Kritik zu The Wolf of Wall Street

Trailer #01, deutsch
© Universal Pictures

Im Vollrausch des Geldes: Martin Scorsese verfilmt die Auto­biografie des betrügerischen Aktienhändlers und Multimillionärs Jordan Belfort als Endlosorgie

Bewertung: 4
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3.6 (Stimmen: 8)

Macht Geld glücklich? Auf diese ewige Frage gibt Martin Scorsese in »The Wolf of Wall Street« gleich zu Beginn eine so furiose wie aufschlussreiche Antwort. Da stellt sich aus dem Off ein Mann mit Namen Jordan Belfort vor und erzählt, dass er es im Alter von 26 Jahren auf ein Jahreseinkommen von 49 Millionen Dollar gebracht habe. Und während die Stimme noch darüber scherzt, dass das ärgerlicherweise drei Millionen zu wenig waren, um auf eine pro Woche zu kommen, sieht man, was der junge Mann mit all seinem Geld so anstellte: Zum Beispiel heuerte er zum Amüsement seiner Mitarbeiter kleinwüchsige Menschen an, die sich auf Zielscheiben werfen lassen. Und er kaufte sich Drogen aller Art. Und Prostituierte. Und das Privileg, beides auf einmal genießen zu können – eine Einstellung zeigt ihn beim Schnupfen von Kokain von den Arschbacken einer nackten Frau. Natürlich kaufte er sich auch ein großes Haus mit riesigem Garten. Und einen Hubschrauber dazu. Und dann zeigt der Film, was Geld noch kaufen kann: die Macht, auch mal selbst das Steuer ergreifen zu können, um zugedröhnt von all den Drogen den Hubschrauber fast zum Absturz im eigenen Garten zu bringen.

Der Beinahe-Hubschrauberabsturz, die Frauen, die Zwerge und die Drogen – das alles sind verbürgte Elemente aus der Autobiografie von Jordan Belfort, der sich selbst den Titel »Wolf der Wall Street« verlieh, obwohl seine Firma ihren Sitz nicht an der Wall Street, sondern in Long Island hatte. Belfort machte in den 80er und 90er Jahren von sich reden, weil er mit aggressiven Verkaufsmethoden im Aktienhandel mit 26 Jahren zum Multimillionär aufstieg. Dass er dabei größtenteils illegale Praktiken anwendete und viele Menschen um ihre Ersparnisse brachte, musste er erst Ende der 90er Jahre mit einer Haftstrafe büßen.

Im Film von Leonardo DiCaprio verkörpert, hört man ihn auf der Höhe seiner Börsenkarriere das Geld als Mittel zur Unbesiegbarkeit preisen. Mit Geld könne man die Welt erobern und seine Feinde vernichten. Doch was man auf der Leinwand dazu sieht, ist etwas anders: Geld ermöglicht, sich nicht an die Regeln halten zu müssen, Geld ermöglicht Exzess und Entgrenzung, die anarchische Freiheit des absoluten Sich-gehen-Lassens. Das zumindest legt Martin Scorsese in seiner dreistündigen Verfilmung von Belforts Auotobiografie nahe, indem er wieder und wieder Drogenrausch und Orgien in Szene setzt. Die meiste Zeit sind es Massenszenen: Betriebsfeiern von Stratton Oakmont, Belforts Firma, auf denen der Alkohol in Strömen fließt, nackte Frauenleiber mit Johlen begrüßt und Pillen aller Art geschluckt werden.

»The Wolf of Wall Street« ist eine Enttäuschung für alle, die von Scorsese einen Film »zur Finanzkrise« erwartet haben. Als habe er das vorhergesehen, hält Scorsese diesen Kritikern unsere, des Zuschauers, Unterhaltungssucht entgegen: Mehrfach hebt die Stimme aus dem Off dazu an, Zusammenhänge zu erklären, etwa was Pink-Sheet-Aktien sind oder wie eine Aktienemission vonstattengeht. Doch nach wenigen Sätzen bricht die Stimme mit der Frage ab: »Aber interessiert Sie das nun wirklich?« Und es folgt wie mit unserer aller Zustimmung die Beschreibung des nächsten dekadenten Unternehmens von Belfort und Konsorten.

Schwerer wiegt vielleicht der Vorwurf, dass Scorsese in seinem Film den Opfern, den vielen von Belfort Geprellten, keinen Platz einräumt. Vielmehr hält er sich ganz an dessen von Narzissmus und Größenwahn auf Tunnelblick verengte Perspektive, die kaum die Selbstgefährdungen erkennt, geschweige denn den Schaden, den er um sich herum anrichtet. Doch gerade auf die Darstellung dieser Haltung kommt es Scorsese an, wie eine der stärksten Episoden des Films zeigt, in der Belfort durch Drogen jeder Sprachfähigkeit und jeder Körperkoordinierung beraubt auf allen vieren in sein Luxusauto robbt und nach Hause fährt. Er glaubt zunächst, es sei alles gut gegangen. Doch am Morgen muss er sich vom Anblick seines total lädierten Wagens und der Polizei eines Besseren belehren lassen.

Scorseses Film ist weder Moritat noch Lehrstück. Wenn sich eine These aus »The Wolf of Wall Street« gewinnen lässt, dann die, dass Geld vulgär und gewöhnlich macht und mithin das Gegenteil von Raffinement und Kultur bedeutet.

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