Desktop-Filme: Hilfe, da gibt's keinen Button!

»Profile« (2018, Timur Bekmambetov)

»Profile« (2018, Timur Bekmambetov)

Wenn Sie ins Kino gehen und sehen auf der Leinwand nur Taskleisten, Suchmasken, YouTube- und Handyvideos – dann sind Sie in einem Desktop-Film. Das neue ­»Subgenre« zeigt die Welt, wie sie sich auf der Benutzeroberfläche eines Computers darstellt. Und findet natürlich auch im Internet statt

Sich kein Bildnis zu machen von dem, was über allem steht, in allem ist und das Geschick der Welt lenkt, ist ein Gebot im Christentum. Könnte diese menschliche Beziehung zur göttlichen Kraft, die ähnlich im Islam und im jüdischen Glauben verankert ist, etwas zu tun haben mit der Beziehung zu sehr Diesseitigem? Mit jener Macht computerbasierter Vernetzungen, Vermessungen und Regelungen, die als »das Digitale« als allgegenwärtig sowie die Gegenwart und Zukunft bestimmend gilt? Welche Bilder kennen wir etwa vom Wirken des Internets, von den gerade entstehenden »Smart Cities« oder auch nur von dem, was unsere Smartphones eigentlich so tun?

Der Verdacht, es gebe es so etwas wie ein Verbot, die Wirkungsmacht und Präsenz von Computertechnologie ins Bild zu setzen, ist natürlich Quatsch. Unzählige Gegenbeispiele in Form von Filmen, Texten und Kunstwerken wären da zu nennen. Und doch ringt diese Bilderproduktion immer noch und immer wieder mit dem Mythos »des Digitalen«, der gerade die immaterielle, nahezu magische Ermächtigung beschwört, die Computer als alles durchsetzende universelle (Wunsch-)Maschinen ermöglichen. Deus per Machina.

Erstaunlich unbeschadet von Dämpfern wie Überwachungsskandalen, Datenmissbrauch oder Filterblasen gilt heute »Industrie 4.0« als Heilsversprechen und scheint sich die bedenkliche FDP-Parole »Digital first – Bedenken second« überparteilich durchzusetzen. Wie lässt sich dieser Komplex verstehen und – schwieriger noch – darstellen? Auf der Suche nach Filmbildern zur Gegenwart des Computers ist ein Genre besonders vielversprechend: Desktop-Filme.

»Apple Computers« (2013, Nick Briz)

Alles, was in diesen Filmen geschieht, spielt sich auf einem Computermonitor ab. Seit Mitte der 2010er Jahre verhandeln Desktop-Filme die Welt in den Programm-Fenstern und mit den Interfaces, die zum Alltag des Umgangs mit Computern gehören. Diese internationale Bewegung, die unter anderem mit dem Kurzfilm »Noah« (2013, Walter Woodman & Patrick Cederberg), dem Video »Grosse Fatigue« (2013) der Künstlerin Camille Henrot, den Video-Essays »Apple Computers« (2013, Nick Briz) und »Transformers: The Premake« (2014, Kevin B. Lee) sowie den abendfüllenden Spielfilmen »The Den« (2013, Zachary Donohue), »Open Windows« (2014, Nacho Vigalondo) und »Unknown User« (Unfriended, 2014, Levan Gabriadze) begann, folgt einem Konzept der Konzentration. Die Grenzen und Bedingungen des User-Interfaces definieren, was geht.

Desktop-Filme erzählen, zeigen und erkunden Realität, indem sie mit all dem arbeiten, was Computer uns an Mitteln an die Hand und vor die Augen und Ohren geben. Genau darin liegt ein Reiz und eine Provokation dieser Filme: Die Welt ist hier ausschließlich das, was nach den Möglichkeiten des Computers der Fall ist.

