Kritik zu X-Men Origins: Wolverine

© 20th Century Fox

Die Folge, die erzählt, wie alles begann: Hugh Jackman führt unter der Regie von Gavin Hood vor, wie seine Figur zu dem Wolverine wurde, den man aus den bisherigen Teilen der »X-Men«-Saga schon kennt

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Auf dem Feld der Comic-Verfilmungen setzt sich eine starke Tendenz zu mehr Gefühl und Realismus durch. Die einst so hochfliegenden Helden schlagen Wurzeln auf dem Boden der harschen Wirklichkeit, was gewiss auch damit zu tun hat, dass sich die erste Euphorie über die unermesslichen Möglichkeiten der Computertricktechnik gelegt hat. So eröffnet sich zunehmend mehr Raum für psychologische Untiefen, selbst klassische Superhelden wie Batman und Spiderman zeigen längst auch düster menschliche Abgründe, ganz zu schweigen von »Hulk«, »Hellboy« und »Wolverine«, die von vornherein die Wut des Underdogs in sich trugen, einen unbändig animalischen Zorn auf die Regierungen und Militärs, die ihren Zustand durch skrupellose Experimente herbeigeführt haben.

Bei den »X-Men« ging es freilich von vornherein um mehr als nur persönliche Rache oder die Ambitionen zur Rettung der Welt. Unter der Oberfläche eines grandiosen Actionspektakels brodelten komplexe Themen von Diskriminierung und Toleranz, stellvertretend für Juden, Schwarze oder Homosexuelle sind es in diesem Fall eben Mutanten, die die Menschen mit beunruhigenden Eigenschaften und Fähigkeiten bedrohen und herausfordern.

Dabei war Hugh Jackman mit seiner Herkunft von der hohen Kunst des Theaters von vornherein eine anachronistische Wahl für die Besetzung eines Comic-Superhelden, aus dessen Knöcheln immer dann Stahlklauen herausschnellen, wenn das Unrechtsempfinden in ihm hochkocht. Doch dann machte ihn die Rolle im Jahr 2000 wider Erwarten auf einen Schlag weltberühmt. Nach drei Verfilmungen der »X-Men«-Saga hat er jetzt Lust auf ein Spin-Off bekommen, in dem er die Abgründe seiner Figur ergründet, die ganze verschüttete Vergangenheit, die bisher nur in kurzen Erinnerungsschnipseln aufblitzte.

Wie Christopher Nolan in seiner Neugründung der »Batman«-Serie wollte Jackman nun die Psycho-Historie seiner Figur ergründen und sicherte sich als Produzent von »Wolverine« den entsprechenden Einfluss. Nachdem Bryan Singer und Brett Ratner bei den ersten »X-Men«-Verfilmungen vor allem auf spektakuläre Effekte setzten, holte er sich mit Gavin Hood einen Regisseur, der sich bisher keineswegs als Actionregisseur hervorgetan hatte. In dem mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichneten »Tsotsi« erzählte der südafrikanische Regisseur die intime Geschichte eines Johannesburger Kleinkriminellen, der durch die Begegnung mit einem hilflosen Baby geläutert wird, und in »Machtlos« mit Jake Gyllenhaal und Reese Witherspoon bewies er eine Sensibilität für virulente politische Themen, die nun auch in seinem neuesten Film durchschimmert.

Ähnlich wie in »Batman Begins« wird auch hier das Trauma eines Kindes aufgerollt, das für den Tod seines Vaters verantwortlich ist. Hinzu kommt ein archaischer Bruderzwist: der Bruder, mit dem er im amerikanischen Bürgerkrieg, in den beiden Weltkriegen und im Vietnamkrieg noch Seite an Seite kämpft, wird sich zu seinem Erzfeind entwickeln. Ihr Kampfgeist und die erstaunlichen Regenerationsfähigkeiten ziehen bald die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, die sie für eine Spezialeinheit rekrutiert. Während Liev Schreibers Figur hier eine Chance zur Selbstverwirklichung erkennt, hadert Hugh Jackmans Logan bald mit der zweifelhaften Moral, und zieht sich in die kanadischen Wälder zurück, bis er nach sieben Jahren von der Vergangenheit eingeholt wird.

Zwischen dem Leben als Naturbursche, dem Schicksal als Laborratte und der Bestimmung als aufmüpfiger Rächer findet der Film jede Menge Gelegenheiten, um Kapital aus dem Status seines Stars als sexiest man alive zu schlagen, ob er nun mit bloßem Oberkörper morgens vor der Holzfällerhütte im Sonnenaufgang die Muskeln spielen lässt, sich im High-Tech-Labor gegen die Anschnallgurte auflehnt oder auf der Flucht splitterfasernackt durch die herbstliche Landschaft rennt und sich in die Fluten eines mächtigen Wasserfalls stürzt. Mit australischer Respektlosigkeit und selbstironischer Lässigkeit findet Hugh Jackman zu einer angenehmen Balance zwischen Superheldenstatus und Menschenexistenz, mit der sich eingefleischte Comicfans ebenso arrangieren können wie die etwas erwachseneren Kindzuschauer.

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