Interview mit Dietrich Brüggemann zu seinem Tatort »Stau«

Bild v. li.: Regisseur Dietrich Brüggemann, Richy Müller, Kameramann Andreas Schäfauer und Felix Klare. Bild: SWR/Alexander Kluge

Bild v. li.: Regisseur Dietrich Brüggemann, Richy Müller, Kameramann Andreas Schäfauer und Felix Klare. Bild: SWR/Alexander Kluge

Der SWR-Tatort »Stau« läuft am So., den 10.9. um 20:15 Uhr in der ARD (danach noch einen Monat in der Mediathek verfügbar)

Ein nasskalter Herbsttag in Stuttgart. Die Stadt steht im Stau. Alle wollen nach Hause, keiner kommt voran. In einer Wohngegend liegt ein junges Mädchen tot am Rande der Fahrbahn. Schädelbasisbruch, das könnte ein Unfall mit Fahrerflucht sein, aber auch eine absichtliche Tötung. Die einzige Straße vom Tatort führt geradewegs in den Stau. Einer von den festgesetzten Autofahrern muss der Täter sein und die Kommissare wollen ihn unbedingt erwischen, bevor der Stau sich auflöst.

Ihr Tatort »Stau« zeigt uns eine kammerspielartige Echtzeitermittlung mit einer Vielzahl an Tatverdächtigen. Was war da beim Dreh die größte Herausforderung und wie unterscheidet sich der Dreh bei einer konventionellen Krimistruktur?

Die Herausforderung ist immer dieselbe: Alle Fäden in der Hand behalten, jedem gerecht werden, nichts übersehen. Was der Unterschied zum konventionellen Krimi ist, kann ich gar nicht sagen, weil ich noch nie einen gedreht habe. Aber generell ist so ein Dreh in einer kontrollierten Situation, in der man sich drei Wochen aufhält, aber äußerst angenehm – viel schöner als die übliche gehetzte Hin- und Herfahrerei, wie man sie beim Film zu oft hat. Auch die Arbeit mit einem großen Ensemble genieße ich sehr. Vermutlich ist die Herausforderung sogar größer, wenn die Last der Erzählung sich auf weniger Schultern verteilt.

Wir sehen in den Autos verschiedene Charaktere: Der entspannte Genussmensch, das Arbeitstier, der Aggrotyp, die stressgeplagten Eltern ... Was für ein Typ Autofahrer ist Dietrich Brüggemann im Stau und welche Musik wäre in Ihrem Radio gelaufen um Sie als Figur einzuführen?

Ich kann andere Leute schlecht in Typen einteilen und mich selber schon gar nicht. Klar fallen die Leute im Film, wenn man sie anschaut, in bestimmte Typklassen, aber man denkt sie sich zunächst als Individuen, die sich unter der Macht ihrer Lebensumstände halt am Ende nur so verhalten können, wie sie es tun. Wenn ich selber mal in einen Stau gerate, bin ich schicksalsergeben. Wenn man nette Mitfahrer hat, ist es eh ganz lustig, und wenn man allein ist, kann man wenigstens die Musik aufdrehen, ohne daß der Motor stört (mein Auto ist sehr alt und damit sehr laut). Als Autofahrmusik  würde bei mir vermutlich genau der Zusammenschnitt laufen, der im Film auf sechs Autos verteilt ist. 

Sie haben Tom Lass, seinerseits Regiekollege mit einem Faible für Improvisation, in einer kleinen Nebenrolle als Schutzpolizist besetzt. Was halten Sie als Regisseur von der Arbeit mit improvisierten Dialogen oder reduziertem Drehbuch?

Von der Arbeitsweise halte ich so viel wie vom jeweiligen Endergebnis. Es gibt großartige und schreckliche Impro-Filme. Wenn es am Ende toll ist, dann ist es toll. Ich hätte große Lust, mal einen halb oder ganz improvisierten Film zu machen – aber ich habe den Verdacht, daß der dann gar nicht so anders wäre als die, die ich sonst mache. Was mich bspw. mit Axel Ranisch und den Lass-Brüdern verbindet, ist nicht die Arbeitsweise, sondern die Denkweise. Wir finden ähnliche Dinge interessant, wir suchen auf ähnliche Weise die Tragik in der Wahrheit und die Wahrheit in der Komik. Einer der lustigsten Sätzen, die Tom in diesem Film sagt, kam sogar tatsächlich von ihm. 

Den Tatort-Zuschauer reizt die Entdeckung des regional Bekannten auf dem TV-Bildschirm. Orte, Straßen und Sehenswürdigkeiten "vor der Haustür" in Ludwigshafen, Wiesbaden, Stuttgart oder München. Die Weinsteige dürfte den staugeplagten Stuttgartern sicherlich ebenfalls bestens bekannt sein. Im Falle eines Heimattatorts in Ihrer Stadt – Berlin – Welche Schauplätze hätte der ganz persönliche Brüggemann-Tatort?

