Kritik zu Wüstenblume

© Majestic

2009
Original-Titel: 
Desert Flower
Filmstart in Deutschland: 
24.09.2009
K: 
Musik: 
L: 
120 Min
FSK: 
12

Das somalische Fotomodell Waris Dirie sorgte 1997 für Schlagzeilen, als sie über ihre Kindheit und das Thema Genitalverstümmelung sprach. Sherry Hormann hat nun ihre Autobiografie verfilmt

Bewertung: 2
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Dirie machte als eine der Ersten auf eine archaische Praxis aufmerksam, die in den Ländern Afrikas weit verbreitet ist, im Westen aber allenfalls als kulturelle Eigenart wahrgenommen wurde. Im selben Jahr ernannte Kofi Annan sie zur UN-Botschafterin. Seitdem hat Dirie drei internationale Bestseller geschrieben, darunter ihre Autobiografie »Wüstenblume«. Diese Lebensgeschichte ist geradezu prädestiniert für einen Kinofilm: Dirie wuchs unter afrikanischen Nomaden auf und wurde im Alter von drei Jahren der Tradition ihres Stammes gemäß »beschnitten«. Mit dreizehn floh sie vor einer arrangierten Hochzeit zur Familie ihrer Mutter in die Stadt. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs landete sie über Umwege in London, wo sie bis zur Schließung der somalischen Botschaft als Putzmädchen arbeitete. Als sie der berühmte Modefotograf Terence Donovan (im Film von Timothy Spall gespielt) in einem McDonalds-Restaurant entdeckt, ändert sich ihr Leben abrupt. In der Modewelt gilt Dirie lange als das »Nomadenmädchen« (ihr Vorname bedeutet übersetzt »Wüstenblume«); erst auf dem Höhepunkt ihrer Karriere geht sie mit ihrer Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit.

Filme wie »Wüstenblume« haben das Problem, dass man zwischen dem Werk und der Aufmerksamkeit, die sein Thema erzeugt, nur schwer unterscheiden kann. Dies wird umso ärgerlicher, wenn der Film seiner Thematik nicht gerecht wird. Die deutsch-amerikanische Regisseurin Sherry Hormann hat beim Fernsehen ihre ersten Erfahrungen gesammelt, und diese formativen Jahre sind dem Film deutlich anzumerken. »Wüstenblume« hat einen Hang zum Offensichtlichen, zudem leidet er unter der etwas prosaischen Chronistenpflicht der Regisseurin, die gleichzeitig auch als Drehbuchautorin fungiert. Statt sich auf wenige Aspekte zu konzentrieren, wird Diries (Liya Kebede in ihrer ersten Hauptrolle) Lebensgeschichte allzu wörtlich genommen; der Film hetzt von einer Station zur nächsten. Eine erfundene Liebesgeschichte mit einem jungen New Yorker (Anthony Mackie), den sie in London kennenlernt, tut ihr Übriges.

Der Film bemüht sich um den Stil des britischen Sozialrealismus à la Mike Leigh. Dessen Entdeckung Sally Hawkins spielt hier eine ganz ähnliche Rolle wie in »Happy-Go-Lucky«, ein ordinäres Mädchen mit dem Herz am rechten Fleck. Sie liest die junge Waris von der Straße auf. Leider sieht Sozialrealismus in Fernsehästhetik immer etwas bieder aus. Hawkins verleiht Hormanns Film stellenweise eine schöne Schnoddrigkeit. Trotzdem ist »Wüstenblume« nicht vor Ausreißern ins Flapsige gefeit; man wartet regelrecht darauf, dass Hugh Grant irgendwann um die Ecke kommt. (Es ist dann aber doch nur Rhys Ifans' Lookalike Craig Parkinson.)

So gelingt es Hormann nicht, einen angemessenen Tonfall für Waris Diries Geschichte zu finden. Ihr Plädoyer vor der UN gegen das Ritual der Genitalverstümmelung wird im Film als später dramatischer Höhepunkt verheizt, obwohl es eigentlich sein Herzstück darstellen sollte. »Wüstenblume« wäre gerne großes Kino, kann aber trotz namhafter Besetzung seine inszenatorischen Defizite nie ganz überspielen.

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