»Noah« (2013, Walter Woodman & Patrick Cederberg)

Was sich zeigt, zeigt sich unter der Bedingung eines Betriebssystems auf einem Bildschirm. Programme präsentieren audiovisuelles Tun auf und mit Internetseiten, Videos, Musik, Chats und weiterer Software. Der Sound dieser Filme wird gleich mitprozessiert,Traffic für die Lautsprecher. Gleichzeitig ist in Desktop-Filmen neben Spotify-, YouTube- oder Skype-Tönen aber immer wieder auch der Umgang mit Hardware zu hören – das Klicken der Maus, das Klackern der Tastatur. Ein Diesseits des Desktops klingt da an, auf den sich ansonsten ja alles konzentrieren soll. Auf den Schirm!

Das beginnt zum Beispiel in »Noah« mit der Eingabe eines Passworts, damit das (Online-)Schicksal der Titelfigur seinen selbstgeklickten Lauf nehmen kann. In den Fenstern auf Noahs Computer führen Gespräche über das Internet-Telefonie-Programm Skype, Facebook-Posts und Kurznachrichten von seiner Freundin Amy zu einer ungewollten Trennung, die einer ganz eigenen Dynamik folgt. Sie wird wahr, bevor sie tatsächlich passiert, indem auf Facebook der Status von »in a relationship« – in einer Beziehung – zu »single« geändert wird. It just works.

»Unknown User« (Unfriended, 2014, Levan Gabriadze) Trailer

Ähnlich erzählt »Unknown User« eine Horrorgeschichte um die Schülerin Laura Barns (Heather Sossaman), deren auf YouTube dokumentierter Selbstmord zum Ausgangspunkt für einen techno-gespenstischen Rachefeldzug wird. Wir verfolgen ihn auf dem Desktop von Lauras Freundin Blaire (Shelley Hennig). Fenster-Wechsel zwischen YouTube, Facebook, iMessage und vor allem Skype-Videokonferenzen mit Blaire und ihren Freunden erklären, wie Online-Mobbing Laura in den Tod getrieben hat.

Zugleich manifestieren diese Programm-Wechsel bald die übernatürliche Präsenz eines »unknown user«, der/die/das unsichtbar und unheimlich die Handlung vorantreibt. Von dieser magischen Kraft macht sich »Unknown User« kein Bild – nur: Er/sie/es lässt sich aus den Skype-Konferenzen nicht entfernen. Er/sie/es postet auf Facebook, schickt Text-Nachrichten, konfrontiert die Gruppe mit ihrer Schuld, setzt sie unter Druck und meuchelt sie schließlich der Reihe nach.
Skype liefert (gestörte) Bilder und Töne dazu. Dieses Programm ist das Programm dieses Films, weil es Gegenwärtigkeit und Verbindung anzeigt und herstellt.

Das moralische Setting von Beispielen wie »Noah« und »Unknown User« ist allerdings keine Grundeinstellung der Desktop-Filme. Im Gegensatz zu Spielfilmformen – wie auch »Open Windows« mit Elijah Wood – haben die kürzeren und experimentelleren Varianten kaum Interesse, die Frage des Sozialen so offensichtlich mit dem zu verbinden, was so unter »Social Media« läuft.

»Transformers: The Premake« (2014, Kevin B. Lee)

Eine andere Form von Vernetzung und einen anderen Umgang damit gibt es zum Beispiel bei »Transformers: The Premake«. Der großartige Video-Essay von Kevin B. Lee (vgl. Thomas Meders Artikel) unternimmt als »desktop documentary« zunächst zweierlei: Er zeigt erstens die Verbreitung von Videos, die – vor allem von Fans – während der Dreharbeiten zu Michael Bays »Transformers: Age of Extinction« (2014) veröffentlicht wurden; zweitens beschreibt er, in welchem Verhältnis die Videos zu dem Produktions- und PR-Prozess dieser Großfortsetzung stehen.

