet uns auch eine ironische Distanz zur fatalen Logik des Marlboro-Man. Werden im Western die Frauen aus dem Treiben in der Prärie meist ausgeschlossen, weist Brokeback Mountain ihnen eine entscheidende Rolle zu. Mit ihren Blicken kommentieren sie kritisch die Geheimhaltung ihrer Männer. Nachdem sie sich von Ennis getrennt hat, bringt Alma (Michelle Williams) endlich den Mut auf, ihn mit dem Schmerz zu konfrontieren, den seine Lebenslüge ihr zugefügt hat. Lureen (Anne Hathaway) lässt bei dem Telefongespräch mit Ennis deutlich ihre stille Wut darüber erkennen, dass sie für Jack nie von Bedeutung war. Die Mutter des Verstorbenen hingegen gibt Ennis mit ihrem schweigenden Blick zu verstehen, sie hätte die verborgene Seite ihres Sohnes längst durchschaut. Auch die Frauen finden keine Sprache, um ihre verwirrten Gefühle zu verbalisieren. Aber sie verweisen darauf, dass man zurückhaltend sein kann und dennoch nicht in brutaler Einsamkeit verharren muss. An ihrer Aufrichtigkeit wird ein Ausbruch festgemacht, der nicht im Bild des verlorenen Glücks mündet, sondern im Aufbruch in einen neuen Tag. In der Schlusssequenz des Films kommt Alma jr. (Kate Mara) zu ihrem Vater, um ihm von ihrer bevorstehenden Heirat zu erzählen. Sie ist zwar so schüchtern wie er, aber die strahlende Offenheit, mit der sie ihn bittet, an ihrer Hochzeit teilzunehmen, lässt erkennen: Sie schenkt ihren Gefühlen mehr Vertrauen. Ihr Blick, der erwartungsvoll auf die Zukunft schaut, hält seinem, der nostalgisch in die Vergangenheit gerichtet ist, die Waage.

Start: 9.3. (D), 10.3. (A)

Brokeback Mountain
USA 2005. R: Ang Lee. B: Larry McMurtry, Diana Ossana (nach einer Kurzgeschichte von Annie Proulx). P: Diana Ossana, James Schamus. K: Rodrigo Pietro. Sch: Geraldine Peroni, Dylan Tichenor. M: Gustavo Santaolalla. T: Drew Kunin. A: Judy Becker, Tracey Baryski. Ko: Marit Allen. Sp: Louis Morin. Pg: Focus Features/River Raod Entertainment. V: Tobis. L: 134 Min. Da: Heath Ledger (Ennis Del Mar), Jake Gyllenhaal (Jack Twist), Michelle Williams (Alma Beers), Anne Hathaway (Lureen Newsome), Randy Quaid (Joe Aguirre), Linda Cardellini (Cassie), Anna Faris (Lashawn Malone), Roberta Maxwell (Jacks Mutter).

Elisabeth Bronfen ist Professorin für Englische und Amerikanische Studien an der Universität Zürich. Zu ihren Veröffentlichungen gehören: „Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik“, „Das Verknotete Subjekt. Unbehagen in der Hysterie“ und „Die Diva: Geschichte einer Bewunderung“. Im engeren Film-Bereich hat Bronfen etwa zum „home“-Begriff im Hollywood-Kino geforscht; Studien zu Pop Art und Hollywood-Kino sowie zum Kriegskino sind in Arbeit.

Die Filme von Ang Lee

2005 Brokeback Mountain 
2003 Hulk 
2001 The Hire: Chosen (Werbefilm für BMW) 
2000 Tiger & Dragon (Crouching Tiger, Hidden Dragon/Wo hu cang long)
1999 Ride With the Devil – Die Teufelsreiter 
1997 Der Eissturm (The Ice Storm)
1995 Sinn und Sinnlichkeit (Sense and Sensibility) 
1994 Eat Drink Man Woman (Yin shi nan nu)
1993 Das Hochzeitsbankett (The Wedding Banquet/Hsi yen) 
1992 Pushing Hands (Tui shou)

epd Film 3/2006


 


 


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