Kritik zu Zentralflughafen THF

© Piffl Medien

2018
Original-Titel: 
Zentralflughafen THF
Filmstart in Deutschland: 
05.07.2018
L: 
100 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Brasilianer Karim Aïnouz dokumentiert die Atmosphäre in der Flüchtlingsunterbringung im Dauerprovisorium des ehemaligen Flughafens Tempelhof

Bewertung: 4
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Wie Bahnhöfe sind Flughäfen zugleich Orte und Metaphern des Transits. Der Flughafen Berlin-Tempelhof wurde erst vom Naziregime für sein Kriegsprogramm massiv ausgebaut und dann via Luftbrücke zum Symbol für die Verbindung Westberlins mit der »freien Welt«. So erläutert es auch eine Stadtführerin in der einleitenden Szene dieses Films. Dann Schnitt: und Vogelblick in einen riesigen Hangar auf ein Raster von etwa sechs Dutzend nach oben offenen Kammern, über denen schrittweise automatisch das Licht erlischt. Hier leben die Menschen, die von den neuen Kriegen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, zu Tausenden in den auch seitlich nur mit einer Decke geschlossenen Absperrungen. Die fehlende Privatheit hatte man bei der Planung vernachlässigt, weil an eine Bleibezeit von ein paar Wochen gedacht war. Doch mittlerweile ist für viele ein Dauerprovisorium mit bis zu zwei Jahren Warten und Unselbständigkeit daraus geworden.

Ai Weiwei hat für seinen Film »Human Flow« hier einige Szenen gedreht. Nun durfte Regisseur Karim Aïnouz ab Juni 2016 ein ganzes Jahr lang mit der Kamera dabei sein. Es ist ihm gelungen, neben dem durch den Film leitenden Einzelschicksal eines jungen Mannes auch die Routinen und die Atmosphäre um die von einer Privatfirma betriebene Institution einzufangen. Schön umgesetzt ist dabei ein naheliegender, doch deshalb nicht weniger überzeugender Kunstgriff: den nur durch einen Zaun von der Flüchtlingsunterkunft getrennten riesigen Park »Tempelhofer Freiheit« mit seinem bunten Volk an Joggern, Picknickern, Drachenlenkern, Segway-Fahrern und Imkern mit in den Film hineinzunehmen.

Der brasilianische Regisseur tut das mit dezentem dokumentarischem Blick, ohne die so unterschiedlichen Welten plakativ gegeneinander auszuspielen. Während dem Geschehen auf dem Feld draußen nur ein paar joviale Wachmänner Kontinuität geben, sind es drinnen Impf- und Essensroutinen. Dazwischen neu eintreffende Familien und alteingesessene Bewohner wie ein syrischer Arzt, der wegen fehlender Zeugnisse als Übersetzer arbeitet.

Im Zentrum aber steht Ibrahim, ein 20-jähriger Mann aus der nordsyrischen Grenzregion, der über die Balkanroute nach Deutschland kam und im Off Fragmentarisches aus Erinnerungen und Gefühlsleben erzählt. Bei Drehbeginn ist er bereits vier Monate in Tempelhof und wartet wie viele andere fast fatalistisch auf den Bescheid der Behörde. Immerhin hat er ein paar Kumpels gefunden, mit denen er bei einer Shisha mit Panoramablick aufs Feld abhängen kann.

Für die Details der Asylverfahren interessiert sich Aïnouz nur, wenn sie in den Gesprächen der Flüchtlinge vorkommen. Auffällig und erfreulich auch, dass der Film ganz auf die Kraft der Situationen selbst vertraut und fast ostentativ auf Skandalisierung verzichtet. Den Geflüchteten gibt er genug emotionale Distanz zu einer differenzierten Entfaltung. Vielleicht hat diese fast entspannte dokumentarische Haltung einen Grund auch darin, dass der Filmemacher eigentlich mit einem ganz anderen Projekt nach Berlin kam: Er wollte einen Film über die Schließung des Flughafens Tegel machen.

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