Auf das Blockbuster-Prinzip der Ausbreitung, das den vierten »Transformers«-Teil zu etlichen Drehorten in China geführt hat, antwortet »The Premake« mit Verdichtung. Das erste Erscheinen des Browserfensters ist darum zugleich auch der Moment, in dem ein Zoom sich auf die Suchzeile von YouTube und dann auf die Ergebnisse der Suche nach »transformers 4« konzentriert. Von nun an wird die virtuelle Kamera, die dieses Desktop-Geschehen festhält, in Bewegung bleiben: Sie wird in Websites, Videos, Texten und Karten ein- und ausgehen, sie wird sich vertiefen, wird Überblicke gewinnen und verlieren.

Bilder, Worte, Zeichen stehen, laufen und tönen neben- und übereinander. Der Blick versinkt in ein YouTube-Video, um danach in Google-Maps wieder herauszuzoomen. Unter einem Clip von Fans vor einer drehbereiten »Transformers«-Karre wird auf einer anderen Website ein Text über die Soziologin Tiziana Terranova markiert: »Free Labor«. Darin geht es um Terranovas Position zum Internet als Feld der unbezahlten Arbeit, durch die »User zu produktiven Subjekten werden«, indem sie etwa als Fans Medienprodukte hypen, liken und bewerben.

An solchen Verhältnissen von Kultur, Markt und Macht – auch der »User« – richtet sich die Form dieses Desktop-Films aus. Die globalen und lokalen Fragen (was zum Beispiel geschieht an und mit den Drehorten in China und den USA?) werden hier auf dem Desktop »glokalisiert«, indem sich auf der engen Oberfläche des vernetzten Computers Fenster öffnen, die allesamt 'raus ins World Wide Web führen. Das kann irre machen. Am Ende öffnen sich nacheinander um die 50 Browser-Fenster und darüber dann noch mal gut 200 Videodateien, die den Rechner so überlasten, dass sich nur noch der Warte-Cursor dreht. Eine logische Konsequenz: Das System, zu dem »The Premake« gehört und sich verhalten will, dreht durch.

»Constituting an Outside« (»Utopian Plagiarism«) (2015, Zach Blas)

Mit den Mitteln des (Betriebs-) Systems dagegen vorzugehen, ist der Ansatz, mit dem der Künstler Zach Blas Desktop-Filme macht. Zu seinem Zyklus »Contra-Internet« (2014–2018) gehört »Constituting an Outside« (»Utopian Plagiarism«) von 2015, der auf der diesjährigen Transmediale in Berlin präsentiert wurde: Ein Mac-Desktop grüßt da mit dem Schriftzug »Internet«, dann wird iTunes gestartet und darin der Song »Get Off the Internet« von LeTigre, zu dessen Punk-Beats Textdateien geöffnet, kopiert, eingesetzt und verändert werden. Konkret: Während LeTigre singt und schreit – »It feels so 80's or early 90's to be political. Where are my friends? Get off the internet, I'll meet you in the street« – bastelt die Desktop-Aktivität Textbausteine etwa von Beatriz Precadio, Fredric Jameson und aus J.K. Gibson-Grahams »The End of Capitalism (As We Knew It): A Feminist Critique of Political Economy« zu einem neuen Dokument zusammen.

Fertig und durch die Sprachausgabe dann auch vorgelesen wird der neue Text aber erst, nachdem begrifflich Bambule gemacht worden ist: Wenn aus Kapitalismuskritik Internetkritik wird, und zwar – das ist der gegen sich selbst gewendete Gag – automatisch beziehungsweise algorithmisch. Das geht ganz einfach mit der Alles-Suchen-und-Ersetzen-Funktion des Textprogramms, dank der ein Begriff im gesamten Text maschinell durch einen anderen ersetzt wird. Magischer Realismus: So kann ich dabei zusehen, wie das Programm aus »contrasexualidad« einfach »contrainternet« macht, »capitalism« in »internet« verwandelt und sowohl »economy« als auch »world« danach stets »network« sind. Das klingt dann ganz passend, Agitation durch Funktion. Und wer zweifelt, kann sich an die zweite Strophe von LeTigre erinnern: »This is repetitive. But nothing has changed. And I'm crazy.«

