Ohne Thesenanschlag: Der TV-Film »Katharina Luther«

Karoline Schuch als Katharina von Bora in »Katharina Luther« (2017). © ARD

Karoline Schuch als Katharina von Bora in »Katharina Luther« (2017). © ARD

Konsequent aus der Perspektive von Katharina von Bora hat Julia von Heinz die private Geschichte der Reformation verfilmt. »Katharina Luther« läuft am 22. Februar um 20.15 Uhr in der ARD. Rudolf Worschech hat mit der Regisseurin über das Fernsehereignis gesprochen

Über den Film:

1523. Katharina von Bora flieht mit acht weiteren Nonnen aus einem Kloster für adlige Frauen. In Wittenberg findet sie zuerst Unterschlupf im Haus des Malers Cranach, bis sie den Reformator Martin Luther 1525 heiratet – und ihn in ein florierendes Wirtschaftsunternehmen einbettet. Produziert wurde der Film von EIKON.

Setbesuch von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm im Sommer 2016:

»Katharina Luther« läuft am 22. Februar um 20.15 Uhr in der ARD.
Wiederholung am 23.2. um 00:50 Uhr. Als Stream schon jetzt und bis zum 8.3. in der ARD-Mediathek verfügbar.

Kritik: Pragmatikerin mit Prinzipien 

von Rudolf Worschech

Der erste Auftritt des Reformators in diesem Film kommt nicht nur spät, sondern wirkt auch etwas, nun, improvisiert. Keine Kanzel, keine große Rede, kein theologischer Exkurs. Die Nonnen um Katharina von Bora sind gerade aus dem Kloster Nimbsch geflohen, mit einem Wagen, den ihnen Martin Luther geschickt hat. In der Stadt Wittenberg erwartet die Frauen, die ihr Gelübde gebrochen haben, eine aufgebrachte Volksmenge, die sie als Huren beschimpft. Als Luther am Schauplatz erscheint, schlichtet er das Tohuwabohu durch seine Autorität und hilft den Nonnen vom Wagen. Katharina von Bora stellt sich ihm: »Ihr habt mir den Brief geschrieben.« Martin Luther hatte das offensichtlich vergessen und wird nach der Begrüßung von seinem Freund Melanchthon gerügt: »Du kannst nicht solche Briefe schreiben, ohne vorher zu überlegen, wohin das führt.«

Aber dieser Film gehört auch nicht dem Reformator, sondern seiner Frau, und er will nicht nur die gewissermaßen private Geschichte der Reformation schreiben, sondern ein spätmittelalterliches Frauenleben rekonstruieren, von dem man nicht wirklich viel Genaues weiß – eine Parabel von Selbstbehauptung und Durchsetzungskraft. Der Film setzt schon zu dem Zeitpunkt ein, als das Mädchen Katharina gegen seinen Willen ins Kloster gebracht wird und sich die Tore für lange Jahre hinter ihm schließen. Auch nach der Flucht und der Ankunft in Wittenberg hat es Katharina nicht gerade leicht. Zwar werden sie und ihre Freundin Ave von Schönfeld im Anwesen von Lucas Cranach und seiner Frau Barbara aufgenommen, doch bleibt einer mittellosen Frau in dieser Zeit wenig mehr als eine Hochzeit. Ave geht diesen Weg, Katharina verweigert sich, hilft beim Apotheker und im Cranachschen Druckbetrieb.

Es gehört zu den vielen Randbemerkungen in »Katharina Luther«, dass an dieser Stelle verdeutlicht wird, dass die Reformation sich die damals modernsten Methoden der Kommunikationstechnologie zu eigen gemacht hat: den Druck, durch den Luthers Bild sich durch ganz Europa verbreiten konnte. Jede Bewegung hat ihre eigene Ikonografie. Und die Reformation ist, zumindest für Cranach, auch ein florierendes Business.

Karoline Schuch verkörpert Katharina von Bora als eine Frau, die weiß, was sie will, ohne große Auftritte, eine Pragmatikerin mit Prinzipien. Katharina ist es auch, die der (durchaus entsetzten) Barbara Cranach verkündet: »Ich habe den Mann gefunden, den ich heiraten werde«, nämlich Martin Luther, den selbst Melanchthon nicht von dieser Hochzeit abhalten kann. Katharina ist es, die, viele Wochen nach der Hochzeit, in erotischer Hinsicht die Initiative ergreift, denn Luther lebt, wie Barbara Cranach sagt, in seiner eigenen Welt und so kommt es vor, dass er ohne große Vorankündigung einmal für mehrere Wochen auf Reisen geht. Die nachgeholte Hochzeitsnacht, oder besser gesagt: ihr »Vorspiel«, gehört zu den schönsten Szenen des Films. Katharina wäscht sich gerade, als Luther das Zimmer betritt, ein spärlich erleuchteter Körper, der sich aus dem Dunkel der Nacht heraushebt.

