Luther und die anderen: Der TV-Film »Zwischen Himmel und Hölle«

»Zwischen Himmel und Hölle«

»Zwischen Himmel und Hölle«. Foto: ZDF

Geschichte wird nicht von Einzelnen gemacht. Nicht mal von Martin Luther. Die TV-Produktion »Zwischen Himmel und Hölle« zeigt den großen Theologen als Teil eines Teams. Über Reformatoren im Film

Natürlich, so ist man versucht zu sagen, beginnt auch dieser Film um Martin Luther mit dem unvermeidlichen Thesenanschlag im Jahre 1517 an der Tür der Wittenberger Schlosskirche. Ein Bediensteter der Cranach-Werkstatt klebt den Aushang an, nicht Luther selbst wie vor zehn Jahren in Eric Tills »Luther«. Und entwickelt hat er die 95 Thesen auch nicht so ganz allein, wie wir sehen – da waren Lucas Cranach, der Maler und Drucker, und Georg Spalatin, der Mittler zwischen dem Kurfürsten und Luther, mit dabei. 95 seien jetzt genug, sagt Spalatin – als hätten es einmal 100 sein sollen.

Martin Luther hat es schwer in seinem 500. Jubiläumsjahr. Schon bei dem mutigen Streifen »Katharina Luther« von Julia von Heinz, der im Februar diesen Jahres in der ARD lief, konnte man sich des Gedankens nicht erwehren, dass er die Weisheit illustriere, hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine kluge Frau. Katharina von Bora zieht in diesem Film die Fäden, Luther ist ein besessener Workaholic, ein Antisemit; er liebt die große Geste, und er vergisst auch schon einmal vermeintlich Nebensächliches. Zum Beispiel den Brief, den er an die Nonne Katharina von Bora ins Kloster schickte und der einer der Gründe war, weshalb sie aus dem Kloster floh und nun mit dem Wagen in Wittenberg steht. »Du kannst nicht solche Briefe schreiben, ohne zu überlegen, wohin das führt«, herrscht ihn Melanchthon an. Der erscheint allerdings im Verlauf des Films fast wie ein Assistent des Meisters – ein pragmatischer Mann, der versucht, Luther auf den Boden der Realität zu holen.

»Katharina Luther« (2017). © ARD

Da haben Uwe Janson und seine beiden Drehbuchautoren Stefan Dähnert und Marianne Wendt in »Zwischen Himmel und Hölle« ihre Geschichte der Reformation von 1517 bis 1525 ganz anders angelegt. Luther ist umgeben von seinen Freunden Bodenstein und Thomas Müntzer, die die Ablehnung der Amtskirche und derer negativen Begleiterscheinungen, wie der Ablasshandel, eint. Die drei sind, wenn man so will, das rat pack der Reformation: Widerspenstige, die sich selbst in dieser Pose gefallen – rebels with a cause. Und Thomas Müntzer, das zeigt der Film von Anfang an, war so etwas wie ihr militanter Arm: Er raubt mit einem Zögling die Kasse des Ablasshändlers Hartmann und verteilt das Geld an die Armen. Joseph Fiennes in »Luther« war ja eher ein Einsamer, ein Einzelgänger ohne Freunde, nur der väterliche Mönch Johann von Staupitz war ihm ein Berater.

Janson hat seine Annäherung an die entscheidenden Jahre der Reformation, von den Thesen bis zur Niederschlagung des Bauernkriegs, als breites Panorama angelegt. Das wirkt zu Beginn der fast drei Stunden des Eventmovies etwas bräsig, wenn sich auch das Machtgeflecht zwischen dem Kurfürsten Friedrich, dem Erzbischof Albrecht und dem Kaiser entfaltet. Vielleicht ist »Zwischen Himmel und Hölle« nicht der große Wurf, der »Katharina Luther« war – aber man kommt von Anfang an nicht umhin, die Bilder dieses Films zu bewundern, die meist in dunklen Tönen gehalten sind, innen wie außen, und ein selten authentisches Bild der frühen Neuzeit zeichnen, mit Schlamm und Schmutz und dreckigen Körpern.

