Filmfestival Cottbus 2016

Hüben und drüben
Filmfestival Cottbus 2016: »Felvidék. Caught in Between« (2014). © Mandala Pictures

»Felvidék. Caught in Between« (2014). © Mandala Pictures

Das dem osteuropäischen Film gewidmete Festival von Cottbus zeigte mit dem Special »Spuren suchen« eine interessante Reihe zum Thema Deportation mit meist autobiografisch inspirierten Dokus

Ein alter Rucksack zierte in diesem Jahr das Plakat des 26. Filmfestivals von Cottbus, ein Rucksack, mit Lederbändern, wie wir ihn aus Archivaufnahmen kennen, auf dem Rücken der vielen Millionen Menschen, die in den späten vierziger Jahren unterwegs waren, neben den Karren mit ihrer Habe oder als sie in Waggons stiegen, die sie in eine neue, fremde Zukunft brachten. Auf einem zweiten Plakat war ein damals millionenfach in Gebrauch befindlicher Koffer zu sehen und auch der verwies auf das Special des diesjährigen Festivals »Spuren suchen: deutsch-polnisch-tschechische Geschichte(n) im Wandel«. Flucht und Vertreibung waren jahrzehntelang ein Tabuthema im mittel- und osteuropäischen Film. Und bei uns war das Thema besetzt von Landsmannschaften und Revanchisten.

Aber spätestens seitdem das tschechische Fernsehen 2011 die Doku »Töten auf Tschechisch« ausstrahlte, die sich mit zwei Massakern an Sudetendeutschen, in Pöstelberg und in Prag, beschäftigte, scheint das Eis gebrochen. 2011 kamen auch zwei weitere Filme zum Thema heraus: der grandiose tschechische Animationsfilm »Alois Nebel« von Tomas Lunak, der auch von Deportationen und Erschießungen erzählt, und der polnische Spielfilm »Roza« von Wojtek Smarzowski um das Schicksal einer Masurendeutschen. Beide waren Bestandteil des Specials in Cottbus.

Die Generation der an Krieg und Vertreibung Beteiligten ist am Schwinden, die Erinnerungskultur wird mittlerweile von den Söhnen und Töchtern, wenn nicht gar Enkeln, getragen. Das Gros der Filme der Cottbuser Reihe waren Dokumentarfilme aus Osteuropa. Schuld, Rache oder Rechtfertigung spielen keine Rolle mehr, sie setzen sich vielmehr mit der Landschaft, den Orten, auseinander. Die meisten sind autobiografisch geprägt, Reisen in die eigene Familiengeschichte, manchmal fast tagebuchartig angelegt, eine Spurensuche ganz wörtlich genommen, ein Stöbern in alten Fotografien und baufälligen Häusern, mit Fragen ohne jede Polemik. Mitunter wirken die ästhetischen Mittel ungelenk, wie in Kristina Forbats »Return to the Windy City«, die mit Drohnenaufnahmen und Postkarten­ansichten so etwas wie eine Hommage an die Stadt ihrer Kindheit versucht, an Košice in der Ostslowakei, aus der die Familie 1989 nach Deutschland emigrierte. Aber auch hier spürt man das Bemühen, die multikulturelle und multiethnische Atmosphäre nachzuzeichnen, in der Slowaken, Deutsche, Juden und Ungarn zusammenlebten.

Man ist ja geneigt, Vertreibung und Umsiedlung zuvorderst aus deutscher Perspektive wahrzunehmen. Vladislava Plancikova-Sarkany führt in »Felvidék. Caught in Between«, der besten Doku der Reihe, in das Grenzgebiet zwischen Ungarn und der Slowakei, die Region Felvidék. Hüben und drüben lebte auch immer die jeweils andere ethnische Minorität. Als Ungarn noch vor dem Zweiten Weltkrieg die Gegend eroberte, flüchteten die Slowaken und Tschechen, nach dem Krieg siedelten die tschechoslowakischen Kommunisten viele ethnische Ungarn aus, etwa in die von den Deutschen verlassenen Gebiete Westböhmens. Später dann wurde ein regelrechter Bevölkerungsaustausch zwischen beiden Ländern vereinbart. Die Familie der Filmemacherin stammt aus dem ungarischen Komlos und ist in die Slowakei umgesiedelt. Neben den Interviews überzeugt dieser Film vor allem mit seinem spielerischen Umgang mit dem Material und seinem Mix aus Fotografien, Standbildern, Aufprojektionen und Stop-Motion-Animationen: Da wird mit Hilfe von Bohnen schon mal eine Landkarte dargestellt.

Unter den jungen Slowaken und Ungarn in »Felvidék« spielt der Nationalismus keine Rolle mehr. »In Kytlice, Zimmer frei« von Rozalie Kohoutova sind die Wunden der Vergangenheit dagegen noch nicht verheilt. Die Filmemacherin besucht das Haus in Böhmen, das ihren Großeltern gehört und in dem sie ihre Sommerferien verbracht hat. Die Gegend ist heute ziemlich entvölkert, viele Tschechen haben Wochenendhäuser hier. Ein Massaker hat es auch gegeben, aber der ehemalige Bürgermeister scheitert mit seinem Versuch, ein Mahnmal einzurichten. Die Zeit sei noch nicht reif, entscheidet der Gemeinderat.

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