Im Haus nimmt Katharina nun das Heft in die Hand. Sie renoviert, bestellt die Handwerker, nimmt auch einmal das Wort Geld in den Mund (das Luther offenbar ziemlich egal war), verdient an den Scholaren, kauft Grundstücke dazu und fragt bei Cranach nach, wieso Lutherder einzige sei, der an seinen Schriften nicht verdiene. Modern gesprochen würde man sagen: sie setzte auf Expansion. Man kann das auch im Verlauf des Films an ihrem Outfit ablesen; ihre Kleider werden immer edler. Und sie kann durchaus mitreden am Tisch bei Lutherund den Scholaren. Ihre Äußerungen wurden später allerdings, wie wir wissen, anderen zugeschrieben.

Luther ist in diesem Film ein rechter Workaholic, obsessiv der Sache verpflichtet, ein Mann, der keine Rücksicht auf seine Gesundheit nimmt. Aber nie versucht der Film so etwas wie den Sturz einer Legende. Devid Striesow verkörpert Martin Luther so perfekt, dass man ihn als Zuschauer sehr schnell nicht mehr mit dem ikonischen Bild vergleicht, das wir von dem Reformator haben. »Katharina Luther« spart nicht die dunklen Stellen im Werk des Reformators aus, seine Schmährede gegen die aufständischen Bauern etwa, die ihn, als er ihnen im Wald begegnet, einen Verräter nennen. Auch sein Antisemitismus, verschärft durch den Tod seines Kindes, kommt zur Sprache.

Vor einem guten Jahrzehnt hat sich schon einmal ein (Kino-)Film der Person des Reformators genähert: »Luther« von Eric Till, mit dem Briten Joseph Fiennes in der Titelrolle, so etwas wie der Abenteuerfilm der Reformation, ein gut inszenierter historischer Bilderbogen, in dem die wichtigen Stationen wie der berühmte Thesenanschlag 1517 an der Wittenberger Schlosskirche abgehakt wurden. »Katharina Luther« geht einen ganz anderen Weg. Er setzt ja überhaupt erst ein, als Luthers große Schlachten schon geschlagen waren – theologische Dispute finden sich eher am Rande.

Und auch ästhetisch nähert sich »Katharina Luther« ganz anders seinen Figuren. Regisseurin Julia von Heinz, die übrigens Karoline Schuch schon in »Hannas Reise« und der Hape-Kerkeling-Verfilmung »Ich bin dann mal weg« besetzte, und Kamerafrau Daniela Knapp haben sich für eine bewegliche Handkamera entschieden und nicht für das Ausstellen von Production Values, von historischen Accessoires. Es gibt nur wenige Totalen in »Katharina Luther«; stets folgt die Handkamera den Figuren, bleibt dicht an ihnen dran, arbeitet mit Unschärfen und Lichtreflexen, hebt Details hervor und lässt auch mal die Hauptcharaktere im Dunkeln.

Das gibt dem Film nicht nur eine Nähe und Intimität, sondern auch eine Dynamik, mit der die Regisseurin einer Zeit des atemberaubenden Umbruchs gerecht wird. Dieser Mut macht »Katharina Luther« schon jetzt zu einem Solitär des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Interview mit Julia von Heinz:

epd Film: Über Katharina von Bora ist ja im Vergleich zu ihrem Ehemann Martin Luther relativ wenig bekannt. Wie nähert man sich einer solchen Figur, wie entwickelt man den Charakter eines Menschen, dessen Geburtsdatum man schon nicht genau kennt?

