Nahaufnahme von Sandrine Kiberlain

Die patente Neurotikerin
Sandrine Kiberlain in »Mit siebzehn« (2016). © Kool Filmdistribution

Sandrine Kiberlain in »Mit siebzehn« (2016). © Kool Filmdistribution

Sie hat selten in ganz großen französischen Filmen gespielt, weiß aber in jeder Nebenrolle zu glänzen. Ein bisschen auffallend ist sie sowieso, die große Dünne mit den blonden Haaren. Jetzt ist Sandrine Kiberlain in André Téchinés Jugenddrama »Mit siebzehn« zu sehen

Die Landärztin mit dem großen Lachen ist eine patente Frau. Aber sie fällt wie ein Häuflein Unglück in sich zusammen, als ihr Mann vom Einsatz an der Front in Afghanistan nicht mehr zurückkehrt. Das Helle und das Dunkle glaubhaft in einer Person zu vereinen, ist für die in Frankreich schon seit langem populäre Schauspielerin Sandrine Kiberlain eine Herausforderung, die sie nicht zum ersten Mal mit großer Glaubwürdigkeit meistert. In ihrem neuen Film »Quand on a 17 ans« (Mit siebzehn) hat sie als Mutter und moralische Instanz zwar an erster Stelle zwei Kampfhähne im schwierigen Teenalter zu befrieden, es gelingt ihr jedoch, ihren ganz persönlichen Schmerz mit gleicher Wucht in die eigentliche Geschichte des Films hi­neinzutragen. Regisseur André Téchiné, der sie erst jetzt entdeckte, war nicht der Erste, der sich von seiner Hauptdarstellerin überrascht zeigte – von der Art, wie sie allein mit dem Gewicht der Sprachlosigkeit menschliche Tiefen auszuloten versteht. Allzu leicht lässt man sich von der schlaksigen, rotblonden und sommerprossigen, auch heute, mit 49, noch mädchenhaften Erscheinung Kiberlains täuschen, die für Unbeschwertheit, Leichtigkeit, heiter Erbauliches zu stehen scheint; auch der gern zitierte, aus Kindertagen stammende Spitzname »Giraffe« lenkt den Blick auf das Körperliche, groß gewachsen und langbeinig. Dabei ist sie eine sehr vielseitige Schauspielerin, die inzwischen noch eine zweite Karriere als Sängerin gestartet hat.

Im Grunde hat Sandrine Kiberlain schon mit ihrer ersten Hauptrolle als Arbeiterin Alice aus einer Fischfabrik in Boulogne-sur-Mer gezeigt, was in ihr steckt. Sie erhielt 1996 einen Nachwuchs-­César für die Rolle der jungen Frau, die über Nacht in die Arbeitslosigkeit stürzt und, zwangsläufig, einen Neuanfang in der Großstadt Lyon wagt – eine Verliererin auf der Suche nach sich selbst. »En avoir (ou pas)« (Haben (oder Nichthaben)) ist ein tiefschwarzer, schonungsloser Film. Nicht nur in diesem ersten Teil der Trilogie »Arbeit, Geld, Liebe« unter der Regie der anspruchsvollen Laetitia Masson hatte die junge Schauspielerin ausgiebigst Gelegenheit, ihr Potenzial in allen Varianten auszuloten. Kiberlain überzeugt nicht weniger als Neurotikerin, die in einem turbulenten Roadmovie vor der Liebe davonläuft (»À vendre«) oder als Fantasiefigur, die im bonbonfarbenen Outfit dem Sänger Johnny Halliday auf den Fersen ist (»Love Me«). Ein wahres Geschenk für eine Anfängerin, die erst achtzehn Jahre später, 2014, ihren César als Beste Hauptdarstellerin im Film »9 mois ferme« entgegennehmen sollte – im komischen Fach. Die schrille Komödie über eine ehrgeizige und bislang untadelige Untersuchungsrichterin, die in einem schwachen, weil stark alkoholisierten Moment – die Folgen einer Silvesterfeier – von einem Unbekannten geschwängert wird, kam nicht in die deutschen Kinos, zählt jedoch zu den großen Komödienerfolgen in Frankreich. Der Clou: dass als Erstes ein angeblicher Serienmörder als Missetäter verdächtigt und gefasst wird; aber das ist nur der Beginn einer nicht enden wollenden Serie von Verwicklungen.

Die damals fünfundvierzig Jahre alte Sandrine Kiberlain, die nicht immer eine glückliche Hand bei der Wahl ihrer Filme bewies, dafür aber in jeder Nebenrolle glänzte, hätte sich – wie in der Kritik von »Le Monde« lobend vermerkt war – in dieser Komödie nun endlich getraut, aus sich herauszugehen und ihr wahres Potenzial zu offenbaren. Sandrine Kiberlain war in den neunziger Jahren mit einer Schauspielergeneration ins Kino gekommen, die sich neue Wege außerhalb des etablierten Starsystems erschließen konnte. Sie fiel von Anfang an durch ihre sehr unterschiedlichen Auftritte in kleinen Debütfilmen oder auch großen Produktionen auf, aber ihr fehlte offenbar der nötige Durchsetzungswille oder das nötige Selbstvertrauen zum ganz großen Durchbruch. Vielleicht spielte dabei auch ihre für den französischen Film ungewöhnliche Körpergröße eine Rolle.

Zu ihren schönsten Rollen zählt »Mademoiselle Chambon« (2009) an der Seite von Vincent Lindon, mit dem sie zehn Jahre zusammen war. Das heißt nicht, dass die Vertrautheit des bereits 2003 geschiedenen Ehepaars Kiberlain/Lindon vonnöten gewesen sei, um in aller Stille eine solche Spannung zu erzeugen. Die beiden begegnen einander in der Schule, sie eine Aushilfslehrerin, die von Stelle zu Stelle durch die Republik geschickt wird, er ein Maurer, sesshaft und solide, ein Familienvater, der in dieser zarten verträumten Frau, die ihn mit der Geige verzaubert, eine neue Welt entdeckt. »Mademoiselle Chambon«, inszeniert von Stéphane Brisé, ist ein kleiner langsamer Film, beinahe ein Kammerstück, das sich ganz auf Kiberlains Blicke verlassen kann, in denen unerfüllte Wünsche und verpasste Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen haben. Über der Geschichte liegt die Melancholie einer Einsamen, die schon den Ausgang, den erneuten Verzicht, vorwegnimmt.

Sandrine Kiberlain, die schon länger mit weißblond gefärbtem Engelshaar auftritt, das sie gern zu einem mütterlichen Knoten hochsteckt, ist aus dem französischen Kino nicht mehr wegzudenken. Wenn ihr auch das gewisse erotische Charisma der ganz großen Stars des französischen Kinos abgeht, hat sie zuletzt dort ihren Platz gefunden und wird mit Sicherheit auch öfter auf deutschen Leinwänden zu sehen sein.

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