»Zwischen Himmel und Hölle« (2017). © ZDF

Nach seiner Anhörung vor dem Reichstag in Worms lässt Kurfürst Friedrich Martin Luther auf die Wartburg bringen. Die Inspiration zu seiner Bibelübersetzung stammt, so will es der Film, von dem ihn betreuenden Soldaten. Luther war ja nicht der Erste, der die Heilige Schrift in eine Volkssprache übersetzte. John Wycliffe hat das mehr als 100 Jahre vor ihm unternommen, als er sie ins Englische übertrug. Luther hat als historische Figur im Film stets die gesamte Reformation und auch ihre Vorläufer überstrahlt – es gibt nur wenige Spielfilme über andere Reformatoren. »John Wycliffe: The Morning Star« (1984) rollt die späten Jahre des Theologen auf, der an der Universität von Oxford lehrte. Die Filmemacher (Regie Tony Tew) haben ihm das Aussehen gegeben, wie man es von historischen Gemälden kennt (die allerdings deutlich später entstanden): ein alter Mann mit weißem wallenden Bart. Auch Wycliffe gerät in der mit 75 Minuten eher kurzen und statisch inszenierten Low-Budget-Produktion in Konflikt mit der katholischen Kirche, deren Autorität er anzweifelt. In vielem erscheint er hier als ein Vorläufer Martin Luthers, in seinem Rückbezug auf die Worte der Bibel als einzige Legitimation des Glaubens ebenso wie mit der Erkenntnis, dass seine Theologie eine soziale Komponente beinhaltet. Wycliffe jedenfalls äußert Verständnis für den Aufstand der unterdrückten Bauern.

Luther, wir wissen es, hatte dieses Verständnis nicht. In der zweiten Hälfte konzentriert sich »Zwischen Himmel und Hölle« auf den Konflikt zwischen Luther und Thomas Müntzer, die zwei Richtungen der Reformation repräsentieren: die bewahrende, ausschließlich dem Glauben verpflichtete und eine Theologie der Befreiung. Janson schneidet einmal zwei Predigten der beiden ineinander: Luther wirft Müntzer Verirrung vor, Müntzer dagegen wettert gegen die Fürsten. Die Sympathien des Films gehören fast mehr den Rebellen und den aufständischen Bauern, die die »Freiheit des Christenmenschen« einfordern.  

»Zwischen Himmel und Hölle« (2017). © ZDF

In der DDR war Thomas Müntzer, der sich auf die Seite der Bauern schlug, eine wichtige Figur, so etwas wie ein Vorkämpfer des Sozialismus in der »frühbürgerlichen Revolution«. 1956 hat Martin Hellberg mit großem Aufwand für die ostdeutsche DEFA »Thomas Müntzer – Ein Film deutscher Geschichte« in Szene gesetzt (später, 1989, drehte das DDR-Fernsehen noch das etwas spröde Dokudrama Ich, Thomas Müntzer, Sichel Gottes). Luther kommt in diesem Film als Person nicht vor, nur als Zentrum des Streits; der Film betont von Anfang an die Klassenauseinandersetzung, wenn Müntzer erleben muss, wie ein armer Bauer gejagt wird. Müntzer ist in diesem Film kein junger Rebell wie in »Zwischen Himmel und Hölle«, sondern eine staatstragend wirkende Figur, ein Visionär, der, wie alle Figuren, eine betont historisierende Sprache spricht. Es gibt aber auch ein verbindendes Element zwischen den beiden Filmen: der Blick über das Schlachtfeld, auf dem die grausam hingemetzelten Bauern liegen.     

Das ZDF zeigt »Zwischen Himmel und Hölle« am 30.10. um 20.15 Uhr. Am 3. November kommt der Film als DVD heraus.

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