Natürlich die abgedroschensten Klassiker: Funkturm, ICC, Goldelse, schwangere Auster, Fernsehturm, Gedächtniskirche, Flughafen Tempelhof, Weltzeituhr und so weiter. Ich würde auch gern eine Figur einführen, die all diese Wahrzeichen andauernd bei ihren Berliner Kampfnamen nennt und dazu ständig neue Volksmund-Bezeichnungen erfindet. Der Rest des Films müßte dann in der U-Bahn zwischen all diesen Orten spielen. Oder auf dem Fahrrad! Das ist nämlich der Ort, an dem ich die meiste Zeit verbringe. Berlin ist Fahrradfahren. Und das Fahrrad ist in der Filmgeschichte ohnehin unterrepräsentiert, vermutlich weil es, anders als Autofahrten, ziemlich kompliziert zu drehen ist. 

Die Tatortreihe wird immer experimentierfreudiger (z.T. entgegen der Sehgewohnheiten der Zuschauer). Angekündigt sind u.a. ein One-Shot-Tatort (Dani Levy) und ein Frankfurter Horrorkrimi zu Halloween. Sehen Sie das Kammerspiel in »Stau« ebenfalls als kleine Abweichung von der Norm? 
Sie haben schon einen zweiten Tatort abgedreht. Wird der auch etwas anders als gewohnt oder gar extremer?

Wir haben versucht, mit einem zweifachen Salto das Muster zu brechen und trotzdem zu erfüllen. Darin liegen doch vor allem Eleganz und Freude. Wenn man ein so eingeführtes Format zu sehr in eine andere Form quetscht, dann ist irgendwann der Witz weg. Dann hat man sich halt zugunsten der eigenen Vision am Tatort vergangen, und beide bleiben am Ende unbefriedigt zurück. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, wenn man nach einem Kinoerfolg, der auf einem zentralen Gimmick basierte, »ich auch!« ruft und einen Tatort auf die gleiche Weise dreht. Der zweite Tatort, den ich gemacht habe, ist wieder ganz anders, da erlebt Ulrich Tukur zwölfmal genau denselben Tag und wird jedesmal erschossen. Das wird auf eine Art auch ein Spiel mit den Sehgewohnheiten – man sieht ja in Krimis wirklich immer dasselbe. Wenn ich Demobänder von Schauspielern durchgucke, komme ich mir vor wie Bill Murray in »Täglich grüßt das Murmeltier«: Ein Verhör nach dem anderen. Wir ermitteln uns zu Tode. Also war es Zeit für einen Tatort, der genau diesem Krimi-Overkill den Spiegel vorhält. 

Der Tatort läuft jetzt seit 47 Jahren als deutsche TV-Institution und wird das wohl auch noch für einige Zeit tun. Was wird sich in drei Jahren, im 50-Jahres-Tatort 2020, an der Rezeptionsweise für den/die ZuschauerIn und an der Machart für den/die RegisseurIn geändert haben ?

Ich kann sowenig in die Zukunft gucken wie jeder andere, aber an Sehgewohnheiten und Macharten wird sich erstmal nicht so viel ändern. Diese Dinge sind schwerfälliger, als man meint, und vieles, was wie ein Vorbote der Zukunft aussieht, erweist sich hinterher als zeitbedingte Mode. Sonst würden ja heute alle Filme aussehen wie Videclips aus den 90ern. Die thematische Relevanz ist ja Fluch und Segen des Tatorts, allzu oft findet man da auch nur das, was gerade in der Zeitung steht und worüber der biodeutsche Mittelstand sich momentan Sorgen macht. Das ist ja auch erstmal okay, denn auch diese Themen werden uns nicht so schnell verlassen, sondern sich eher noch zuspitzen. Bei der Machart sehe ich eine bestimmte Entwicklung an einem End- oder Wendepunkt: Man kann nicht immer weiter sparen und beschleunigen. Irgendwann ist die Drehzeit so kurz und gehetzt, daß einfach nichts gutes mehr herauskommt. Dann sieht es aus wie Daily Soap, und dann kann man es auch einfach lassen. Der Zuschauer schluckt das zwar erstmal alles, aber trotzdem setzt Qualität sich irgendwie durch und spricht sich herum. Wir konkurrieren heute (und in drei Jahren erst recht) mit der Film- und Serienproduktion der gesamten restlichen Welt. Alles ist nur einen Mausklick entfernt. Die Amerikaner haben verstanden, daß Qualität nur dann entsteht, wenn man erstens gute Leute engagiert und ihnen zweitens kreative Freiheit läßt. Und dieser Gedanke scheint sich hierzulande auch allmählich durchzusetzen. Beziehungsweise diejenigen Sender, in denen die Redakteure sich weiterhin wie Gouvernanten aufführen, werden irgendwann feststellen, daß sie langweilige Durchschnittsware produzieren, die kein Herz höher schlagen läßt. Und damit werden sie werden auf lange Sicht ein Problem kriegen, denn in der zunehmen schärfer werdenden Gebührendebatte ist es das stärkste Argument, wenn man etwas herstellt, das die Leute lieben und auf das sie stolz sind. Ich bin da also ein bisschen optimistisch. 

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