Kritik zu Unterm Sternenhimmel

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In einer Zeit, in der das Wort Migration vorwiegend mit Bildern von traumatisierten Flüchtlingen assoziiert wird, hat die französisch-senegalesische Filmemacherin Dyana Gaye einen wunderbaren kleinen Film über das Ankommen gedreht

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Der Titel Unterm Sternenhimmel, nach einer Reihe von kürzeren Arbeiten Gayes erster Langfilm, mag in diesen Tagen manchem realitätsfern und unbegründet optimistisch erscheinen. Anders etwa als Die Piroge ihres senegalesischen Landsmanns Moussa Touré handelt Des ­étoiles – so der weniger sentimentale Originaltitel – nicht von überfüllten Seelenverkäufern, kriminellen Schleppern und einer inhumanen europäischen Abschottungspolitik mit all ihren Begleiterscheinungen.

Gaya verteilt die Episoden ihres Films über drei Kontinente. Die junge Sophie ­(Marème Demba Ly) kommt aus Dakar in Turin an, wo sie mit ihrem vorausgereisten Mann Abdoulaye (Souleymane Seye Ndiaye) ein neues Leben beginnen will. Doch Abdoulaye ist bereits mit Hilfe von Schleusern nach New York verschwunden, wo er bei Sophies Tante (Sokhna Niang) Unterschlupf zu finden hofft. Die Tante aber ist soeben mit ­ihrem Sohn Thierno (Ralph Amoussou) in den Senegal gereist, um ihren Exmann zu beerdigen, der inzwischen in seiner alten Heimat eine neue Familie gegründet hatte. So schließt sich, zumindest geografisch, der Kreis der Erzählung. Für die Protagonisten, die sich in dem Film nie begegnen, schließt er sich nicht. Jeder von ihnen sieht sich mit unerwarteten Herausforderungen konfrontiert, muss für sich mit neuen Lebenssituationen fertigwerden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle auf Menschen treffen, die sie uneigennützig unterstützen. Sophie, in deren Person sich die Geschichten überschneiden, kommt in einer Wohngemeinschaft unter und lernt den Ukrainer Vadim kennen, mit dem sich zaghaft eine Beziehung entwickelt. Abdoulaye findet einen Job bei einem senegalesischen Landsmann, der in New York eine kleine Kneipe betreibt – und dem er am Ende die Ladenkasse stiehlt, um sich nach Kalifornien durchzuschlagen. Der Informatikstudent Thierno geht den entgegengesetzten Weg. Als Begleiter seiner Mutter, die sich als Amerikanerin von ihren ursprünglichen Traditionen nach vielen Jahren schon weit entfernt zeigt, begegnet er deren Heimat mit dem neugierigen Blick eines Fremden. Seine Stiefgeschwister wiederum bewundern ihn nach anfänglichem Misstrauen wie einen Boten aus dem Land ihrer Sehnsucht.

Der Filmemacherin geht es dem eigenen Bekunden nach »nicht darum, eine afrikanische oder senegalesische Identität bestimmen zu wollen«, vielmehr beobachtet sie »Interaktionen«, die, zumindest in den Metropolen, längst ein neues Verständnis von (multi-)kulturellen Identitäten ausgebildet haben. Unterm Sternenhimmel ist bei all dem kein naiv-optimistischer Film. Dyana Gaye verschweigt nicht die Kehrseite eines Migrantendaseins. Afrikanische Frauen prostituieren sich in Europa, Firmen zahlen Hungerlöhne, kulturelle Irritationen und soziale Risse gehen quer durch die Familien. Gaye macht daraus aber kein Lehrstück, sondern zeigt mit einer für einen Erstlingsfilm bemerkenswerten Leichtigkeit, hervorragenden Darstellern und einem Soundtrack, der die multiethnische Mixtur unaufdringlich begleitet, dass in all diesen Schwierigkeiten auch Chancen liegen.

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