Interview mit Lars Kraume über seinen Film »Das schweigende Klassenzimmer«

Lars Kraume am Set von »Das schweigende Klassenzimmer« (2018). © Studiocanal

Lars Kraume am Set von »Das schweigende Klassenzimmer« (2018). © Studiocanal

Herr Kraume, das Buch von Dietrich Garstka, einem der damals beteiligten Schüler, erschien 2007. Wann und wie sind Sie darauf gestoßen?

Im selben Jahr, als ein befreundeter Produzent es mir in die Hand gedrückt hat. Ich hatte aber zunächst keine richtige Idee, war damals auch mit »Die kommenden Tage« beschäftigt. Es stand aber immer im Bücherregal an meinem Arbeitsplatz. Fünf Jahre später, als ich »Der Staat gegen Fritz Bauer« schrieb, nahm ich es noch einmal zur Hand und dachte: das ist interessant, weil es dieselbe Zeit ist. Bei der Produktionsfirma, die damals gerade die Rechte optioniert hatte, habe ich angefragt, ob sie einen Autor brauchen.

Haben Sie zusätzlich zu dem Buch weiteres Quellenmaterial hinzugezogen?

Meines Wissens hatte der Autor vor mir sehr umfassend versucht, mit allen Schülern Kontakt aufzunehmen und die Perspektiven aller Schüler zusammenzubringen; mir erschien es sinnvoller – weil 20 Leute auch 20 unterschiedliche Geschichten im Kopf haben –, mich nur auf die Perspektive Garstkas zu konzentrieren. Daneben habe ich das Umfeld recherchiert, den Ungarnaufstand, die Veränderungen der sowjetischen Politik, die mit Chruschtschow kamen – und ich habe natürlich versucht, ein Gespür für diese Zeit in der DDR zu bekommen. Dazu gehörte etwa der DDR-Verbotsfilm »Karla«, der auch unter Abiturienten spielt und ähnliche Themen behandelt – auch dort gibt es einen Lehrer, der eine Nazi-Vergangenheit hat. An »Spur der Steine« war das Ringen um die sozialistische Idee interessant, ganz wichtig war natürlich auch »Berlin – Ecke Schönhauser«, weil der aus dem Jahr 1957 stammte und die Jugendkultur in der DDR eine wichtige Quelle war.

Sie haben aus dramaturgischen Gründen Hinzufügungen vorgenommen?

Die Geschichte ist ja minimalistisch – es gibt die Schweigeminute und die Reaktionen darauf. Das ist aus Drehbuchsicht schwierig, weil Film Bewegung, Konflikt, Dilemma ist. Das musste ich hinein bringen, aber ich konnte natürlich nicht so viel hinzufügen, weil das die historische Akkuratesse verändert hätte. Dietrich Garstka hat immer alle Fassungen gelesen und – wenn ich mit der Dramatisierung zu weit ging – Einspruch erhoben. Die Geschichte ist so passiert, aber sie ist dramatisiert – eine Figur wie Edgar, die geopfert wird, weil er sein Radio zur Verfügung stellte, die gab es nicht. Aber das sind so Techniken, mit denen man die dramatische Konsequenz dieser Schweigeminute erst zur Geltung bringt für ein heutiges Publikum.

Zu den Hinzufügungen gehört auch das auftauchende ‚Familiengeheimnis’?

Ja, die Drehbücher zu diesem Film und zu »Fritz Bauer« sind parallel geschrieben. Der Umgang mit der Nazivergangenheit ist in beiden Filmen relativ wichtig. Da sind Beobachtungen über die Zeit der fünfziger Jahre auch aus dem einen Film in den anderen hinübergewandert.

Das Element der Familien, gerade auch der Risse, die durch die einzelnen Familien gehen, verbindet den Film mit früheren Filmen von Ihnen, wie »Familienfest«, »Meine Schwestern« und »Die kommenden Tage«.

Konflikte in Familien zu spiegeln interessiert mich sehr, ich habe selber eine Familie, habe Geschwister, ich kenne diese Konflikte sehr gut. Wenn ich ein für mich fremdes Thema bearbeite, wie die DDR 1956, dann fällt es mir natürlich leichter, es in so einen Kontext zu bringen als etwa bei »Spur der Steine«, wo die ganze Zeit diskutiert wird über die Einführung des Dreischichtensystems.

Die Jungdarsteller sind zwar keine Debütanten, aber auch keine bekannten Gesichter – das verleiht dem Film etwas Authentisches….

Das war mir wichtig dass sich die Zuschauer nicht sagen, »den kenne ich doch aus…«

Auf der anderen Seite gibt es bei den Erwachsenen eine Reihe von Darstellern, mit denen Sie bereits gearbeitet haben, die man kennt.

Alle von ihnen, mit Ausnahme von Burghart Klaußner, sind in der DDR sozialisiert worden. Das war einer der wichtigsten Gesichtspunkte beim Erwachsenen-Casting. Florian Lukas, der den Direktor spielt, sagte bei den Kostümproben, er hätte gerne ein Pelzmützchen, weil die die immer aufhatten – solche Details bringen die halt mit. Das Konzept des Neulehrertums kann ich mir zwar anlesen, aber Florian konnte es mit Inhalt füllen.

Verglichen mit den ganzen subtilen Repressionsmechanismen, mit denen man damals in der Bundesrepublik gegen Andersdenkende vorging und die Sie in »Der Staat gegen Fritz Bauer« sehr detailliert zeigen, kam mir die Repression, wie sie hier der Minister und die Parteisekretärin ausüben, vergleichsweise schlicht vor.

Das gilt aber nur für diese beiden Figuren. Mir war bei dem Film wichtig, dass er nicht generell in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß teilt, dass man vielmehr versteht, dass ein Direktor versucht auch abzuwägen, seine Möglichkeiten zu nutzen, und dass eine Figur wie der Volksbildungsminister, der mit relativ großem Kaliber auf eine kleine schwache Schar von Schülern schießt, irgendwann zu erkennen gibt, dass er wegen seiner Erfahrungen mit der SA einen Grund hat, weshalb er so radikal gegen jede Form von anderem Gedankengut vorgeht. Ich habe versucht, so viel wie möglich Verständnis und Interesse für diesen jungen Sozialismus aufzubringen.

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Kommentare

Wer finanzierte den Aufenthalt der Schüler im Internat? Doch sicherlich nicht die Eltern. Es bleibt ein fader Geschmack bei dieser GEschichte 1956. Ich ging in dieser Zeit der offenen Grenze selbst zu EOS, an Abwerbungsversuchen im kalten Krieg hat es nicht gefehlt.

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