Interview mit Dexter Fletcher

Der Glauben an sich selbst
Dexter Fletcher mit Taron Edgerton am Set von »Eddie the Eagle«

Dexter Fletcher mit Taron Edgerton am Set von »Eddie the Eagle«

Mit Frank Arnold sprach Dexter Fletcher über seinen Film »Eddie the Eagle«

Mr. Fletcher, wie groß waren die Wellen, die Eddie Edwards 1988 in Großbritannien schlug?

Ziemlich groß – jeder wusste, wer er war. Er wurde zu einem nationalen Phänomen, denn wir haben ja keine Berge, die sich fürs Skispringen eignen. Die Menschen haben ihn damals allerdings mit einer gewissen Ironie betrachtet: da war dieser typische Verlierer, der schlechteste von allen Teilnehmern, was alle wussten, auch er selber. Andererseits gab es so etwas wie einen Nationalstolz, der sich in seiner Person kristallisierte.

Es hat aber nie ein Buch über ihn gegeben?

Nur seine Autobiografie, die er mit einem Ko-Autor schrieb und veröffentlichte, als er 1988 von den Olympischen Spielen zurück kam. Er war damals Anfang zwanzig, hatte also noch nicht so viel zu erzählen. Ich musste mir ein Exemplar über das Internet besorgen und habe keine Ahnung, ob sie jetzt zum Filmstart neu aufgelegt wird.

Das erste Drehbuch für den Film entstand bereits vor vielen Jahren. War es dasselbe, was Sie jetzt für Ihren Film benutzt haben?

Nein, es waren zwar immer noch dieselben Autoren, aber sie haben im Lauf der Jahre unterschiedliche Fassungen für unterschiedliche Regisseure und Produzenten geschrieben.

Haben Sie je mit den Autoren darüber gesprochen, warum der Film erst jetzt zustande kommt? Auch für jemanden wie mich, der sich nicht für Sport interessiert, hat die Story doch einen hohen Identifikationswert.

Das ist vor allem eine Frage des Timings – die richtigen Leute müssen zueinander finden. Hier war es so, dass der Produzent Matthew Vaughn aus seinem letzten Film als Regisseur, »Kingsman: The Secret Service«, diesen aufregenden jungen Hauptdarsteller Taron Egerton hatte, das brachte das Projekt in Gang.

Würden Sie sagen, es war eine glückliche Fügung, dass Sie einen Produzenten hatten, der zugleich Regisseur ist und von daher gute Verbindungen zu Schauspielern besitzt?

Ja, im Fall von Taron Egerton war das sehr gut. Generell ist das eher eine zweischneidige Angelegenheit, denn es kann bedeuten, dass er zu den Dreharbeiten kommt und sich in Dinge einmischt, die in meine Verantwortung fallen. Das war nicht der Fall, zumal Matthew auch ein guter Freund von mir ist. Ich habe in den meisten seiner Regiearbeiten als Darsteller mitgewirkt, er ist da sehr loyal. Das ergab sich alles aus unserer ersten Zusammenarbeit bei »Bube, Dame, König, Gras«, wo er sich dafür einsetzte, dass ich die Rolle bekam. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren, er war in meinem Haus, ich in seinem.

Gab es für die Inszenierung der Skisprünge im Film irgendwelche Spielfilme, an denen Sie Sich orientieren konnten – oder ausschließlich dokumentarisches Material?

Es gibt einen koreanischen Spielfilm, aber sonst nur dokumentarisches Material. Zusammen mit meinem Kameramann und dem Second Unit-Regisseur war ich on location in Garmisch, und dann haben wir die Möglichkeiten besprochen, wo wir die Kamera positionieren konnten.

Haben Sie viel mit der Greenscreen-Technik gearbeitet?

Nein, eigentlich nur bei einem einzigen Sprung, den Hugh Jackman unternimmt und dabei etwas sehr Spezielles macht. Das meiste wurde in der Kamera gemacht, schließlich hatten wir nur ein begrenztes Budget. Bei den Menschenmassen, die während der Olympischen Spiele als Zuschauer zu sehen sind, haben wir natürlich auf Computertechnik zurückgegriffen, ebenso bei zwei Stürzen, die ziemlich brutal waren.

Ich war ein wenig überrascht vom Vorspann, wo es heißt »…und Hugh Jackman«. Ich dachte, diese Formulierung gilt eher für kurze Gastauftritte (wie den von Christopher Walken in diesem Film) – Hugh Jackman verkörpert hier aber ja die zweite Hauptrolle.