Julia von Heinz: Ich habe die historischen Romane gelesen, von denen es recht viele gibt. Aber die stellen sich nur vor, wie es gewesen sein könnte. Wir hatten ein paar reale Ansatzpunkte. Es gibt zum Beispiel Überlieferungen über den Alltag in einem Kloster für adlige Frauen dieser Zeit, und wir hatten Berichte über das Lutherhaus, das »Schwarze Kloster«, nachdem Katharina von Bora dort das Regiment übernommen hatte. Wir wissen etwa auch, dass sie Luther den Heiratsantrag gemacht hat. Das hat mir sehr gefallen und war vielleicht sogar ein Grund für mich, dieses Projekt überhaupt spannend zu finden. Weil ich das selbst aus heutiger Sicht stark finde. Es gibt ja selbst heute viele Frauen, die sagen, das hat der Mann zu machen, das steht mir nicht zu. Dass da eine Frau so stark ihr Leben gestaltet, hat mir imponiert.

Eine Spekulation: Was fand Katharina an Luther anziehend?

Ich glaube, dass es zunächst eine Zweckehe war, ihrerseits. Von ihm weiß man das. Es ist auch bekannt, dass er lieber Ave von Schönfeld, ihre deutlich jüngere Freundin, geheiratet hätte. Da gab es aber schon ein Arrangement mit einem Arzt aus Torgau. Zunächst war es sicherlich eine praktische Überlegung, aber man muss auch Folgendes bedenken: Sie hat lesen und schreiben gelernt im Kloster als eine von ganz wenigen Frauen in der damaligen Zeit, sie wird seine Schriften gekannt haben und ich glaube, dass sein Intellekt auch eine große Anziehungskraft auf sie gehabt hat.

Den entscheidenden Schritt tut sie ja schon vor der Hochzeit: den Ausbruch aus dem Kloster, beeinflusst durch Luthers Schriften.

Die sind damals kursiert und haben sicherlich auch das Klosterleben unterhöhlt.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Herrn Luther die Reformation etwas über den Kopf wächst, auch nach dem Ausbruch der Frauen.

Wir steigen im Film ein zu einem Zeitpunkt, als Luther seine großen Kämpfe, den Thesenanschlag, das »Hier stehe ich...«, schon hinter sich hat und schwach und auch zerrissen ist. Wir erzählen dann – leicht humoristisch –, dass er ganz vergessen hat, die Frauen zum Ausbruch bewegt zu haben.

Man sieht den Reformator nie auf der Kanzel.

Das liegt natürlich daran, dass wir uns auf Katharina und ihre Perspektive fokussiert haben. Es gibt nur wenige Szenen, in denen sie nicht dabei ist. Zum Beispiel die Begegnung mit den aufständischen Bauern im Wald. Die war uns wichtig, um aufzuzeigen, wie Luther ins Zweifeln kommt an seiner eigenen Haltung zu den Bauernkriegen.

Katharina ist dann auch diejenige, die das Luther-Business gewissermaßen am Laufen hält.

Sie hat ja ein Wirtschaftsunternehmen aufgebaut, was wir im Film gar nicht in aller Ausführlichkeit zeigen konnten, sie hat angebaut und Land zugekauft und ein großes Gut unterhalten, von dem 40 Leute versorgt wurden. Sie hat das alles gemanagt, sich in politische Angelegenheiten eingemischt und an den Tischgesprächen im Refektorium teilgenommen. Nachweislich sind ihre Wortbeiträge allerdings Männern zugeschrieben worden, weil das einer Frau nicht zustand in dieser Zeit.

Man merkt auch, wie sie an ihrem eigenen Aufstieg arbeitet.

Sie kam aus einem adligen Haushalt, lebte in einem Kloster, das ausschließlich adligen Damen zur Verfügung stand – und das dürfte einen gewissen Standesdünkel mit sich gebracht haben. Das sehen wir auch am Vater, der die Heirat mit Luther als nicht standesgemäß ansieht. Ich glaube, dass sie diesen Standesdünkel und den Hang zu Besitz mit in die Ehe gebracht hat. Es wäre falsch gewesen, das nicht darzustellen, denn dieser Standesdünkel, den Luther ihr später vorwirft, hat sie auch befähigt, so groß zu denken.

»Katharina Luther« war ja für deutsche Fernsehverhältnisse recht teuer. Konnte man da noch etwas spontan beim Drehen entwickeln oder gar improvisieren?

