Kritik zu Vielleicht lieber morgen

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Der nostalgische, melancholische, bittersüße Charme des Mixtapes oder »Young adult« einmal anders: Stephen Chbosky verfilmt seinen Jugendroman »Das also ist mein Leben« aus dem Jahr 1999 mit Emma Watson und Logan Lerman

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Wenn ein Autor sein eigenes Werk verfilmt, muss sich die Fähigkeit Szenen wegzulassen mit einem Gespür für die filmischen Möglichkeiten verbinden, ein Spagat, der nur allzu selten, wenn überhaupt gelingt. Nun ist Stephen Chbosky bei seinem 1999 veröffentlichtem Roman mit dem wundervollen Titel »The Perks of being a Wallflower« (dt. Titel: »Das also ist mein Leben«) genau das geglückt: In einer fein austarierten Balance aus Werktreue und Respektlosigkeit, aus Nostalgie und Verzweiflung, aus euphorischen Glücksmomenten und niederschmetternden Schmerzwallungen fängt er den sprunghaften Gefühlsalltag von Teenagern authentisch ein, getragen von einem großartigen Schauspielerensemble und einem stimmungsvollen Soundtrack aus den 90er Jahren.

Vom Buch übernimmt der Film als Off- Kommentar die Lebensperspektive von Charlie, der wiederum die Sorgen und Nöte des Coming-of-Age in Form von Tagebuchbriefen an einen imaginären Freund verarbeitet. Fest entschlossen, die schmerzlichen Außenseitererfahrungen der vergangenen Schuljahre im gerade anbrechenden Freshman-Jahr an der Highschool hinter sich zu lassen, stolpert er aufs Neue in die alten Schwierigkeiten, während die Schatten einer traumatischen Vergangenheit in Form von Alpträumen und Erinnerungsfetzen um ihn herumtanzen. Aufgefangen wird Charlie von zwei Kids aus dem oberen Jahrgang, die ihren Status als Außenseiter offensiv feiern, statt ihn defensiv zu betrauern, wobei ihr erfrischender Nonkonformismus aus der Perspektive der Zuschauer ohnehin viel cooler wirkt als die angepassten Albernheiten der tonangebenden Kids.

Auch wenn Stephen Chbosky mit Jahrgang 70 einen Hauch zu alt ist für eine Jugend in den Neunzigern, meistert er auf den Wogen der Musik von The Smiths, Cocteau Twins oder David Bowie den Drahtseilakt zwischen intimer Teenie-Erfahrung und authentischem Zeitkolorit. In einer nächtlichen Fahrt mit offenem Autodach wird Bowies »Heroes« zur Hymne an die unbegrenzten Möglichkeiten der Jugendzeit, und wenn Emma Watson die Arme ins Neonlicht des Tunnels reckt, ist sie für einen Moment lang ähnlich on top of the world wie die Liebenden am Bug der Titanic. Und plötzlich ahnt man, dass das sanfte Wohlgefühl, das über den Szenerien liegt, auch etwas damit zu tun haben könnte, dass die 90er noch eine Zeit der Unschuld waren, vor Computern und Handys, dass mit ihrem kalten Schein, womöglich doch ein bisschen vom Zauber menschlicher Beziehungen verloren gegangen ist, und dass schließlich auch das gute, alte Mixtape, das man damals für einen geliebten Menschen zusammenstellte, mehr Seele hatte, als es eine iPod-Kompilation jemals haben wird. Die Chemie zwischen Emma Watson, die bereits in den letzten Harry-Potter- Filmen als herausstechendes Talent erkennbar war, Ezra Miller, der gerade noch inWe Need to Talk About Kevin einen verstörenden, jugendlichen Psychopathen spielte und Logan Lerman (Percy Jackson, Die drei Musketiere) trägt das ihre dazu bei, dass dieser Feelgoodfilm zugleich sehr viel vergnüglicher und tiefgründiger ist als durchschnittliche Highschoolmovies.

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