Was können Spielfilme davon haben? 2018 legt der kasachische Filmemacher Timur Bekmambetov – der Produzent von »Unknown User« und unter anderem Regisseur wie Produzent von »Abraham Lincoln Vampirjäger« (2012) – gleich drei Versuche nach. Unter den Bezeichnungen »Desktop-Thriller« oder »Social-Media-Thriller« liefert Bekmambetov als Produzent das Sequel »Unknown User 2: Dark Web« (Regie Stephen Susco) und »Searching« (Regie Aneesh Chaganty) über die Suche eines Vaters (John Cho) nach seiner verschwundenen Tochter. Sein Film, so Chaganty, sei »ein Schaufenster der riesigen Bandbreite menschlicher Emotionen, die auf einem Bildschirm erfahrbar sind«.

»My Crush was a Superstar« (2017, Chloé Galibert-Laîné)

Drittens wird »Profile«, in dem Bekmambetov selbst Regie führt, eine Journalistin (Valene Kane) bei dem Versuch verfolgen, sich für den IS rekrutieren (und heiraten) zu lassen. Gerade und nur als »Bildschirmleben«, als Screenlife, verspricht Bekmambetov, entwickle Profile »unglaubliche Spannung«. Eine andere, weniger dramatische als vielmehr analytische Desktop-Auseinandersetzung mit der Onlinepräsenz von IS-Terroristen hatte ein Jahr zuvor Chloé Galibert-Laîné mit dem Video-Essay »My Crush Was a Superstar« (2017) realisiert.

Noch sind die drei Bekmambetov-Filme in Deutschland nicht angelaufen (und auch im Netz nicht zu sehen). Profile wurde in diesem Jahr auf der Berlinale gezeigt und gewann den Panorama-Publikumspreis, »Searching« soll am 20. September in die Kinos kommen. Eine große Chance dieser und kommender Desktop-Filme besteht darin, mehr zu sein als ein neues Mittel, Nähe zu bekannten Stoffen, Typologien und Gefühlen zu erzeugen. Denn was hier zugleich möglich wird, ist eine neue Beziehung zu den Apparaten, Programmen, Netzwerken und Gewohnheiten, mit denen wir unser Leben regeln und regeln lassen. Über das hinaus, was an menschlichem Tun auf Screens beobachtbar wird, könnten wir die Prozesse selbst anders kennenlernen, auf deren Rohstoffe, Regeln und systemsichere Abläufe wir uns permanent verlassen. It just works.

»All That Is Solid« (2014, Louis Henderson) Trailer

Louis Hendersons Desktop-Essay »All That Is Solid« (2014), in dem Analogien zwischen früheren Goldminen-Geschäften in Ghana und dem heutigen Ausschlachten von Computerschrott gezogen werden, macht dazu Vorschläge. Und auch »Unknown User« hat hier etwas beizutragen. Dies geschieht vor allem in jenen Momenten, in denen sich die übernatürliche Bedrohung des »unknown user« buchstäblich programmatisch zu zeigen beginnt: Übliche, verlässliche Aktionen in und mit Programm-Interfaces sind auf einmal irgendwie magisch – also durch Programmierung – blockiert oder unmöglich.

So verschwindet der »disconnect call«-Button im Skype-Menü auf unerklärliche Art. »Da gibt's keinen Button, da gibt's keinen Button!«, ruft die bedrohte Skype-Gruppe um Blaire. Den passenden Kommentar hat der allmächtige Geist-User, der Satan in der Maschine, schon in den Chat getippt: »problem, guys?« Gerade das – Widerstand im Flow, (Ver-) Störung im Betriebsablauf – könnte uns anders jene Gegenwart zeigen, in und mit der wir leben.

Desktop-Filme online – eine Auswahl

‣ »Noah« (2013, Walter Woodman & Patrick Cederberg)

‣ »Grosse Fatigue« (2013, Camille Henrot)

‣ »Apple Computers« (2013, Nick Briz)

‣ »Transformers: The Premake« (2014, Kevin B. Lee)

‣ »Contra-Internet« (2014-2018, Zach Blas)

‣ »My Crush was a Superstar« (2017, Chloé Galibert-Laîné)

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