Er war sich im Klaren darüber, dass der Film »Eddie the Eagle« und nicht »Bronson, der Trainer« heißt. Er war ein großer Fan von Taron Egerton und bestand deshalb großzügigerweise auf seiner eigenen Nennung in dieser Form. Wir hatten ihm »starring Hugh Jackman« angeboten, aber er lehnte das ab und meinte, das sei Tarons Film, nicht seiner.

Der Auftritt von Christopher Walken war ein Höhepunkt, gerade wenn man mit ihm in Filmen wie »Die durch die Hölle gehen« oder »King of New York« aufgewachsen ist und ihn zuletzt nur in eher banalen Komödien gesehen hat.

Ich stellte gleich zu Beginn klar, dass diese Figur von jemandem verkörpert werden müsse, der größer ist als Hugh Jackman, vor dem Hugh Jackman Respekt hat. Das muss der Zuschauer in der Szene sofort erkennen, denn ich hatte kaum Zeit, die background story der Beziehung dieser beiden Männer zu erzählen. Glücklicherweise stand Christopher Walken auf der Liste von Schauspielern, die ich dafür bekam, an erster Stelle. Die Rolle erforderte nur zwei Drehtage, er las das Drehbuch, wir trafen uns in Garmisch, verständigten uns, und er sagte, ich lese es noch einmal durch, dann teile ich Ihnen meinen Entscheidung mit.

In der Pressekonferenz haben Sie heute früh vom Glauben an sich selber gesprochen. Kann man sagen, dass das das zentrale Thema Ihrer drei Regiearbeiten ist? In ihrem Regiedebüt »Wild Bill«, der hierzulande nicht ins Kino kam, erzählen Sie die Geschichte eines Vaters, der nach acht Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und sich um seine beiden minderjährigen Söhne kümmern muss, die von der Mutter alleine gelassen wurden.

Das stimmt, es geht um den Moment, wo man selber ein anderer wird, das hat mit dem Glauben an sich selbst zu tun, mit dem Preis, den man dafür zahlen muss, aber auch mit dem Gewinn, den das für die eigene Person bedeutet. Diese Balance drückt das aus, was ich für wichtig halte im Leben. In »Wild Bill« habe ich das am klarsten formuliert: der Protagonist ist noch nicht erwachsen, als er aus dem Knast kommt; ein Mann zu werden, lernt er erst von seinem 13jährigen Sohn, der das bereits ist, schließlich musste er sich alleine um seinen jüngeren Bruder kümmern.

Als Schauspieler haben Sie mehrfach mit Kollegen gearbeitet, die später selber hinter die Kamera wechselten: Bob Hoskins, Jodie Foster, Mel Gibson, Al Pacino. Haben Gespräche mit denen Sie beeinflusst, ebenfalls ins Regiefach zu wechseln?

Möglicherweise. Ich glaube, am ehesten die Gespräche mit Bob Hoskins, der ein enger Freund war und in dessen Regiedebüt »Raggedy – Eine Geschichte von Liebe, Flucht und Tod« (1988) ich die Hauptrolle spielen durfte. Aber die Geschichte von »Wild Bill« wollte ich einfach erzählen, ich schrieb das Drehbuch mit einem Freund, die Produzenten, die wir dann fanden, gingen automatisch davon aus, dass ich auch die Regie übernehmen würde. Ich widersprach ihnen nicht und fand das dann sehr stimulierend. Das hat auch mit dem Glauben an sich selbst zu tun, denn mir hatten schon mehrfach zuvor Menschen gesagt, ich solle Regie führen, besonders meine Frau Dalia war davon überzeugt, dass ich das könne.

Als Regisseur haben Sie Sich Ihr Handwerk selber beigebracht?

Ja, denn ich stand schon als Sechsjähriger vor der Kamera. Und als ich Neun war, spielte ich in »Bugsy Malone«. Ich verbrachte eine große Zeit meines Lebens an Filmsets und begriff, wie die Arbeit funktioniert. In meinem Kameramann George Richmond hatte und habe ich einen tollen Mitarbeiter. Ich muss kein Auteur sein, kein Diktator, ich schätze die Zusammenarbeit, wo sich jeder als Teil des Ganzen fühlt.

Sie haben auch am Drehbuch von »Eddie the Eagle« mitgearbeitet?

Ja, Matthew Vaughn und ich haben einiges hinzugefügt; mir war die Rolle des Vaters wichtig. Auch die Typen, die Eddie auslachen und die Offiziellen des britischen Olympischen Komitees, die ihm Steine in den Weg legten.

»Wild Bill« (2011) ist als DVD und Blu-ray bei Tiberius Film erschienen, »Make my Heart Fly – Verliebt in Edinburgh« (Sunshine on Leith, 2013) bei Senator.

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