Nahaufnahme von Viola Davis

Viola Davis in »Fences« (2016). © Paramount Pictures

Viola Davis in »Fences« (2016). © Paramount Pictures

Ihren endgültigen Durchbruch erlebte Viola Davis mit einer Serienrolle: In »How to Get Away with Murder« verkörpert sie eine weiblich-schwarze Spielart des Antihelden à la Walter White. Im Kino bislang auf die üblichen Nebenrollen reduziert, kommt sie derzeit in Denzel Washingtons Dramaverfilmung »Fences« groß raus

Als Annalise Keating zum ersten Mal ihre perfekte Perücke absetzt, trifft es einen wie ein Schlag: Plötzlich ist nichts mehr ganz so, wie es einen Augenblick zuvor noch war. Das Bild, das der Betrachter bis dahin von Annalise hatte, bekommt plötzlich nicht nur einen, sondern gleich mehrere Risse. Natürlich ist sie auch weiterhin die eiskalte Rechtsanwältin und strenge Universitätsdozentin, deren Forderungen meist etwas Maßloses haben. Und doch erscheint sie von diesem Moment an in einem anderen Licht. Die kaum als Perücke wahrnehmbare Perücke und das so präzise akzentuierte Make-up, die schicken Businesskostüme und die teuren Schuhe sind für Annalise nicht nur Teil ihrer Arbeit. Es geht ihr nicht nur darum, ihren Status zu zementieren.

»How to get away with Murder« (2014). © ABC/Mitchell Haaseth

Annalise ist tatsächlich auf all diese äußerlichen Attribute angewiesen. In gewisser Weise sind sie es, die ihr erst ihre Persönlichkeit geben. Die Perücke ist ein Schutzhelm, die Kostüme gleichen einer Rüstung. Sie verwandeln sie. Nachts, wenn sie allein ist und sich nur noch an einem Glas Cognac oder Wodka festhalten kann, wirkt sie wie eine ganz andere Frau: unsicher, ängstlich, verzweifelt, von Fragen und Skrupeln wie zerfressen. Annalise Keating hat ihre familiären und sozialen Wurzeln so weit, wie nur eben möglich gekappt. Sie erschafft sich Tag für Tag noch einmal neu. Aber das Erbe ihrer Herkunft kann selbst sie nicht abschütteln. Es holt sie Nacht für Nacht wieder ein.

Vordergründig mag die von Peter Nowalk konzipierte und von Shonda Rhimes produzierte Serie »How to Get Away with Murder« zuallererst ein vertracktes, den Zuschauer immer wieder täuschendes Spiel mit falschen Fährten zu sein. Doch unterschwellig erzählt sie noch eine ganz andere Geschichte als die von mehreren Morden auf dem Campus einer Elite-Universität. Nowalks Serie reflektiert fortwährend die großen Widersprüche innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft. Daran haben die Drehbücher der einzelnen Episoden natürlich ihren Anteil, aber noch entscheidender ist Viola Davis' Spiel. Ihre komplexe, stets ganz neue Aspekte offenbarende Darstellung der Anwältin hat den Vereinigten Staaten der nun zu Ende gegangenen Obama-Ära einen Spiegel vorgehalten.

Auf den ersten Blick scheint Annalise Keating Präsident Obamas »Yes, we can«-Optimismus zu illustrieren. Schließlich ist ihr, der afroamerikanischen Frau aus ärmlichen Verhältnissen, ein beispielhafter Aufstieg gelungen. Aber Viola Davis' Porträt einer Frau, die nachts von Weinkrämpfen geschüttelt wird und es zeitweise nicht einmal schafft, aus dem Bett zu kommen, legt auch die Spuren offen, die die Sklaverei und später Jim Crow in der Psyche der Menschen hinterlassen haben. Für die 1965 in South Carolina geborene und in Rhode Island aufgewachsene Schauspielerin war die Rolle der Professorin, die ihren Studentinnen und Studenten vor allem eines beibringen will, wie Mandanten mit Mord davonkommen können, ein echter Glücksfall. Und das keineswegs nur, weil sie ihr 2014 sogleich einen Emmy eingebracht hat. Übrigens den ersten, den eine afroamerikanische Schauspielerin in der Kategorie »Outstanding Lead Actress in a Drama Series« gewonnen hat.

Mit dieser Rolle sind letztlich alle ihre Wünsche in Erfüllung gegangen. Sie selbst hat einmal gesagt: »Während meiner Karriere habe ich viel zu viel Zeit mit Versuchen verbracht, Autoren dazu zu bringen, etwas Gewagtes für mich zu schreiben. Und wissen Sie, »How to Get Away with Murder« ist es.«

Etwas wagen, für etwas einstehen und nicht einfach nur die Erwartungen von Produzenten und Publikum erfüllen, das ist das fast schon übermächtige Leitmotiv in Viola Davis' Schaffen. Wie so viele afroamerikanische Schauspielerinnen musste sie, die schon in den 90er Jahren große Erfolge am Theater feiern konnte, sich lange mit kleinen, unbedeutenden Rollen in Filmen und Gastauftritten in Fernsehserien zufrieden geben. Das änderte sich erst mit ihrem Auftritt in John Patrick Shanleys Drama »Glaubensfrage«, für den sie ihre erste Oscarnominierung erhalten hat. Die zweite folgte dann drei Jahre später für ihr Porträt der die rassistischen Verhältnisse in Mississippi offenlegenden Nanny Aibileen Clark in Tate Taylors Südstaatenpanorama »The Help«.

Seit ihrem Durchbruch in »Glaubensfrage« hat sie immer wieder mit sozialer Ungerechtigkeit und alltäglichem Rassismus ringende Frauen und Mütter gespielt, zuletzt noch in »Fences«, Denzel Washingtons fast schon klassizistischer Verfilmung von August Wilsons gleichnamigem Theaterstück. Davis spielt Rose Maxson. die offensichtlich im Schatten ihres Mannes steht. Während er ständig seine großen Reden schwingt und sich als Herr des Hauses aufspielt, bleibt sie meist ruhig. Sie muss ihr Leiden am Leben und an der Gesellschaft nicht ständig herausrufen, es ist in ihrer Haltung und ihren Blicken präsenter als in Troys Worten. Aber das ist nur die eine Seite von Davis' Spiel. Die andere zeugt von einer ungeheuren Stärke und Würde. Mit ihren Rollen in »Glaubensfrage«, »The Help« und »Fences« gibt Davis den Frauen aus der Generation ihrer Mutter eine unvergessliche, berührende Stimme und erinnert einen zugleich äußerst nachdrücklich daran, dass weder der Kampf um Bürgerrechte noch der um Gleichberechtigung vorüber, geschweige denn gewonnen ist.

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