Hier ist es zu voll!

Unsere "steile These" des Monats Januar

Neulich habe ich mir die Trailer zu den Blockbustern des neuen Jahres angeguckt. Danach brauchte ich Augentropfen. Überanstrengt. Es gibt einfach zu viel zu sehen in diesen Filmen – ich meine jetzt rein mengenmäßig, gerechnet als Informationseinheiten per Quadratzentimeter Bild (ipq). In »Assassin’s Creed« staffeln sich Menschenmengen, Gebäude und Felsformationen bis zum Horizont. In »Transformers 5«: kaderfüllende Blech­lawinen mit einer Million Schrauben. In »Fast and Furious 8«: Autos, Gebäudetrümmer, Flammen, Wassermassen... und Autos. Das ist alles detailliert gestaltet und durchornamentiert; kein Wams blieb hier unbestickt, kein Stein unbemoost, kein Kotflügel ohne Glanzeffekt. Und wo nichts steht oder fährt, muss mindestens Nebel wabern. Horror vacui, könnte man meinen. Eine grauenhafte Angst vor der Leere. Aber vielleicht kommt es auch nur von der Computeranimation: Es wird gemacht – weil es geht. War ja schon so, als Peter Jackson die »Massive«-Software für die Ork-Heere im »Herrn der Ringe« entdeckt hatte.

Klar, es gibt auch bildende Künstler, die den Platz auf ihren Holztafeln oder Leinwänden voll ausgenutzt haben und dafür weltweit gefeiert werden. Hieronymus Bosch zum Beispiel, der hat in seinem »Garten der Lüste« überall irgendwas hingemalt. Aber vor einem Bosch-Werk kann man eine Stunde lang stehen und sich jedes Blatt, jede Blüte, jedes kleine, feine Monster ansehen, während im Kino der ganze Schamott in Bewegung ist, in rasender Bewegung. Irgendwann wird niemand mehr einen Film interpretieren oder kritisieren können, ohne ihn zu Hause mit der Standbildfunktion abgetastet zu haben. »Hast du nicht den Androiden im Schlagschatten von Optimus Prime bei 1:22 bemerkt? Ändert die komplette Semantik von »Transformers 11!« Wenn es so weit kommt, werde ich mich mit »Lawrence von Arabien« auf die Couch zurückziehen, in dessen berühmtester Szene  die sich langsam vergrößernde Figur eines Reiters in einem Meer von Sand auf die Kamera zukommt. Einmal wird der Held hier gefragt: »Was reizt Sie eigentlich persönlich an der Wüste?« Darauf Lawrence: »Sie ist sauber.«

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