Wir konnten uns innerhalb eines gewissen Korsetts sehr, sehr frei bewegen. Es gibt gar nicht so viel Dialog in dem Film, wir haben lange Strecken, in denen einfach gehandelt wird, zum Beispiel wenn sie das Kloster in Schwung bringt: lange Sequenzen, in denen nicht gesprochen wird. Da hatten wir völligen Freiraum. Bei den Dialogen haben wir allerdings wenig improvisiert, »Katharina Luther« ist ein historischer Film, und wenn jemand da auf einmal ein »super« rausrutscht, muss man das nachträglich wieder herausnehmen. Und man musste sich natürlich vorher genau festlegen, was man wie filmt, weil jeder Quadratmeter Ausstattung kostet. Da muss man genau ansagen, wo der Bildrand ist, weil das für den Szenenbildner wichtig ist.

Und vielleicht auch für die Kamera. »Katharina Luther«​ ist zum allergrößten Teil mit Handkamera gedreht, was dem Film eine große Nähe, fast Intimität zu seinen Figuren verleiht.

Wir hatten ein sehr genaues Bildkonzept. Ich mag eigentlich keine Ausstattungs- und Mittelalterfilme und wollte auch nie einen machen. Es gibt nur sehr wenige Beispiele, die mich überhaupt überzeugen. Meist spüre ich zu sehr das Ausgestellte, das oft noch aufdringlich in Szene gesetzt wird. Es bringt mich eigentlich eher in eine Distanz zum Geschehen. Die Reformation war eine Zeit der Dynamik, der Bewegung und des Aufbruchs. Ich wollte ein Gefühl erzeugen wie bei einem Film, der 1968 spielt, um diese Unruhe dem Zuschauer zu vermitteln und habe mir Vorbilder bei Filmen, die diese Zeit behandeln, gesucht. Da bin ich eher fündig geworden als bei Mittelalterfilmen. Die digitale Aufnahmetechnik bringt alles ziemlich clean herüber – das Mittelalter war alles andere als clean. Das wollte ich stören, deshalb haben wir mit sehr viel Gegenlicht gearbeitet, wir haben Bewegungsunschärfen drin, damit nie das Gefühl aufkommt, in einem Freilichtmuseum zu stehen. Wir haben auch nur sieben Totalen in dem Film, denn wir haben sehr genau darauf geachtet, wann das Bild groß und weit werden darf. Es sollte immer Katharinas Perspektive sein. Dafür haben wir viel mit Detailaufnahmen gearbeitet, Insekten, Naturaufnahmen, Oberflächen, Haut, Schmutz. Darüber kann man mehr über das Mittelalter erzählen als mit einer digital erzeugten Totale des alten Wittenberg.

Luther ist in Ihrem Film keine Lichtgestalt, sondern ein manischer Typ, ein mitunter weltfremder Workaholic. Sollte das auch ein bewusster Sockelsturz sein?

Ich wollte sicher nicht das nächste Lutherdenkmal errichten – davon gibt es genug. Da ich ja auch die Chance hatte, den gealterten Luther zu erzählen, hat es sich angeboten, ihn so zu zeigen. Er war ein strenger und unerträglicher Vater, ein Haustyrann, hypochondrisch und ziemlich getrieben. Ich finde im Übrigen, dass Devid Striesow das aber immer so spielt, dass man ihm gerne zuschaut und folgt. Und er kommt ihm auch physiognomisch sehr nahe.

Was kann man einem Schauspieler mitgeben, wenn er eine solche Rolle spielt?

Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, dass Luther in Wittenberg ja quasi selbst schon ein Denkmal ist, auch satt und selbstzufrieden. Gerade am Anfang des Films merkt man, wie er sein Publikum gewohnt ist. Später allerdings gerät er stark in Zweifel.

Es kommen auch die lutherschen Knackpunkte vor, seine Anwürfe gegen die aufständischen Bauern und sein Antisemitismus.

Ich fand es wichtig zu zeigen, dass er durchaus autoritär und obrigkeitshörig war. Es war für mich, gerade wegen meiner jüdischen Wurzeln, undenkbar, seine Judenfeindlichkeit wegzulassen. Dass er seinen extremen Antisemitismus nach dem Tod seiner Tochter Magdalena weiter verfestigt hat, gilt in der Forschung als gesichert.

Der Film passt sehr gut zum Filmjahr 2016, in dem die besten Filme von Regisseurinnen stammten und in dem es sehr viele Frauenporträts gab.

Natürlich ist der Film auch ein feministisches Statement – nicht nur von mir, sondern auch von der ARD. Man sieht ja sonst immer nur die Ahnenreihe der Männer. Dass der Name einer Frau 500 Jahre überdauert hat, grenzt schon an ein Wunder.

Making-Of

© ARD

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